Nach dem vergleichsweise friedlichen 1:1-Unentschieden im Florenzer Artemio Franchi-Stadion im September, bei dem zwei Tore, vier gelbe Karten und ein verschossener Elfmeter des Ex-Frankfurters Luka Jovic schon die höchsten Ausschläge auf der Emotionsskala waren, steht nun das Rückspiel im Allianz Stadium an. Die Rivalität zwischen den beiden Mannschaften ist ungebrochen – und das trotz ihrer unterschiedlichen geografischen Herkunft und der wenigen Male in ihrer Geschichte, in denen sie tabellarisch um dieselben Saisonziele gekämpft haben.
Es gibt kein genaues Datum für die Entstehung der Feindschaft zwischen den Bianconeri und der Viola, die 1897 bzw. 1926 gegründet wurden. Schon beim ersten offiziellen Aufeinandertreffen im Jahr 1928 kam es aber zum bis heute höchsten Sieg der Turiner über die Veilchen – einem 11:0, der sicherlich dazu beitrug, die Beziehungen von Anfang an zu belasten.
Nachdem die Fiorentina 1969 den italienischen Meistertitel im heimischen Stadion gegen das damals nur fünftplatzierte Juventus klargemacht hatte, verlor sie in der Saison 81/82 das Fernduell gegen die Alte Dame. Die beiden Mannschaften waren vor dem letzten Spieltag punktgleich (damals galt noch die Zwei-Punkte-Regel), doch die Männer aus dem Piemont setzten sich dank eines umstrittenen Elfmeters von Liam Brady gegen den damaligen Erstligisten Catanzaro Calcio durch, während die Viola in Cagliari nach einem aberkannten Treffer von Ciccio Graziani nur 0:0-Unentschieden spielte.
Dieses Herzschlagfinale zog weitere Konsequenzen nach sich, denn der exzentrische Filmregisseur Franco Zeffirelli, abseits des Sets heißblütiger Fan der Viola, beschimpfte den ehemaligen Präsidenten der Bianconeri Giampiero Boniperti mit einem Satz, der in Italien in die Geschichte eingegangen ist: "Ho visto Boniperti mangiare noccioline in tribuna, sembrava un mafioso americano" (dt.: "Ich habe Boniperti auf der Tribüne Erdnüsse essen sehen, er sah aus wie ein amerikanischer Mafioso"). Eine Bemerkung, die Zeffirelli einen Prozess und anschließend die Zahlung von 40 Millionen Lira wegen Verleumdung einbrachte.

Auf dem Fußballplatz trafen Juventus und Florenz trafen in zwei Endspielen aufeinander, die beide an die Norditaliener gingen: 1960 im Finale der Coppa Italia und dreißig Jahre später im Finale des UEFA-Pokals, das damals noch in Hin- und Rückspiel ausgetragen wurde. Nach einem Sieg im Hinspiel (3:1) und einem Unentschieden (0:0) im Rückspiel auf neutralem Boden in Avellino setzte sich einmal mehr das Team des damaligen Weltklassetorhüters Dino Zoff durch.
Ein Transfer wie eine Kriegserklärung
Wie bereits gesehen wurde die Rivalität zwischen den beiden Vereinen stark durch Ereignisse abseits des Spielfeldes stark beinflusst, vor allem durch den Wechsel einiger Spieler der Viola zu Juventus. Unter den vielen Fußballern, die das Trikot der beiden Vereine trugen, ragt sicher der Transfer von Roberto Baggio zu Beginn der 1990er Jahre heraus: "Roby", wie der damalige Starstürmer von den Florenz-Fans nach mehr als fünf Jahren Vereinszugehörigkeit liebevoll genannt wurde, wechselte unter großen Tumulten nach Turin und schrieb am 6. April 1991 bei seiner Rückkehr ins Artemio Franchi seine eigene kleine Oper.
Als sein neuer Klub Juventus beim Rückstand von 0:1 einen Elfmeter zugesprochen bekam, warteten alle auf die Ausführung des sicheren Schützen Baggio. Doch der ehemalige Fiorentiner wollte nicht schießen, überließ den Ball einem Teamkollegen und der scheiterte an Florenz' Torwart Gianmatteo Marreggini. Das Stadio Artemio Franchi explodierte. Wenige Minuten später wurde Baggio ausgewechselt. Bei seinem Gang in die Kabine warf ein verletzter Fan einen Fiorentina-Schal vor seine Füße. Baggio nahm den Schal seines Ex-Klubs auf, legte ihn sich um und verschwand in Richtung Kabine.
So dramatisch lief nicht jeder Transfer zwischen den beiden Vereinen, doch auch die zeitgenössischen Abgänge von Federico Bernardeschi, Federico Chiesa und zuletzt Top-Stürmer Dusan Vlahovic holten gerade bei den älteren Fans der Toskaner die alten Erinnerungen der "Diebe" aus Turin wieder hoch.
Abgesehen von den sportlichen Duellen und den Spielerwechseln hat sich diese Feindschaft so sehr verfestigt, dass sie sich in den Seelen der Fans beider Mannschaften festgesetzt hat. Für die Viola ist sie weiterhin sehr präsent, auch weil es keine anderen ähnlichen Feindschaften mit Mannschaften aus der gleichen Region gibt (die einzige Ausnahme in diesem Sinne ist das Derby dell'Appennino mit Bologna). Gerade bei der Katastrophe im Heysel-Stadion, bei der im Rahmen des Endspiels um den Europapokal der Landesmeister im Mai 1985 zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin 39 Menschen in einer Massenpanik starben, machten die Fans der Fiorentina mit unflätigen Gesängen und Spruchbändern auf sich aufmerksam. Die Bianconeri ihrerseits lassen keine Gelegenheit aus, bei passendem Anlass auf dem selben Niveau zurückzuschießen.

Auch nach dem Tod des ehemaligen Florenz-Kapitäns Davide Astori, an dessen Beerdigung eine Delegation von Juventus-Spielern teilnahm, sind die Spannungen hoch geblieben. Dazu trug und trägt auch der derzeitige Präsident der Violetten Rocco Commisso bei, der immer wieder gerne gegen die Führung von Juventus schießt.
Auch das Derby am Sonntag hat schon seine eigene kleine Geschichte: Die treuesten Fiorentina-Fans, die der Curva Fiesole angehören, haben in einem kurzen Kommuniqué angekündigt, dass sie das Auswärtsspiel in Turin wegen der vom Verein auferlegten Eintrittspreise boykottieren werden: "Wir werden niemals die Bedingungen akzeptieren, die von denen auferlegt werden, die schon immer das absolute Übel des italienischen Fußballs dargestellt haben".
