Diese Geschichte ist tragisch und bekannt, doch nun will der Klub trotz aller Widrigkeiten ein neues, ruhmreiches Kapitel aufschlagen. Am Donnerstag beginnt diese Mission mit dem Halbfinale der Conference League gegen Crystal Palace. Das Ziel: das große Finale.
Zum Match-Center: Shakhtar Donezk vs. Crystal Palace
Wie so oft trägt Shakhtar sein "Heimspiel" im Ausland aus. Schauplatz ist die Synerise Arena in Krakau, die Heimstätte von Wisla Krakau. Palkin rechnet mit 26.000 Landsleuten auf den Rängen. Sie reisen aus ganz Europa an, um ein Team zu unterstützen, das längst zum Symbol für Widerstand, Freiheit und die ungebrochene Moral einer Nation in Not geworden ist.

In einer virtuellen Medienrunde am Montag unterstrich Palkin die Bedeutung dieser Kulisse: "Rund 90 % der Fans werden Ukrainer sein. Viele kommen nicht nur aus Polen, sondern von überall her. Für sie ist das Stadion ein Ort der Verbindung zur Heimat. Für unsere Fans, die nicht physisch dabei sein können, ist die Situation extrem schwer. Diese emotionale Bindung durch den Fußball ist für uns lebenswichtig."
18 Stunden Anreise zum "Heimspiel"
Dass Shakhtar dauerhaft im Ausland spielt, hat die Fußballwelt fast schon abstumpfen lassen gegenüber den gewaltigen logistischen Hürden. In dieser Saison hat das Team bereits 45 Pflichtspiele absolviert. Die Reise begann bereits am 10. Juli mit einem 6:0-Erfolg in der Europa-League-Qualifikation gegen Ilves in Ljubljana.
Krakau diente während der Conference League als feste Basis für bereits acht Partien – Crystal Palace ist nun der neunte Gast in Polen. Doch die ständigen Reisen zwischen Lwiw (dem Ort der Ligaspiele) und Krakau zehren an den Kräften, wie Palkin am Beispiel des Achtelfinals gegen Lech Posen verdeutlichte:
"Ich fragte den Präsidenten von Lech: ‚Wie lange habt ihr nach Krakau gebraucht?‘ Er sagte: ‚45 Minuten‘. Wir waren 18 Stunden unterwegs! Wenn man nach so einer Odyssee sein ‚Heimspiel‘ bestreitet, ist der Gegner körperlich und mental im Vorteil. Dennoch müssen wir beweisen, dass wir auf diesem Niveau mithalten können."
Auch Vereinsikone Darijo Srna nahm an der Runde teil. Er gehörte zu jener legendären Elf, die 2009 mit einem Sieg über Werder Bremen den UEFA-Pokal holte. Heute kämpft er als Sportdirektor für das Überleben des Klubs im Exil. Srna ist überzeugt, dass am Donnerstagabend die gesamte Ukraine hinter Shakhtar stehen wird. Auf die Frage nach einer möglichen Botschaft von Präsident Volodymyr Zelensky antwortete er:
"Ich habe keine direkte Nachricht von ihm, aber sein Umfeld signalisiert uns die volle Unterstützung. Man kann sich kaum vorstellen, was dieser Erfolg für das Volk bedeuten würde. Ich hoffe inständig, dass wir den Präsidenten beim Finale im Stadion sehen."
Der ukrainische Fußball lebt
Ein europäisches Endspiel zu erreichen, während im Hinterkopf stets die Schrecken des Krieges präsent sind, wäre eine historische Leistung. Laut Palkin geht es um mehr als Sport: "95 % der Nachrichten in der Ukraine sind derzeit negativ. Die Menschen stehen unter enormem Druck. Das Halbfinale schenkt ihnen ein positives Gefühl. Es ist ein Zeichen: Wir leben, wir sind auf Top-Niveau konkurrenzfähig. Wir zeigen unserem Volk, dass Ukrainer auch in dunkelsten Zeiten Großes erreichen können."
Der Gegner aus dem Süden Londons ist jedoch ein schwerer Brocken. Crystal Palace galt bereits vor Turnierstart als Titelfavorit und will den Pokal Ende Mai in Leipzig in die Höhe stemmen. Srna setzt gegen die individuelle Klasse der Engländer auf die Mentalität seiner Mannschaft: "Vielleicht fehlt uns die Erfahrung, aber wir haben Charakter. Wir respektieren Crystal Palace und ihre Top-Spieler wie Mateta oder Sarr – sie sind schnell und physisch stark. Aber wir müssen an uns selbst glauben. Für mich stehen die Chancen 50:50."
Lange Zeit war Shakhtar berühmt für sein exzellentes Scouting brasilianischer Talente. Stars wie Fernandinho, Willian oder Douglas Costa starteten hier ihre Weltkarrieren. Mit der Invasion vor vier Jahren endete diese Ära zunächst durch eine Massenflucht der Profis.
Doch der Trend kehrt um: Inzwischen stehen wieder 14 Brasilianer im Kader. Eguinaldo führt mit sieben Treffern die Torschützenliste an, während der 20-jährige Alisson mit einem Doppelpack gegen Alkmaar das Halbfinale sicherte.
"Die brasilianischen Spieler vertrauen unserem Projekt", so Palkin. "Wir verkaufen ihnen keinen Luxus – jeder kennt die Lage im Land. Aber sie wissen, dass Shakhtar das perfekte Sprungbrett für die europäischen Top-Ligen ist."
Die Rückkehr zu diesen Wurzeln nährt die Hoffnung auf einen Triumph, der an den UEFA-Pokalsieg vor 17 Jahren anknüpfen könnte. Die "guten alten Zeiten" werden zwar erst mit einer Rückkehr in die Donbas Arena endgültig zurückkehren – doch trotz der Dunkelheit, die den Verein seit 2014 umgibt, wirkt die Zukunft in diesen Tagen so hoffnungsvoll wie lange nicht mehr.
