Vor Conference-League-Halbfinale: Rayo Vallecano als Verein im Belagerungszustand

Die Fans von Rayo Vallecano positionieren sich klar gegen Präsident Martin Presa.
Die Fans von Rayo Vallecano positionieren sich klar gegen Präsident Martin Presa.Luciano Lima / Gonzales Photo / Profimedia

Warum befinden sich die Fans von Rayo Vallecano im offenen Krieg mit ihrem Präsidenten? Während beim Racing Club de Straßburg der Widerstand gegen das Chelsea-Konsortium BlueCo wächst, kämpfen die Anhänger in Madrid gegen einen internen Feind: Raúl Martín Presa. Um die Heftigkeit dieses Konflikts zu verstehen, muss man den Charakter von Vallecas kennen. Das Arbeiterviertel im Südosten Madrids ist eine linke Bastion, in der die konservative Volkspartei (PP) noch nie eine Wahl gewinnen konnte. Rayo ist das Spiegelbild dieses Viertels: ein Verein, dessen Identität auf Antifaschismus und Arbeiterstolz basiert, nicht auf Titeln.

Sichtbarstes Symbol dieses Widerstands sind die Bukaneros. Die 1992 gegründete Ultra-Gruppierung pflegt die lokale Tradition des imaginären "Hafens" von Vallecas (inklusive der berühmten Wasserschlacht im Juli). Für diese Fans ist ein Präsident, der ihre Werte mit Füßen tritt, wie ein Funke im Pulverfass.

Im Mai 2011 übernahm Presa für eine symbolische Summe von weniger als 1.000 Euro 98,6 % der Anteile von der hochverschuldeten Familie Ruiz-Mateos. Dass der Klub kurz darauf Insolvenz anmeldete, nährte das Misstrauen der Fans. Als Presa 2015 versuchte, Rayo als globale Marke zu etablieren und das Franchise-Projekt "Rayo OKC" in den USA startete, war der Bruch perfekt. Für die traditionsbewusste Fangemeinde war die Kommerzialisierung ihres Klubs ein unverzeihlicher Verrat an der lokalen Identität.

Der Fall Zozulya und die politische Provokation

Der Konflikt eskalierte 2017 mit der Verpflichtung des ukrainischen Stürmers Roman Zozulya. Die Bukaneros warfen ihm Verbindungen zu rechtsextremen Milizen vor; der öffentliche Druck war so groß, dass Zozulya den Verein verließ, ohne ein einziges Spiel bestritten zu haben. Zwei Jahre später kam es beim Gastspiel Zozulyas mit Albacete zum Eklat: Beleidigungen von den Rängen führten zum ersten Spielabbruch wegen "Rassismus" in der spanischen Liga. Presa stellte sich offen gegen die eigenen Fans und vertiefte den Graben weiter.

Die ultimative Provokation folgte während des Lockdowns: Presa lud die Führungsspitze der rechtsextremen Partei Vox in die VIP-Loge ein. Die Antwort der Fans ließ nicht lange auf sich warten: Sie versammelten sich vor dem Stadion, um das Gebäude symbolisch zu "desinfizieren" und bezeichneten Presa als "nützlichen Idioten des Faschismus".

Abseits der Politik klagen die Fans über systematische Repression: drastisch erhöhte Dauerkartenpreise und Verbote von Fan-Material. 2022 mussten Fans bei eisiger Kälte teils halb nackt ins Stadion, weil Kleidung mit Bukaneros-Logos konfisziert wurde.

Besonders polarisierend ist Presas Umgang mit der Frauenmannschaft. Nach Gehaltsrückständen und gestrichenen Budgets für Physiotherapie ernannte er 2022 Carlos Santiso zum Trainer – einen Mann, der in geleakten Sprachnachrichten über eine Gruppenvergewaltigung gescherzt hatte. Trotz nationaler Empörung hielt Presa an ihm fest: "Wir stellen Profis ein, keine Menschen." Das Ende vom Lied: Das einst erfolgreiche Team stieg innerhalb weniger Jahre bis in die vierte Liga ab.

Stadionchaos und der Kampf um die Seele

In der aktuellen Saison 2025/26 erreicht die Misswirtschaft bizarre Züge. Trotz des sportlichen Erfolgs und der Chance, in der Conference League Geschichte zu schreiben, zerfällt die Infrastruktur. Ein Spiel gegen Atlético Madrid musste nach Leganés verlegt werden, weil der Rasen in Vallecas unbespielbar war. Die Fans reagierten mit einem Boykott, um einen dauerhaften Umzug aus ihrem Viertel zu verhindern.

Auch technologisch wirkt der Klub wie ein Fossil: Es gibt weder Online-Ticketing noch einen Webshop. Vor dem historischen Europapokal-Halbfinale gegen Strasbourg bildeten sich chaotische Schlangen an den Kassen, während die Ticketpreise willkürlich in die Höhe getrieben wurden. Journalisten sprechen längst von einem "sozialen Bankrott".

Der Streit um ein neues Stadion ist die letzte rote Linie. Für die Fans bedeutet ein Umzug den Verlust ihrer Heimat. In einem seltenen Akt der Solidarität stehen auch die Spieler auf der Seite der Anhänger und beklagen offen die katastrophalen Arbeitsbedingungen.

Es ist ein Kampf zwischen juristischem Eigentum und moralischem Anspruch. Während Presa die Aktien hält, betrachten die Fans den Verein als ihr kulturelles Erbe. Und so hallt seit über einem Jahrzehnt bei jedem Spiel derselbe Ruf durch das Stadion: "Presa, vete ya!" (Presa, verschwinde endlich!). Doch der Präsident bleibt – und der Krieg geht weiter.