"Nicht von dieser Welt", "Wahnsinns-Leistung", "lebendige Mauer": Die Lobeshymnen auf Andreas Wolff nach der irrwitzigen 22-Paraden-Show gegen Norwegen überschlugen sich. Doch ausgerechnet als der Wolff-Wahnsinn seinen vorläufigen EM-Höhepunkt erreicht hatte, verdunkelte sich die Miene des deutschen Übertorwarts plötzlich schlagartig. "Wir müssen ein ganz anderes Gesicht zeigen", mahnte Andreas Wolff unter dem Einfluss des handballerisch dürftigen 30:28. Jetzt, so der Keeper, gehe es mit Olympiasieger und Weltmeister Dänemark schließlich gegen die "beste Mannschaft – vielleicht in der Geschichte".
DHB-Team muss noch "eine Schippe drauflegen"
Wolff ist hungrig, das ist deutlich zu spüren. Der begnadete Schlussmann liebt Spiele wie das am Montag (20.30 Uhr/ARD) gegen die Super-Dänen um Welthandballer Mathias Gidsel. 15.000 ekstatische Fans, ein scheinbar übermächtiger Gegner - dabei aber das große Ziel zum Greifen nah: In der Neuauflage des Olympia-Endspiels (26:39) möchte Wolff mit seinem Team im Handball-Tempel Jyske Bank Boxen zu gern den Partycrasher spielen - und den Einzug in die Medaillenspiele vorzeitig fix machen.
Allein beim Gedanken an das Hammerduell im Hexenkessel von Herning packt Wolff das Jagdfieber. Sein Rezept vor dem ersten von zwei Matchball-Spielen um das EM-Halbfinale? "Man kann den Dänen nur auf eine Art Paroli bieten: Wenn du hinten richtig hart bist und vorne konsequent und eiskalt", sagte Wolff im ZDF. Insbesondere im Angriff (Wurfquote nur 45 Prozent) müsse man im Vergleich zum Norwegen-Spiel "eine Schippe drauflegen, weil die Dänen solche Fehler nicht ungestraft lassen".
"Es muss schon viel zusammenkommen für uns, aber das Potenzial in der Mannschaft ist da", sagte Wolff am Sonntag im deutschen Teamquartier in Silkeborg und fügte süffisant an: "Wir werden sehen, ob die Stimmung in der Halle ein Vorteil oder ein Nachteil für die Dänen sein wird."
Das Verrückte: Die Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason hat als Tabellenführer (6:0 Punkte) überhaupt keinen Druck und nun mit Dänemark (4:2) und dem Spiel gegen Titelverteidiger Frankreich (4:2) am Mittwoch (18 Uhr/ZDF) gleich zwei Halbfinal-Chancen.
Der Druck auf die Dänen wächst
Kapitän Johannes Golla sprach von einer "Traumkonstellation". Die erfolgsverwöhnten Dänen stünden "mit dem Rücken zur Wand". Auch Juri Knorr meinte mit Blick auf das Duell in seiner dänischen Wahlheimat: "Wir spielen gegen den haushohen Favoriten auf den Turniersieg und haben nichts zu verlieren." Als offensiver Lichtblick dient Rückraumspieler Marko Grgic, der mit sieben Treffern gegen Norwegen im Turnier ankam.
Bei den Dänen, die eine Verlängerung ihres inzwischen 14 Jahre währenden EM-Fluchs fürchten, ist der Respekt vor dem "extrem physischen" Defensivspiel der Deutschen riesig. Mitspieler Emil Jakobsen habe gesagt, "dass sie 'versuchen wollen, uns zu töten'. So machen sie es immer", sagte Berlins dänischer Rückraumspieler Gidsel und sprach von einem "kleinen Finale" für sein Team.
Gislason kann sich noch gut an die WM-Niederlage (20:30) vor ziemlich genau einem Jahr am selben Ort erinnern. "Es muss alles wirklich überragend klappen, über 60 Minuten lang", sagte der 66-Jährige. Die Ausgangslage fühle sich "natürlich super an. Aber wir wissen, es warten die zwei besten Mannschaften der Welt auf uns, und wir müssen einen von den beiden schlagen."
Letzter Pflichtspielsieg vor zehn Jahren
Der letzte Pflichtsieg gegen das Handball-Imperium Dänemark liegt inzwischen zehn Jahre zurück. Die Ereignisse vom 27. Januar 2016, als Deutschland in der Jahrhunderthalle von Breslau mit einem 25:23 den Grundstein für seinen sensationellen EM-Triumph legte, werden dieser Tage beinahe zwangsläufig wieder in die Gegenwart gespült. "Zehn Jahre sind eine schöne Zahl", sagte Keeper David Späth. "Hoffentlich" sei es nun soweit, die schwarze Serie zu beenden.
Die Vorzeichen sind jedenfalls ähnlich: Damals wie heute geht es ums Halbfinale. Damals (Mikkel Hansen) wie heute (Gidsel) haben die Skandinavier den besten Feldspieler des Planeten in ihren Reihen.
Der beste Torhüter steht aber damals wie heute auf deutscher Seite. Und der kann Spiele im Alleingang entscheiden. "Ich weiß nicht, was Andi gefrühstückt hat", sagte Rechtsaußen Lukas Zerbe über Wolffs Leistung gegen Norwegen, aber das solle er am Montag "bitte nochmal frühstücken".
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