Der 26-jährige Rückraumregisseur gehört längst zur absoluten Weltklasse: Bester Nachwuchsspieler und Top-Torschütze bei der WM 2023, All-Star-Mittelmann bei der Heim-EM 2024 sowie Silbermedaillengewinner und zweitbester Passgeber bei den Olympischen Spielen in Paris 2024. Knorr war das prägende Gesicht des deutschen Handballs – und entschied sich dennoch für den Schritt ins Ausland.
Heute, nach seiner ersten Saison in Dänemark, hat er sich als Schlüsselspieler in Aalborg etabliert. Mit den Dänen verpasste er 2026 nur hauchdünn das Champions-League-Finale. Flashscore hat den charismatischen Spielmacher in Aalborg getroffen, um mit ihm über Sprache, Kulinarik, Mediendruck und den Traum vom Champions-League-Titel zu sprechen.
Nach nur drei Monaten hast du bereits fast fließend Dänisch gesprochen – dabei gilt die Sprache als extrem schwer. Wie wichtig war es dir, die Landessprache so schnell zu lernen?
Juri Knorr: "Das war mir extrem wichtig. Wenn man ins Ausland geht, ist die Sprache der Schlüssel, um sich sowohl auf als auch neben dem Feld richtig zu integrieren. Ganz am Ziel bin ich zwar noch nicht – manchmal verstehe ich die Witze in der Kabine noch nicht hundertprozentig. Das frustriert mich hin und wieder, weil man natürlich voll dazugehören möchte. Aber es wird von Tag zu Tag besser, es braucht einfach seine Zeit."
Du bist jetzt seit gut einem Jahr in Dänemark. Haben sich deine Erwartungen erfüllt und was war rückblickend die größte Umstellung?
"Mir war von Anfang an klar, dass es ein riesiger Schritt werden würde. Wenn du in eine Mannschaft kommst, in der du der Einzige bist, der die Sprache nicht als Muttersprache spricht, fühlst du dich am Anfang zwangsläufig etwas wie ein Außenseiter. Da muss man einfach durchbeißen.
Umso schöner ist das Gefühl, wenn man merkt, dass man schrittweise ankommt – auch sportlich. Wir spielen hier ein anderes System als das, was ich aus der Bundesliga gewohnt war. Meine Rolle hat sich im Vergleich zu meiner Zeit bei den Rhein-Neckar Löwen etwas verändert. Es ist schlicht ein anderer Handballstil: Das Spiel ist schneller, taktisch anders strukturiert und läuft etwas weniger über den Kreisläufer."

Man sagt vielen Sportlern nach, dass sie auf dem Feld besser performen, wenn sie auch abseits des Platzes glücklich sind. Bist du in Dänemark abseits des Harzplatzes glücklicher als in Deutschland?
"Das lässt sich schwer vergleichen. Ich würde nicht behaupten, dass ich hier schon genauso verwurzelt bin wie damals in Heidelberg. Um Kontakte zu knüpfen, muss man offen sein und auf die Menschen zugehen. Das versuche ich, auch wenn die Sprachbarriere am Anfang eine Hürde war. Mittlerweile habe ich aber auch außerhalb des Handballs ein paar Leute, mit denen ich mich treffe.
Sportlich gibt es ohnehin immer Höhen und Tiefen. Das Gefühl kann sich innerhalb weniger Tage komplett drehen – das ist in Dänemark nicht anders als in Deutschland. Ich habe hier mit Aalborg schon wunderschöne Momente erlebt, aber eben auch schwierige Phasen durchgemacht."
Essen ist bekanntlich ein zentraler Teil der Kultur. Wie schmeckt dir die dänische Küche?
Die Smørrebrød-Tradition mag ich wirklich sehr! Ich lebe allerdings vegetarisch und war ehrlich gesagt überrascht, wie viel Fleisch – allen voran Schweinefleisch – hier gegessen wird. Die Dänen sagen zwar immer, dass die Deutschen viel Fleisch essen, aber gefühlt wird hier noch mehr konsumiert (schmunzelt).
Das Essen gehört einfach dazu, um ein Land wirklich zu verstehen. Viele deutsche Touristen machen in Dänemark Urlaub, aber sie lernen das Land nie richtig kennen. Das geht nur, wenn man hier lebt – und genau diese Erfahrung wollte ich machen.
Du bist sowohl in Aalborg als auch in der Nationalmannschaft ein absoluter Leistungsträger. Ist der Druck in Dänemark abseits der deutschen Medienlandschaft leichter zu bewältigen?
"Nein, das würde ich nicht sagen. Ich weiß, dass das bei meinem Wechsel in den Medien oft behauptet wurde. Ich selbst habe das aber nie so gesehen. Mir war klar, worauf ich mich einlasse: Aalborg gehört zu den fünf besten Klubs der Welt.
Es gibt hier vielleicht etwas weniger Medienrummel, aber die sportlichen Erwartungen an mich persönlich sind sogar höher als in Deutschland. Hier musst du jedes Spiel in der Liga und im Pokal gewinnen. Und das erklärte Hauptziel des Vereins ist der Champions-League-Sieg – der Druck ist also definitiv da."
Gibt es aus deiner Sicht in Deutschland die Erwartungshaltung, dass der beste deutsche Handballer auch in der Bundesliga spielen muss?
Am Ende war es ganz allein meine Entscheidung, und die Leute können darüber denken, was sie möchten. Die Bundesliga ist zweifellos die beste und stärkste Liga der Welt, und immer mehr internationale Topspieler drängen dorthin. Aber als ich jünger war, habe ich auch zu Spielern aufgeschaut, die nicht in Deutschland aktiv waren. Ich wollte einfach die Erfahrung machen, mich im Ausland einer neuen Herausforderung zu stellen.
Am Ende der letzten Saison seid ihr im Champions-League-Halbfinale nur ganz knapp am FC Barcelona gescheitert. Sitzt der Stachel dieser Niederlage immer noch tief?
Ja, absolut. Wir waren verdammt nah dran. Natürlich waren wir stolz darauf, es überhaupt zum Final Four nach Köln geschafft zu haben. Aber wenn du erst einmal dort bist, willst du auch den Pokal holen. Was es noch schmerzhafter macht: Ich glaube nicht, dass wir an diesem Tag unser bestes Spiel gezeigt haben. Jede Saison bietet eine neue Chance, aber der Weg zurück nach Köln ist lang. Ich hoffe sehr, dass der Klub diesen Traum eines Tages verwirklichen kann.
Anfang nächsten Jahres steht die Weltmeisterschaft im eigenen Land an – ein Highlight für jeden Nationalspieler. Wie sehr blickst du schon darauf voraus?
Ehrlich gesagt versuche ich, nicht allzu weit in die Zukunft zu schauen. Im Sport kann sich durch Verletzungen oder Formtiefs extrem schnell alles ändern. Mein Hauptziel ist es, gesund zu bleiben, mich weiterzuentwickeln und gute Leistungen zu bringen.
Natürlich ist die Heim-WM nur noch ein halbes Jahr entfernt, aber bis dahin stehen noch so viele wichtige Spiele an. Darauf liegt mein voller Fokus: Ich möchte hier in Aalborg meinen Job bestmöglich erledigen – und dann hoffentlich auch der Nationalmannschaft wieder helfen.
