Die UEFA übte scharfe Kritik und warnte vor einem Verkauf der "Seele" des Fußballs. Laut Infantino geht es dagegen um "die Demokratisierung des Fußballs weltweit".
Wie sieht das Vorhaben konkret aus?
Die FIFA will nach eigenen Angaben "das volle wirtschaftliche Potenzial der Übertragungsrechte und Sponsoringverträge über das gesamte Turnierportfolio im Männer-, Frauen- und Jugendfußball" ausschöpfen. "Sorgfältig" ausgewählte Investoren sollten "Minderheitsbeteiligungen ohne Kontrollrechte an der FFE" erwerben, hieß es in einer Stellungnahme. Basierend auf einer Unternehmensbewertung von 20 Milliarden US-Dollar werde die FFE dieses Jahr bis zur 4,2 Milliarden US-Dollar aufbringen.
Laut Berichten sollen bis zu 20 Prozent der Anteile verkauft werden. "Es ist ein Vorschlag, ein Angebot, Teil eines demokratischen Beratungsprozesses", sagte Infantino in einem am Mittwochabend veröffentlichten Video: "Es ist eine Gelegenheit, aber keine Verpflichtung." Er verspreche sich davon die "Erschließung bisher nicht realisierter Werte". Die kommerzielle Seite des Fußballs zu stärken, sei "der logische nächste Schritt".
Wie reagieren die Verbände?
Gianni Infantino bekommt für seinen Plan, Anteile an der Fußball-WM und anderen FIFA-Turnieren an private Investoren zu verkaufen, massiven Gegenwind. Die UEFA beschloss während einer digitalen Schaltkonferenz aller 55 Mitgliedsverbände (von 211 FIFA-Verbänden) am Donnerstag den Boykott aller FIFA-Turniere für den Fall, dass Infantino sein Vorhaben durchdrückt bzw. auch nur weiterverfolgt.
Am Abend schloss sich der für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständige Verband CONCACAF (41 Mitglieder) den Europäern an und lehnte Infantinos Pläne ab.
DFB-Präsident Bernd Neuendorf ist empört. "Ich habe mit Kollegen aus dem FIFA-Council gesprochen, wir sind sehr überrascht und verärgert, dass wir so etwas aus der Zeitung erfahren müssen. Das ist kein Umgang", sagte er. Es sei "ein fatales Zeichen", die Fußball-WM für Investoren zu öffnen.
"Der Fußball lebt von der Akzeptanz der Gesellschaft, wir dürfen ihn nicht zum Spielball von Investoren machen. Die Akzeptanz der Fans dürfen wir nicht verlieren, aber wir sind auf dem besten Wege, diese Akzeptanz zunichte zu machen. Das halte ich für überaus problematisch und nicht zustimmungsfähig."
Wie ernst ist die Drohung der UEFA?
Sehr ernst, die Mitteilung der UEFA lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die Weltmeisterschaft stehe "nicht zum Verkauf", und, noch härter: "Wir werden diesem Modell niemals unsere Legitimität verleihen. Niemand hat die moralische Autorität, das zu verkaufen, was er lediglich treuhänderisch für die nächste Generation verwahrt." Also: Solange das Modell auf dem Tisch liegt, werden UEFA-Verbände an keinen FIFA-Turnieren teilnehmen.
Die Times zitierte einen nicht namentlich genannten hochrangigen Funktionär, der den Plan als "potenziell deutlich schlimmer als die europäische Super League" bezeichnete. Er sprach von einer "Atombombe". Die Europäer sehen eine Grenze überschritten. "Die Seele und die Führung des Fußballs sind keine Vermögenswerte, mit denen gehandelt werden darf – insbesondere dann nicht, wenn völlig intransparent ist, wer finanziell davon profitiert", hieß es in einem UEFA-Statement. . Die Verbände CONCACAF und AFC bemängelten "das Fehlen eines ordnungsgemäßen Verfahrens".
Was steckt hinter dem Deal?
"Vorbehaltlich" der Zustimmung durch eine Mehrheit der Mitgliedsverbände und des Councils, in dem auch DFB-Chef Bernd Neuendorf sitzt, soll laut FIFA die Investorengruppe von Thrive Capital angeführt werden, einer Investmentgesellschaft von Joshua Kushner, Bruder von Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump.
Infantinos Verbindungen zu Trump stehen schon seit der Vergabe des "Friedenspreises" im Fokus, Kritiker weisen in Bezug auf die neuen Pläne auf einen möglichen Interessenkonflikt hin. Es ist der jüngste Schritt unter Infantinos Führung, um die FIFA mit noch mehr Geld zu einem kommerziellen Giganten zu entwickeln. Laut Medien wurde den 211 Mitgliedsverbänden von der FIFA bereits eine Frist bis zum 19. September zur Abstimmung gesetzt. Wann das Council abstimmen würde, blieb zunächst offen. Der nächste Kongress findet im März 2027 in Marokko statt.
Wer profitiert von dem Deal?
Zum einen ein Großteil der 211 Mitgliedsverbände. Weil sich die Ausschüttung an sie über das FIFA Fast Forward Programme (FFFP) mehr als verdoppeln könnte. Von derzeit acht Millionen US-Dollar pro Vierjahres-Zyklus stiege der Betrag laut des Weltverbands zunächst auf 20 Millionen und bis 2035 auf bis zu 24 Millionen US-Dollar. Dazu käme optional eine Einmalzahlung in Höhe von 20 Millionen US-Dollar.
Eine große Menge Geld für manch kleinen Verband. Zum anderen profitiert Infantino. Das Geld dient dem FIFA-Chef als Machtinstrument. Er dürfte nächstes Jahr ohne Gegenkandidaten bis 2031 im Amt bestätigt werden. Laut Times hegt er dazu Ambitionen, den Vorsitz des neuen Unternehmens zu übernehmen. Mit einem lukrativen Gehalt?
Welche Gefahren bestehen?
Die FIFA betont, dass sie die "alleinige Kontrolle" über die FFE sowie die Entscheidungsgewalt "über die Führung des Fußballs, Wettbewerbe, den internationalen Spielkalender sowie alle regulatorischen und sportlichen Entscheidungen" behalte. Kritiker befürchten jedoch, dass sich die FIFA durch den Einbezug privater Investoren erheblichem externen Druck aussetzt. Etwa mit Blick auf eine weitere Vergrößerung der WM und der Klub-WM oder eine häufigere Austragung der Turniere als alle vier Jahre.
Der Guardian analysierte: "Dies nährt die Befürchtung, dass sie eine häufigere Austragung der WM anstreben und diese nur noch in den lukrativsten Märkten, wie beispielsweise den USA, zulassen würden." Mit Blick auf die WM 2030 in sechs Ländern diskutiert die FIFA derzeit schon eine weitere Aufstockung von 48 auf 64 Teams.
Ist das Investoren-Vorhaben neu?
Nicht unbedingt. Es ist bereits Infantinos zweiter Versuch. 2018 erzielte er eine grundsätzliche Einigung über 25 Milliarden US-Dollar für eine erweiterte Klub-WM, als mögliche Geldgeber galten damals die japanische SoftBank sowie der Staatsfonds Saudi-Arabiens. Auch aufgrund des Widerstands aus Europa fand Infantino nicht genügend Unterstützung.
Was bedeutet der neue Vorstoß für das Verhältnis zwischen FIFA und UEFA?
Schon durch den "Fall Balogun" hat sich der Ton der Europäer nochmals verschärft. Nachdem die Sperre des US-Stürmers bei der WM infolge eines Trump-Anrufs bei Infantino ausgesetzt worden war, sprach die UEFA von der Überschreitung einer "roten Linie".
Diesen Worten folgten bislang keine Taten. Einen Gegenkandidaten zu Infantino, der sich dank der WM in den USA, Mexiko und Kanada über Rekordeinnahmen in Höhe von 15 Milliarden US-Dollar freuen darf, haben die Europäer nicht aufgebaut. Da in den Nationalteams aus Spanien, Frankreich oder England wichtige Zugpferde einer WM aus Europa kommen, besitzt die UEFA aber durchaus einen Hebel, worauf auch Hans-Joachim Watzke verwies.
Welche Turniere wären von einem UEFA-Boykott betroffen?
Alle unter dem Dach der FIFA. Schon am 5. September, also in fünf Wochen, beginnt die U20-WM der Frauen in Polen - mit Spanien, England, Frankreich, Polen, Italien und Portugal. Das nächste große Prestigeturnier für die FIFA ist die Frauen-WM 2027 in Brasilien. Auch die deutsche Mannschaft ist dafür qualifiziert.
Kollabiert Infantinos Idee nun?
Das ist wahrscheinlich. Die UEFA spricht mit machtvoller Stimme, sie hat im Sommer sechs von acht WM-Viertelfinalisten und den Weltmeister Spanien gestellt. Dazu stellt sich mit der CONCACAF ein Verband Infantino gegenüber, dessen Mitglieder (USA, Mexiko und Kanada) die WM jüngst ausgerichtet haben. Zusammen vereinen beide Kontinentalverbände 96 jener 106 Stimmen auf sich, die nötig sind, um Infantino aufzuhalten. Allerdings hat die afrikanische Konföderation CAF ihre 54 Mitglieder aufgefordert, den FIFA-Vorschlag wohlwollend zu prüfen.
Wird die Männer-WM 2030 ohne Europäer stattfinden?
Das ist sehr unwahrscheinlich. Der Boykott ist die Ultima Ratio der Europäer, es werden Gespräche zwischen UEFA und FIFA geführt werden, um Infantino zum Einlenken zu bewegen. Auch der FIFA-Chef weiß, dass sein milliardenschweres WM-Turnier, das er wohl gerne noch weiter aufblasen würde, ohne die europäischen Superstars nicht mal die Hälfte wert ist: Eine WM ohne Europa wäre ein Turnier zweiter Klasse.
Will er dennoch mit dem Kopf durch die Wand, bedeutet das die Implosion des Fußballs, wie die Fans ihn kennen. Die UEFA könnte zwar von den verbliebenen anderen FIFA-Verbänden überstimmt werden - für diesen Fall hat sie aber die maximale Eskalation angekündigt und kann kaum einen Rückzieher machen.
Ist dies das Ende von Gianni Infantino als FIFA-Präsident?
Nein, aber es könnte der Anfang vom Ende sein. Infantino hat besonders durch seine Geschenke an die kleineren Nationen (finanzielle Zuwendungen, WM-Aufstockung) eine breite Machtbasis, auch diesmal ist das Geld sein Lockmittel. Ohne sein Vorpreschen wäre er ungefährdet in die FIFA-Wahlen 2027 gegangen. Nun hat er vielleicht den Bogen überspannt. Durch die Ablehnung der CONCACAF bröckelt seine Macht weiter. Europa könnte dann einen aussichtsreichen Gegenkandidaten aufstellen.
