Für den Spielmacher ist der bevorstehende Saisonhöhepunkt in seiner neuen Wahlheimat, quasi seiner "Heim-EM", speziell - auch, weil sich seine Rolle im deutschen Team verändert hat. Knorr wird in Dänemark nicht mehr der Alleinunterhalter im deutschen Angriff sein. Es ruhen große Hoffnungen auf ihm, natürlich. Von der ungeheuren Last, die den sensiblen Rückraumspieler noch bei vorherigen Turnieren zu erdrücken drohte, scheint Knorr aber befreit.
"Ich würde sagen, dass ich mich besser fühle – oder sicherer zumindest – als vor ein paar Jahren, einfach vom Kopf her", sagte Knorr nach den beiden Testspielsiegen gegen Kroatien gewohnt reflektiert. Man habe eine "sehr gute Mannschaft" zusammen, die "das immer auffängt", wenn es auch mal schlechter laufe. "Ich habe mittlerweile auch ein bisschen Erfahrung gesammelt, kenne meine Rolle in der Mannschaft und freue mich auf das Turnier. Ich hoffe natürlich, dass wir mehr reißen können als letztes Jahr."
Wechsel nach Dänemark die richtige Entscheidung
Knorr spricht in ruhigem Tonfall und mit leiser Stimme vom "schwierigsten Turnier, das ich je mitgespielt habe". Er weiß allerdings auch, dass er selbst nach einem halben Jahr in Dänemark auf dem bisherigen Höhepunkt seiner Schaffenskraft angelangt ist. Beobachter sprechen schlagzeilenträchtig schon vom besten Knorr aller Zeiten. Fest steht: Fernab der aufgeregten deutschen Öffentlichkeit genießt Knorr die Ruhe und entwickelt sich handballerisch weiter. Nach einem schwierigen Start fühlt er sich bei seinem neuen Klub Aalborg Handbold inzwischen richtig heimisch.
Nach vier Jahren bei den Rhein-Neckar Löwen zog es Knorr zusammen mit Freundin Friederike und Hund Elfie vor der Saison in den hohen Norden, der 25-Jährige suchte ganz bewusst eine neue Herausforderung. In Aalborg kann sich Knorr ganz auf seinen Sport konzentrieren. Denn obwohl die Dänen Handball lieben wie die Deutschen ihren Fußball, hat er in seiner neuen Heimat die ersehnte Ruhe. "Wenn ich durch die Stadt gehe, werde ich eigentlich nicht angesprochen", sagte er im Gespräch mit dem Mannheimer Morgen.
Der Wechsel und seine Begleitumstände könnten Knorr genau jenen Schub geben, den es zur absoluten Weltspitze noch braucht. "Ich würde lügen, wenn ich sage, dass die Anfangszeit einfach war. Es war eine riesige Umstellung", sagte Knorr kürzlich im Sport-Bild-Interview über den Schritt "raus aus meiner Komfortzone". Plötzlich saß er in der Kabine, kannte niemanden und verstand kein Wort. "Man sitzt am Rand. Und durch die Sprache ist man automatisch erst mal Außenseiter."
Doch Knorr biss sich durch, sammelte wertvolle erste Erfahrungen in der Champions League – und kommt nun gestärkt zurück in die Nationalmannschaft. "Man wird älter, man wird erfahrener, man sieht mehr", sagte er. Es helfe, "wenn man wieder in ein neues Umfeld kommt, in so einem Verein, in dem ich jetzt ein halbes Jahr gespielt habe, und lernen muss von sehr guten Spielern". Sein persönliches EM-Ziel? Das Halbfinale. "Wir fahren dorthin, um die Hauptrunde zu überstehen", sagte Knorr: "Aber wir wissen, dass das extrem schwierig wird."
