Als Rúben Amorim durch die Türen von Old Trafford schritt, war die Hoffnung bei Manchester United groß. Nach der chaotischen Amtszeit von Erik ten Hag sollte der Portugiese eine neue Ära einleiten. Amorim kam nach einer herausragenden Zeit bei Sporting mit dem Ruf eines Trainers, der klare Vorstellungen hat und diese kompromisslos umsetzen lässt.
Bei United scheiterte Amorim an seiner eigenen Idee
Doch genau diese Konsequenz wurde ihm in England zum Problem. Die Pressekonferenzen wurden zunehmend unangenehm, die Trainingseinheiten zur Bewährungsprobe. Amorim versuchte, seine Spieler von seinem System zu überzeugen, doch viele konnten oder wollten seine Vorstellungen nicht so umsetzen, wie er es verlangte.
Seine Beharrlichkeit, an der bevorzugten Formation festzuhalten, kann man durchaus bewundern. Schließlich stellt sich die grundsätzliche Frage: Wenn ein Trainer nicht die Freiheit besitzt, eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen zu formen, hat er dann überhaupt die Kontrolle?
Die Ergebnisse gaben Amorim allerdings selten recht. Als Manchester United ihn im Januar entließ, hinterließ er einen unrühmlichen statistischen Rekord: In der Premier League gewann er nur 31,9 Prozent seiner Spiele – die schlechteste Quote eines permanenten United-Trainers seit Einführung der Premier League. Insgesamt kam er auf nur 24 Siege in 63 Partien.
In Mailand beginnt das nächste Wagnis
Trotz des Rückschlags in Manchester entschied sich der AC Mailand für Amorim. Der Portugiese übernahm im Juni die Nachfolge von Massimiliano Allegri, nachdem die Rossoneri die Saison 2025/26 nur auf Platz fünf beendet und damit die Champions-League-Qualifikation verpasst hatten. Am letzten Spieltag verlor Milan zudem mit 1:2 gegen Cagliari.
Amorim soll den Klub nun zurück in die Spitzengruppe führen. Doch auch sein Start in Italien verlief nicht reibungslos. Nach einem 2:2 gegen Celtic in der Vorbereitung folgten ein Unentschieden gegen Inter und eine 0:3-Niederlage gegen Chelsea. Gegen Inter spielte Milan in Perth 1:1, gegen Chelsea unterlag das Team in Jakarta deutlich.
Nach den durchwachsenen Auftritten soll Amorim seine grundsätzliche Ausrichtung gegenüber der Vereinsführung bekräftigt haben. Der Portugiese will weiterhin mit einer Dreier- beziehungsweise Fünferkette spielen. Genau dieses System hatte ihm bei Sporting große Erfolge beschert, während es bei Manchester United immer wieder für Diskussionen sorgte.
Amorim greift beim Milan-Kader hart durch
Wie schon bei Manchester United trifft Amorim auch beim AC Mailand weitreichende Personalentscheidungen. Mehrere Spieler sollen nach übereinstimmenden Medienberichten keine Zukunft mehr unter dem Portugiesen haben. Genannt werden Fikayo Tomori, Christopher Nkunku, Youssouf Fofana, David Odogu, Pervis Estupiñán, Santiago Giménez und Filippo Terracciano.
Der Schritt birgt erhebliches Risiko. Amorim verändert damit nicht nur das System, sondern greift auch tief in die Struktur des Kaders ein. Bei einigen Entscheidungen gibt es nachvollziehbare sportliche Gründe. Giménez etwa erzielte in der vergangenen Serie-A-Saison nur ein Tor. Gleichzeitig muss Milan nun für mehrere Spieler Abnehmer finden und die Mannschaft weiter verstärken. Auch die Zukunft von Rafael Leão ist nicht endgültig geklärt. Damit könnte der Kaderumbau noch größere Ausmaße annehmen.
Amorim hat bereits mit Gonçalo Ramos einen prominenten Angreifer bekommen. Der Portugiese wechselte für eine Ablöse von mehr als 70 Millionen Euro von Paris Saint-Germain nach Mailand und unterschrieb einen Fünfjahresvertrag.
"Als Milan-Trainer muss man auf Sieg spielen"
Amorim selbst wirkt trotz der schwierigen Ausgangslage nicht eingeschüchtert. Bei seiner Vorstellung machte er deutlich, dass er die Herausforderung bewusst angenommen hat. "Es ist eine sehr große Herausforderung, die ich angenommen habe, auch wenn ich mir nach der letzten vorgenommen hatte, eine kleinere anzunehmen", sagte Amorim: "Vielleicht ist es sogar eine größere Herausforderung als die letzte, aber ich bin bei Milan, um zu gewinnen, und wenn man Trainer von Milan ist, muss man diese Mentalität haben."

Der Portugiese betonte zudem, dass ihn seine Fehler aus der Vergangenheit weitergebracht hätten: "Meine Erfahrungen, einschließlich der Fehler, die ich in der Vergangenheit gemacht habe, haben mich zu einem besseren Trainer gemacht", sagte er.
In Mailand bleibt Amorim wenig Spielraum
Der 41-Jährige geht damit ein erhebliches persönliches Risiko ein. Sollte es ihm gelingen, Milan wieder in die Spitzengruppe zu führen, könnte die Zeit in Italien sein Image nach dem schwierigen Kapitel bei Manchester United nachhaltig verändern. Scheitert er dagegen erneut, dürfte die Frage nach seiner Eignung für einen europäischen Topklub noch lauter werden.
Der AC Mailand will unter Amorim nicht nur Ergebnisse liefern, sondern auch eine neue sportliche Identität entwickeln. Genau das macht die Aufgabe so anspruchsvoll. Der Verein erwartet attraktiven und offensiven Fußball, gleichzeitig soll möglichst schnell wieder um Titel gespielt werden.
Amorim hat sich für einen klaren Weg entschieden. Nun muss er beweisen, dass seine Idee nicht nur bei Sporting funktioniert – sondern auch bei einem Klub wie Milan. Nach dem Scheitern in Manchester könnte seine Karriere auf höchstem Niveau tatsächlich davon abhängen, ob er diesmal recht behält.
