"Das tut weh": Erinnerungen an 2001 – Schalke feiert vier Minuten und leidet ewig

Andreas Möller und Rudi Assauer feiern den vermeintlichen Meistertitel von Schalke 04 im Jahr 2001.
Andreas Möller und Rudi Assauer feiern den vermeintlichen Meistertitel von Schalke 04 im Jahr 2001.firo Sportphoto/ Ralf Ibing via Profimedia

Die emotionalsten Augenblicke seiner Karriere hat Gerald Asamoah auch ein Vierteljahrhundert später noch zu "100 Prozent" vor Augen. "Egal, wie viele Jahre noch vergehen werden", sagt der 47-Jährige im SID-Interview und ist dabei den Tränen nahe: "Zu sehen, wie die Fans gelitten haben, wie die auf dem Rasen lagen, wie die geweint haben: Das tut weh."

Exakt vier Minuten und 38 Sekunden fehlen Schalke 04 an jenem 19. Mai 2001 zum ersten Meistertitel in der Bundesliga. Als um 17.16 Uhr die Partie gegen die SpVgg Unterhaching (5:3) vorbei ist, scheint der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte perfekt zu sein. Tausende der 65.000 Zuschauer im ausverkauften Parkstadion stürmen jubelnd den Innenbereich, Raketen schießen in den Himmel, Rudi Assauer reißt die Faust hoch, die Spieler kugeln sich auf dem Rasen.

Unter ihnen: der 22-jährige Asamoah. "Auf einmal hieß es: 'Wir sind Meister'", erinnert er sich. Doch während die ersten Spieler schon Meister-Interviews geben, beordert Trainer Huub Stevens "alle in die Kabine. Ich war einer der Letzten, hatte schon eine Bierpulle in der Hand", erzählt Asamoah. "Dann komme ich rein und merke: 'Komisch, warum ist das so ruhig hier?'"

Assauer glaubt nicht mehr an den Fußballgott

Alle Blicke richten sich auf einen Fernseher, draußen werden die Bilder aus Hamburg auf der Großbildleinwand übertragen - und das Unheil nimmt seinen Lauf. Denn das Spiel von Bayern München beim HSV ist noch nicht, wie alle angenommen haben, zu Ende. Schiedsrichter Markus Merk hat nach dem wohl bekanntesten Rückpass der Fußball-Geschichte auf indirekten Freistoß für den Rekordmeister entschieden.

Selbst Oliver Kahn rempelt sich durch den Hamburger Strafraum, Stefan Effenberg tippt den Ball an, Patrik Andersson drischt ihn ins Tor - und zugleich 300 Kilometer entfernt mitten ins Herz Tausender Fans. "Ich habe den Freistoß gar nicht angeschaut, weil ich so Angst hatte", sagt Asamoah. "Dann habe ich nur gehört, wie alle Spieler schreien und Sachen rumschmeißen. Da wusste ich, was passiert ist."

Freudentränen weichen einem Meer der unendlichen Trauer. "Ich glaube nicht mehr an den Fußball-Gott", sagt Manager Assauer später auf der Pressekonferenz. Auch die Karriere des jungen Asamoah, später Nationalspieler und Publikumsliebling, wird dieser Moment prägen: "Ältere Menschen zu sehen, die da am weinen sind, das macht was mit dir. Es war schon bitter, das zu erleben."

Eine Woche danach gewinnt S04 den DFB-Pokal, doch für viele bleibt nur das dramatischste Finale der Bundesliga-Geschichte in Erinnerung. "Meister der Herzen - klingt schön, bringt mir aber gar nichts. Ich hätte lieber die Meisterschale hochgehalten", sagt der Schalker Jahrhunderttrainer Stevens mit 25 Jahren Abstand dem kicker.

Schalke zurück in der Bundesliga

Wie kein anderer Klub definiert sich Schalke über das dramatische Scheitern, über geplatzte Träume, über schmerzhafte Abstürze - nicht über das Aneinanderreihen von Erfolgen. 1972 riss der Bundesligaskandal das junge, hochtalentierte Team auseinander. In den 1980er Jahren stieg der Kultklub mit viel Spektakel dreimal ab und wieder auf - und auch in den letzten Jahren ging es drunter und drüber, fast sogar bis in die 3. Liga.

"Der Verein, die Fans haben es einfach verdient, wieder in der Bundesliga zu sein", sagt Asamoah nun über den jüngsten Aufstieg. Der Klassenerhalt sei im nächsten Jahr das klare Ziel, dafür werde sich - wie schon 2001 - "zeigen müssen, wie wir als Schalke 04 zusammenhalten".