Klopp ist seit 25 Jahren erfolgreich im Trainergeschäft, er peitschte seine Teams in Mainz, Dortmund und Liverpool an und über alle Grenzen. Erstmals aber treibt er nun eine Nationalmannschaft voran: Alles ist neu. Was er erwartet? "Sofort mehr!" - und zwar von jedem, sei es die alte, neue Nummer eins Marc-André ter Stegen, Kapitän Joshua Kimmich oder einer der sechs von insgesamt noch 15 möglichen Debütanten wie Philipp Treu vom SC Freiburg.
Wer Klopp bei seinem grummeligen Amtsantritt und bei seiner bemerkenswerten Nominierungs-Pressekonferenz zugehört hat, ahnt, was da wohl kommen wird. Knallhartes Gegenpressing, überfallartiger Heavy-Metal-Fußball, ballorientierte "Jagd" im Verbund. Kurz: "Eine neue Art Fußball" für das DFB-Team, "eine neue Herangehensweise", auch ein bisschen Chaos. Mit Spaß am Druck. Und am Erfolg.
Treu ist bereits angezündet
Anfangs war es für Klopp zäh. Doch nach wochenlangem Warten auf die Vertragsunterschrift und zwei Monaten zwischen seiner Vorstellung und der Mini-Vorbereitung auf sein Debüt scheint die Uhr nun dreimal so schnell zu ticken. "Ich bin es gewohnt, keine Zeit zu haben. Ich hatte nie Zeit", sagt Klopp gelassen. In elf Tagen warten nun vier Spiele, in denen er "möglichst viele" seiner ursprünglich 44 Nominierten im Jobsharing unter Wettkampfbedingungen sehen will.
Sein Ansatz geht seit jeher weit über die Taktik hinaus. Klopp will die Lust an der Nationalmannschaft wecken, den "Stolz" kitzeln, einen Begriff, den er eindeutig positiv besetzt. Seine Spieler brennen für ihn, so war es immer, so wird es wohl wieder sein: "Für den willst du durchs Feuer gehen", berichtete Treu, der das alte DFB-Problem auf der Rechtsverteidigerposition lösen könnte. Kimmich nämlich, da hat sich Klopp unwiderruflich festgelegt, spielt im Zentrum.
Dort soll der Bayern-Star, dessen Nationalmannschaftskarriere bisher so unbefriedigend verlaufen ist, ein Ankerspieler für die anderen sein. "Wenn die Achse wirklich stabil ist", predigt Klopp, "kann man außenrum auch ein bisschen spinnen und verrückt sein und ganz viel Jugend dazumischen." Der Ajax-Torhüter ter Stegen, der in Amsterdam ein Heimspiel hat, Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck in der Innenverteidigung, davor Kimmich, auf der Zehn Jamal Musiala, im Sturm Kai Havertz, das wäre ein solider "Tannenbaum".
Wie Klopp die "Äste" schmückt? Neben Treu bereiten sich auch Hennes Behrens, Bambasé Conté, Younes Ebnoutalib, Yannik Engelhardt und Max Rosenfelder auf ein mögliches Debüt vor. Dass sie in der Johan Cruyff Arena in der Startelf stehen, ist allerdings unwahrscheinlich. Eher ist mit Felix Nmecha oder Karim Adeyemi zu rechnen. Im Laufe des Spiels sollen mehrere Neulinge ihre Chance bekommen.
Auch Xavi vor Debüt
Klopp: will gewinnen, ja. Jedoch sind für ihn Erkenntnisse und besonders Hoffnungsschimmer für die Fans in der Nations League genauso wichtig. Seht her, so viele Talente haben wir! Er muss ans nächste Spiel denken - und gleichzeitig ans nächste Turnier, was seinen XXL-Doppelkader erklärt.
In Amsterdam wird Klopp vor dem Spiel einen Mann begrüßen, dem es ganz ähnlich geht. Der frühere Weltklassespieler Xavi ist neuer Bondscoach, und was er so sagt, ähnelt Klopps Ansprachen doch sehr. "Wir haben viel zu tun in nicht so viel Zeit", betonte der Spanier: "Und ich möchte, dass die Niederländer stolz auf ihr Team sind."
Auch für Deutschland wird es nach einer Nacht im noblen Leonardo Royal Hotel ernst. Eine neue Zeitrechnung beginnt. In der Höhle des Löwen.
Zum Match-Center: Niederlande vs. Deutschland
