Erst "Tacheles", dann Knorr-Versöhnung: Gislason gelöst in EM-Hauptrunde

Alfred Gislason hat die Stimmung mit den deutschen Handballern gedreht.
Alfred Gislason hat die Stimmung mit den deutschen Handballern gedreht.SINA SCHULDT / DPA PICTURE-ALLIANCE VIA AFP

Alfred Gislason wirkte gelöst wie lange nicht. Mit den Händen in den Hosentaschen stand der Bundestrainer in den Katakomben der Jyske Bank Boxen. Gislason scherzte, er schwärmte von seinem Team - und er schickte dann ganz genüsslich eine Spitze an seine Kritiker.

"Vielleicht hätte er sich ein bisschen mehr auf die Italiener konzentrieren sollen", sagte Gislason über Italiens Nationalcoach Bob Hanning, ehe er sich nach dem 34:32 (17:15) in seinem Schicksalsspiel gegen Spanien lachend in die dänische Nacht verabschiedete.

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Hanning, mit Italien bei der EM vorzeitig ausgeschieden, hatte wie viele andere in die Kritik auf Gislason eingestimmt. Mit dem Ticket für die Hauptrunde und der optimalen Ausbeute von 2:0 Punkten in der Tasche lösten sich die Diskussionen um die DHB-Zukunft des Isländers aber vorerst in Luft auf.

Statt bei einer EM ein historisches Vorrunden-Aus moderieren zu müssen, befindet sich Gislason mit Deutschlands Handballern wieder mittendrin im Medaillenkampf. "Das müsste ein sehr großes Selbstvertrauen in die Truppe bringen", sagte der 66-Jährige - und spendierte seinen Spielern nach dem Statement-Sieg über den einstigen Angstgegner Spanien einen trainingsfreien Tag.

Das deutsche Team kann den Hauptrundenauftakt am Donnerstag kaum erwarten. "Die Erfahrung aus der Vorrunde ist für uns goldwert", sagte Torjäger Renars Uscins voller Vorfreude auf die nächsten Spiele. Niemand sei "unschlagbar". Die DHB-Auswahl wollte sich am Dienstag mit einem gemeinsamen Abendessen einstimmen. Man gehe mit "breiter Brust" in das Spiel gegen die Übermannschaft von Weltmeister und Olympiasieger Dänemark, betonte Uscins: "Wir wollen ihren Flow brechen."

Knorr hat "kein Problem" mit Gislason

Gislasons "Plan" nach der Niederlage gegen Serbien (27:30) inklusive seines Buzzer-Blackouts, mit seiner schonungslosen Selbstkritik alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sei aufgegangen. "Ihr habt mir sehr gut dabei geholfen, also danke euch", sagte der DHB-Coach in Richtung der Reporter und sorgte damit für Gelächter. Auch die nachhallende Kritik von Spielmacher Juri Knorr wegen dessen Einsatzzeiten war für Gislason kein Thema mehr. Im Gegenteil: Der leidenschaftliche Auftritt gegen Spanien diente als Versöhnung.

"Ich habe überhaupt kein Problem mit ihm, wir sprechen uns regelmäßig aus. Alle werden gefordert, ihre Meinung zu sagen", betonte Gislason im ZDF. Knorr wiederum rechnete Gislason "hoch an, dass er nichts persönlich nimmt. Er hat ja kein großes Ego, er stellt den Erfolg über alles, er will, dass wir reden und über Dinge sprechen", sagte Knorr, der bei "Alfred eine andere Lockerheit gemerkt" habe: "Das hat sich vielleicht auf uns übertragen."

Das glückliche Ende einer nervenaufreibenden Vorrunde (Gislason: "Die Mannschaft hat schon sehr gelitten") soll für das Team um Rückraum-Rakete Uscins nun der Anfang für einen Erfolgslauf in den weiteren Kracherspielen werden. "Das ist ein Riesenschritt für eine junge Mannschaft. Es ist ein bisschen wie bei Olympia", sagte Gislason und schwärmte von der "besten Angriffsleistung" seit dem Silbercoup bei den Sommerspielen 2024.

Zum Hauptrundenauftakt dürfte am Donnerstag der Turnier-Topfavorit Dänemark warten. Weitere feststehende Gegner sind Titelverteidiger Frankreich und Norwegen. Vierter Gegner wird wohl der WM-Vierte Portugal sein. "Das wird richtig geil", sagte Uscins.

Lukas Mertens berichtete, dass das Team nach dem Serbien-Spiel "Tacheles gesprochen" habe. "Wir haben gesagt, was schlecht war, und auch wirklich Kritik ausgeübt", sagte der Linksaußen. Interessant: Schon bei den letzten großen DHB-Triumphen, dem WM-Wintermärchen von 2007 und dem EM-Coup von 2016, hatte es jeweils in der Vorrunde Niederlagen gegeben.