Gökhan, wie würdest du jemandem, der neu im Fußball ist, deine Hauptverantwortung als Technischer Direktor beschreiben?
Man kann es als einen 360-Grad-Job bezeichnen. Meine Aufgabe ist es, überall präsent zu sein – an der Seite der Spieler, des Trainerstabs und des gesamten Vereinsmanagements. Man braucht den kompletten Überblick über alle Abteilungen. Früher sah man Sportdirektoren selten auf dem Trainingsplatz; heute ist das Profil viel präsenter. Ich beobachte die Einheiten, analysiere die Daten und bin nah an der Mannschaft. Genau diese tägliche Herausforderung gefällt mir.
Fiel dir der Übergang vom Rasen an den Schreibtisch leicht?
Ehrlich gesagt: Nein. Aber ich hatte etwa ein Jahr Zeit, mich mental auf das Karriereende vorzubereiten. Mein Ziel war immer die Rolle des Sportdirektors. Jetzt trage ich die Verantwortung für das gesamte Gefüge. Man muss 24 Stunden am Tag für alle erreichbar sein. Meine 20-jährige Erfahrung hilft mir enorm, aber man muss mental extrem frisch sein. Nicht jeder Tag im Fußball ist perfekt, deshalb ist es entscheidend, die richtige Balance zu finden und jedem im Klub mit Respekt zu begegnen.
Was hat dich in der neuen Position am meisten überrascht?
Als Spieler ist man fokussiert auf Leistung, Fitness und Regeneration. In meiner jetzigen Rolle ist die Dynamik völlig anders: Der Druck kommt von überall – von den Medien, den Fans und dem Management. Man muss alles ausbalancieren. Damit die Spieler am Wochenende liefern können, muss man sie vor äußeren Einflüssen abschirmen. Der Fußball hat sich extrem verändert, man muss heute viel wachsamer sein als früher.
Ist der mentale Druck im Management höher als der körperliche Druck als Spieler?
Beides ist intensiv, aber auf andere Weise. Als Spieler musst du physisch ans Limit gehen. In meiner Rolle ist die Belastung rein mental. Ein Spieler geht nach dem Training heim und schaltet bei der Familie ab. Ich arbeite weiter, plane den nächsten Tag, kümmere mich um das Marketing und die Organisation. Man muss einen klaren Kopf behalten und ehrlich zu sich selbst sein. Ich mag diese Intensität.

Hat sich der Anspruch an den Fußball in den letzten 15 Jahren massiv gesteigert?
Definitiv. Die Erwartungen sind durch soziale Netzwerke und die ständige Medienpräsenz explodiert. Jede Bewegung wird heute registriert und bewertet. Das gilt für Spieler und Funktionäre gleichermaßen. Es ist eine riesige Aufgabe, in diesem Umfeld die Glaubwürdigkeit und den Respekt zu wahren.
Kommen wir zur 'Udinese-DNA'. Was zeichnet einen Spieler dieses Vereins aus?
Udinese ist eine Talentschmiede. Die DNA bedeutet, dass ein Spieler hier alles vorfindet, um sein höchstes Niveau zu erreichen. Aber er muss Demut mitbringen. Man muss verstehen: Udinese ist ein besonderer Ort, aber wir sind nicht Milan oder Neapel. Deshalb führen wir neue Spieler jetzt ganz bewusst ein – wir erklären ihnen die Kultur des Klubs und der Region. Bei so vielen Nationalitäten ist es entscheidend, sie von Tag eins an auf den richtigen Weg zu führen.

Die Strategie von Udinese ist es, Talente zu entwickeln und gewinnbringend zu verkaufen. War diese Vision ein Grund für deine Zusage?
Ich kenne die Familie Pozzo seit meiner Zeit als Spieler und wir sind immer in Kontakt geblieben. Ich schätze ihre Arbeitsmoral, denn ich bin selbst ein Arbeiter. Es war eine Ehre, diese Chance direkt nach der Karriere zu bekommen. Sprachkenntnisse waren dabei der Schlüssel – Italienisch ist Grundvoraussetzung. Nicht jeder Ex-Profi ist für diesen anspruchsvollen Bereich bereit, aber ich war hungrig auf diese Aufgabe.
Ist es frustrierend, wenn Top-Performer den Verein nach kurzer Zeit wieder verlassen?
Das ist Teil unseres Geschäftsmodells. Ein Spieler kommt zu uns, um den nächsten Schritt zu machen. Ich habe das selbst erlebt: Nach vier Jahren in Udine ging ich nach Neapel. Ich weiß also, wie man die Jungs darauf vorbereitet. Nehmen wir Florian Thauvin: Er kam als Top-Profi, entwickelte sich hier zum Leader und Kapitän. Wir haben den Teamgeist im Verein gestärkt. Dass Udinese seit über 30 Jahren in der Serie A spielt, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit der Familie Pozzo.
Du hast Florian Thauvin erwähnt. Hilfst du Trainer Kosta Runjaic aktiv dabei, die Hierarchie in der Kabine zu gestalten?
Ja, ich bringe meine Erfahrung als Schweizer Nationalkapitän ein. Ottmar Hitzfeld hat mich damals zum Kapitän gemacht, auch weil ich als Integrationsfigur zwischen den Kulturen fungierte. Ein Kapitän zu sein ist harte Arbeit und mehr als nur eine Binde. In Udine haben wir uns bewusst für Thauvin und Jaka Bijol entschieden, und nun für Jesper Karlstrom und Sandy Lovric. Ich tausche mich dazu intensiv mit dem Trainer aus.
Glaubst du, man hat dir diesen Job gegeben, um den Jungen vorzuleben, was Professionalität bedeutet?
Ich denke schon. Ich habe in 20 Jahren alle Höhen und Tiefen gesehen. Ich spreche mit den Spielern in ihrer Sprache, ohne Übersetzer, das ist viel effektiver. Ich erkläre ihnen, dass Fußball nicht nur aus Geld und ein bisschen Training besteht. Ich komme aus dem Nichts und habe für alles Opfer gebracht. Ich habe nie getrunken oder geraucht. In Leicester habe ich das schwierigste Jahr meiner Karriere erlebt: Ich war ein Leader, habe aber kaum gespielt und meinen Platz in der Nationalmannschaft verloren. Aber ich habe nie aufgegeben.
Das Leicester-Märchen wird oft romantisiert. Für dich persönlich war es also eher eine harte Lektion?
Sportlich war es schwer, weil Kanté und Drinkwater überragend spielten. Aber ich habe sie im Training jeden Tag gepusht. Ich hätte mich hängen lassen können, aber ich habe gekämpft. Dieser Titel ist für mich ein Erfolg, weil ich dort mental enorm viel gelernt habe. Diese Geschichte erzähle ich heute meinen Spielern als Ass im Ärmel, wenn sie frustriert sind, weil sie nicht spielen. Ich zeige ihnen, dass sich mit harter Arbeit alles wenden kann. Man muss den Spielern die Wahrheit sagen – das ist meine Stärke und die Basis für unser Vertrauensverhältnis.

