Ronaldo hätte dieses Turnier unter keinen Umständen verpasst, zumal es sich aller Voraussicht nach um seine letzte Weltmeisterschaft handelt. Zwar ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass er sich auch für das nächste Turnier fit hält, doch viele Experten halten es für kontraproduktiv, einen dann 45-Jährigen im Kader zu haben, während jüngere, hungrigere Talente auf der Bank schmoren. Lässt sich dieses Argument nicht sogar eins zu eins auf die Gegenwart übertragen?
Beim jüngsten 0:0-Unentschieden gegen Kolumbien gab Ronaldo zwar drei Schüsse ab – gemeinsam mit João Félix die meisten auf portugiesischer Seite –, doch nur ein einziger Ball ging überhaupt auf das Tor. Noch schwerer wiegt die Statistik im gegnerischen Sechzehner: Gerade einmal zwei Ballkontakte verzeichnete er im kolumbianischen Strafraum, wovon einer sein Schuss neben das Gehäuse war. Auf diesem internationalen Top-Niveau ist das schlicht zu wenig. Zum Vergleich: Die Kolumbianer Luis Díaz (sieben Ballkontakte im Strafraum) und Jhon Arias (sechs) strahlten deutlich mehr Gefahr aus.

Natürlich lässt sich einwenden, dass auch Kolumbien kein Tor erzielte und die reine Anzahl der Strafraumaktionen letztlich zweitrangig ist. Dennoch spiegeln diese Zahlen den Einsatz, die Zielstrebigkeit und somit den direkten Einfluss eines Spielers auf das Spielgeschehen wider.
Schwächen im Passspiel und fehlende Dynamik
Auch Ronaldos Passquote war mit 81,5 % die schwächste im gesamten portugiesischen Team. Zwar hatten andere Spieler weniger Ballkontakte (35) oder spielten absolut gesehen weniger erfolgreiche Pässe (22), agierten dabei jedoch wesentlich präziser.
Was jedoch noch schwerer wiegt und für den einstigen Ausnahmekönner ungewohnt ist: Im gesamten Spiel gegen Kolumbien verbuchte Ronaldo keinen einzigen Dribblingversuch und bestritt kein einziges Kopfballduell. Ausgerechnet jene Disziplinen, die jahrelang als seine absoluten Spezialitäten galten, blieben komplett aus. Für Nationaltrainer Roberto Martínez und Portugal, die von einem langen Verbleib im Turnier träumen, ist das ein alarmierendes Signal. Dass er defensiv weder Tacklings noch abgefangene Bälle beisteuerte, mag man ihm verzeihen – das gehörte ohnehin nie zu seinem Spiel.
Täuschende Gala gegen Usbekistan
Zwar glänzte der Routinier beim vorherigen 5:0-Kantersieg gegen Usbekistan als Doppeltorschütze und gefeierter Mann des Abends, doch die Zahlen blenden. Seine Offensivwerte waren in diesem Spiel zwar beeindruckend – sieben Schüsse (fünf aufs Tor), zehn Ballkontakte im Strafraum und fünf Großchancen –, doch abseits der Tore blieben die spielerischen Defizite unübersehbar.
Mit einer Passquote von mageren 68,4 % bildete er erneut das Schlusslicht seines Teams und brachte lediglich 13 Pässe zum Mitspieler. Ein misslungenes Dribbling und nur eine einzige Ballrückoberung – der schlechteste Wert neben Torwart Diogo Costa – unterstreichen, dass die Tore die strukturellen Schwächen in seinem Spiel nur kaschierten. Einzig ein gewonnenes Tackling setzte in der Defensive einen kleinen positiven Akzent.
Probleme bereits zum Auftakt
Schon beim Turnierauftakt gegen die DR Kongo, der für die Portugiesen in einem enttäuschenden Unentschieden endete, deuteten sich die Probleme an. Ronaldos drei Torschüsse blieben allesamt harmlos und gingen am Kasten vorbei. Immerhin waren seine fünf Ballkontakte im gegnerischen Strafraum der zweitbeste Wert hinter Nuno Mendes (sechs).

Mit einer Passquote von 90,5 % startete er zwar ballsicher in die WM und entschied zumindest zwei von drei Boden- sowie Kopfballduellen für sich, verweigerte aber auch hier jeglichen Dribblingversuch. Defensiv blieb er an diesem Abend ein Totalausfall: Kein Tackling, kein gezogenes Foul, keine Klärungsaktion.
Zum Match-Center: Portugal vs. Kroatien
Kroatien mag ebenfalls mit einer gealterten Mannschaft die WM bestreiten, doch Akteure wie Luka Modrić zerreißen sich nach wie vor defensiv wie offensiv für ihr Team. Genau diese kompromisslose Arbeitseinstellung lässt Ronaldo vermissen – oder er kann sie schlicht nicht mehr abrufen. Wenn er und Portugal weiterhin vom WM-Titel träumen wollen, muss von ihm deutlich mehr kommen als nur pure Präsenz und sein großer Name.

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