Die 21-Jährige ist nicht alleine mit ihrer Wahrnehmung. Weil sich die Teilnehmenden auf 22.000 Quadratkilometern verteilen, sind Besuche bei anderen Sportarten kaum möglich. Auch zufällige Treffen beim Mittagessen im Olympischen Dorf, für viele einst das Salz in der Suppe, sind quasi ausgeschlossen. "Das Zusammenkommen der Athleten, der Geist... das hat mich nie wirklich erreicht", schrieb Grotian bei Instagram.
Für viele Athletinnen und Athleten fühlen sich die Spiele eher wie mehrere zeitgleiche Weltmeisterschaften an. "Das olympische Flair ist nicht so ganz rübergeschwappt. Man ist in seiner Bubble", sagte Eric Frenzel, Bundestrainer der Nordischen Kombinierer, und erinnerte sich an 2010: "Wenn ich an Vancouver denke - das war ein bisschen anders."
Keine Stimmung? "Manchmal bellt irgendwo ein Hund"
Doch auch Frenzel weiß: Wer nachhaltige Spiele an bestehenden Standorten will, muss einen Preis bezahlen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) weiß um diese Problematik. "Ich glaube daran, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Aber es bringt natürlich zusätzliche Komplikationen mit sich", hatte IOC-Präsidentin Kirsty Coventry schon vor der Eröffnungsfeier gesagt: "Wir werden aus diesen Spielen lernen. Wir werden uns das anschauen und analysieren."
Die Analyse dürfte vielschichtig ausfallen. Denn die Stimmung unter den Aktiven ist nicht überall schlecht. In Livigno etwa, wo die Wettbewerbe im Snowboard und Ski-Freestyle stattfinden, ist das olympische Flair spürbar. So sehr, dass viele Sportler aus Bormio gerne die kurze Reise auf sich nehmen. Dort nämlich, wo nur die Skirennläufer im Einsatz sind, ist tote Hose. "Manchmal bellt irgendwo ein Hund", schrieb der Standard über die Atmosphäre.

Überhaupt, die Alpinen. Nirgendwo zeigen sich die Schwierigkeiten der dezentralen Spiele besser: Die Frauen kämpfen in Cortina d'Ampezzo um Gold, die Männer in Bormio. Bei der WM 2021 waren beide Geschlechter noch gemeinsam in Cortina am Start, nun wurde eine Sportart zerrissen. "Wenn das der Genuss von Olympia sein soll, bin ich froh, dass das mein letztes Mal war", sagte Slalom-Ass Straßer.
Fest steht aber auch: Die vergangenen Winterspiele in Sotschi, Pyeongchang und Peking versprühten ebenfalls nicht gerade ein Übermaß an olympischem Flair. Besserung ist indes kaum in Sicht: Auch die Spiele 2030 in den französischen Alpen setzen auf ein dezentrales Konzept mit bestehenden Wettkampfstätten von Nizza bis Courchevel. Ob Selina Grotian dort dann "Magie" spüren wird, bleibt abzuwarten.
