Eine einzige Zahl, die Lopetegui selbst hervorhebt, fasst seine bewegte WM-Historie zusammen: 2.920 Tage lagen zwischen seinem dramatischen Rauswurf bei der Furia Roja und seinem WM-Comeback. Dazwischen führte ihn seine Trainer-Odyssee über Real Madrid, den FC Sevilla, Wolverhampton und West Ham United schließlich nach Doha.
Am Samstag, den 13. Juni, stand sein neues Projekt in Santa Clara gegen die Schweiz vor der ersten echten Reifeprüfung. Das Drehbuch wirkte fast schon ironisch vorhersehbar: Nach einem verwandelten Elfmeter von Breel Embolo in der 17. Minute lief Katar früh einem Rückstand hinterher und schien der nächsten Pleite entgegenzusteuern – bis Kapitän Boualem Khoukhi in der Nachspielzeit per Kopf den umjubelten Ausgleich erzielte.
Zwischen Chaos und Krisenmanagement
Lopeteguis Weg in den Wüstenstaat war alles andere als geradlinig. Zur Erinnerung: 48 Stunden vor Spaniens erstem WM-Spiel 2018 wurde er entlassen, weil sein Wechsel zu Real Madrid vorab durchgesickert war. Es folgte ein schnelles Aus in Madrid, die sportliche Wiederauferstehung mit dem Europa-League-Sieg in Sevilla 2020 und schließlich das Gastspiel in der Premier League. Bei West Ham flog er erst am 8. Januar 2025 nach einer anhaltenden Ergebniskrise raus.
Nur vier Monate später übernahm er den katarischen Verband, der in einer tiefen Identitätskrise steckte. Nach einem krachenden 0:5 gegen die Vereinigten Arabischen Emirate war Tintín Márquez entlassen worden, und auch Nachfolger Luis Garcia konnte das Ruder nicht herumreißen. Da man sich nach der Heim-WM 2022 diesmal sportlich qualifizieren musste, wartete ein Novum: Ein knallhartes Mini-Playoff gegen die Emirate und den Oman auf heimischem Boden brachte letztlich das WM-Ticket.
Die Vorbereitung auf das Turnier glich jedoch einer Achterbahnfahrt. Lopetegui beklagte Wochen ohne reguläres Mannschaftstraining – erst wegen des Ramadan, dann aufgrund regionaler Sicherheitsbedenken, die zur Absage hochkarätiger Testspiele gegen Argentinien und Serbien führten. Eine Generalproben-Niederlage gegen Irland drückte weiter auf die Stimmung. Mit nur vier Siegen aus 16 Pflichtspielen liest sich Lopeteguis Bilanz zwar durchwachsen, doch den Glauben an sein Team hat der Spanier nie verloren.
Ein Team wie ein Boxkämpfer
Taktisch setzt Lopetegui auf ein flexibles 4-3-3-System, maßgeschneidert für seine beiden Prunkstücke in der Offensive: Akram Afif und Almoez Ali, mit 55 Treffern der Rekordtorschütze des Landes.
Das wahre Gesicht dieser Mannschaft spiegelt sich jedoch in einer beeindruckenden Statistik wider: 15 ihrer 37 Qualifikations-Tore (satte 41 %) fielen nach Standardsituationen. Katar muss ein Spiel nicht dominieren, um brandgefährlich zu sein. Lopetegui lässt sein Team dabei mit zwei Gesichtern agieren: Entweder zieht man sich in ein kompaktes Mittelfeldpressing zurück, um Afif über die Flügel zu isolieren und Ali im Zentrum zu füttern, oder man presst extrem hoch – eine Taktik, die speziell für den kommenden Gegner Kanada gereift ist.
Die Match-Statistik gegen die Schweiz spricht Bände: Die Eidgenossen verbuchten 69 % Ballbesitz und feuerten 25 Schüsse ab (7 aufs Tor), was zu einem Expected-Goals-Wert (xG) von dominanten 3,15 führte. Katar stand defensiv tief und kam am Ende auf magere 0,64 xG.
Und dennoch reichte dieser Bruchteil an Chancen. Lopeteguis Elf hielt dem Dauerdruck stand, bis Khoukhi in der 94. Minute nach einer präzisen Flanke höher stieg als der Schweizer Joker Miro Muheim. Dass Lopetegui nach dem Abpfiff lautstark eine Abseitsstellung vor dem Schweizer Elfmeter beklagte, ging im Jubel fast unter. Viel lieber lobte er die Mentalität seiner Profis: "Ich bin unheimlich stolz auf den Kampfgeist der Jungs." Es ist genau dieses Resilienz-Projekt, das er vorantreibt: Offensiv minimalistisch, aber mental unzerstörbar.
Kanada ist gewarnt
Auf dem Platz laufen alle Fäden bei Afif zusammen, von dessen Tagesform fast die gesamten Offensivhoffnungen des Landes abhängen. Kapitän Khoukhi, der über 100 Länderspiele auf dem Buckel hat, ist der emotionale Leader, der vorangeht – so wie mit seinem Last-Minute-Treffer gegen die Schweiz. Almoez Ali wartet dagegen noch auf seinen großen WM-Moment.
Um dieses Achsen-Trio herum hat Katar ein extrem homogenes Team aufgebaut, das eine strukturelle Besonderheit aufweist: 25 der 26 Kader-Spieler stehen in der heimischen Liga unter Vertrag. Die einzige Ausnahme bildet Homam Ahmed, der von Al-Duhail an den spanischen Zweitligisten Cultural Leonesa ausgeliehen ist – einen Klub, der strategisch von Katar finanziert wird.
Für Kanada, das mit einem hart erkämpften Punkt gegen Toronto in das zweite Gruppenspiel geht, liegt die Taktik des Gegners nun offen auf dem Tisch. Die Schweiz dominierte Katar über 90 Minuten in allen Belangen, verpasste es aber, den Sack zuzumachen, und wurde in der 94. Minute eiskalt bestraft. Da die Kanadier schon beim Remis gegen Bosnien und Herzegowina extreme Anfälligkeiten bei gegnerischen Ecken zeigten, wissen sie genau, was auf sie zukommt: Ein Gegner, der über eine Stunde lang wie ein Sandsack Schläge einsteckt, um dann mit einem einzigen, präzisen Konter den K.o. zu setzen.
Zum Match-Center: Kanada vs. Katar
