Geheimfavorit Schweiz: Wie die "Nati" ihre internen kulturellen Gräben überwand

Schweiz-Kapitän Granit Xhaka im Einsatz gegen Bosnien & Herzegowina
Schweiz-Kapitän Granit Xhaka im Einsatz gegen Bosnien & HerzegowinaČTK / imago sportfotodienst / Julian Medina/DiaEsportivo

Die Zeiten, in denen die Schweizer Nationalmannschaft von kulturellen Spannungen gelähmt wurde, sind vorbei. Trotz der unterschiedlichsten ethnischen und kulturellen Hintergründe im Kader präsentiert sich das Team unter Trainer Murat Yakin und Kapitän Granit Xhaka heute als geschlossene Einheit. Das betont der preisgekrönte Journalist Florian Raz von der Schweizer Zeitung Blick im Interview mit Flashscore.

Auf dem Weg zu einer gemeinsamen taktischen Basis stehen Nationalteams vor vielen Herausforderungen. Wenn dann noch drei oder mehr kulturelle Identitäten aufeinandertreffen, ist Unruhe in der Kabine oft vorprogrammiert – ein Dilemma, das die Schweiz jahrelang sportliche Höchstleistungen kostete.

Das Land ist sprachlich und kulturell stark fragmentiert: Deutsch (ca. 63 %), Französisch (23 %), Italienisch (8 %) und Rätoromanisch (0,5 %) prägen die verschiedenen Regionen, die im Alltag meist klar voneinander getrennt bleiben. Versucht man jedoch, diese unterschiedlichen Kulturen in einer Nationalmannschaft – der "Nati", wie sie in der Alpenrepublik liebevoll genannt wird – zusammenzubringen, birgt das Konfliktpotenzial. In der Vergangenheit belastete dies immer wieder die Leistungen auf dem Platz.

Spiel gegen Serbien 2018 als negativer Höhepunkt

"Früher blieben die Akteure aus der Deutschschweiz, der Romandie und dem Tessin am liebsten bei den Vereinen ihrer Heimatregionen", erklärt Florian Raz. "Kam man dann bei der Nationalmannschaft zusammen, spiegelte sich diese Trennung in der Kabine wider. Da passte dann vielleicht ein Deutschschweizer dem Kollegen aus der Westschweiz den Ball nicht zu." Doch nicht nur regionale, sondern auch geopolitische Spannungen machten dem Team zu schaffen. So war die Weltmeisterschaft 2018 von tiefen Gräben zwischen einheimischen Spielern und Akteuren mit albanischen Wurzeln geprägt.

Xhaxa und Shaqiri zeigen die umstrittene Geste
Xhaxa und Shaqiri zeigen die umstrittene GesteCredit: LAURENT GILLIERON / EPA / Profimedia

Der kosovarisch-albanische Hintergrund mehrerer Leistungsträger brachte komplexe politische und gesellschaftliche Debatten über nationale Identität und Loyalität mit sich. "Das gipfelte im hochemotionalen Spiel gegen Serbien, als Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri ihre Tore mit dem umstrittenen Doppeladler-Gruss feierten. Plötzlich stand nicht mehr der Sport im Fokus, sondern die Politik, was extrem viel Unruhe in die Mannschaft brachte", so Raz.

Heute ist diese Zerreißprobe jedoch Geschichte. "Kulturelle Streitigkeiten gehören der Vergangenheit an, diese Generation ist darüber hinweg. Mittlerweile bereichern auch viele Spieler mit afrikanischen Wurzeln wie Manuel Akanji, Breel Embolo oder Dan Ndoye das Team. Die Welt ist vielfältiger geworden – und dank einer starken Kapitänsfigur gibt es diese Probleme schlicht nicht mehr", betont der Experte.

Schweiz glaubt an Gruppensieg

Die sportliche Entwicklung der letzten zehn Jahre gibt ihm recht. Die Schweiz hat sich in der FIFA-Weltrangliste kontinuierlich nach oben gearbeitet und Meilensteine gesetzt – wie den historischen Sieg gegen Frankreich im Achtelfinale der EURO 2024. Auch die Qualifikation für die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 gelang souverän: In der UEFA-Gruppe B blieb die Nati ungeschlagen und löste mit 14 Punkten das Ticket für das Turnier.

Entsprechend selbstbewusst reiste das Team an, erlebte zum Auftakt mit einem 1:1-Unentschieden gegen Katar jedoch einen Dämpfer. Mit einem überzeugenden 4:1-Erfolg gegen Bosnien-Herzegowina fand die Mannschaft aber schnell wieder zu ihrem gewohnten, attraktiven Offensivspiel zurück.

"Die Mannschaft hat sich selbst enorm unter Druck gesetzt, indem sie vor dem Turnier öffentlich sieben Punkte für die Gruppenphase als Ziel ausgab", analysiert Raz. "Das Remis gegen Katar war eine Enttäuschung, aber gegen Bosnien hat man die mentale Stärke gesehen. Die Spieler wollten Wiedergutmachung, der Hunger war förmlich greifbar." Raz ist überzeugt, dass das Team das Potenzial hat, im Turnier sehr weit zu kommen, auch wenn der Kader Schwachstellen aufweist.

"Es ist unübersehbar, dass unsere gesetzten Außenverteidiger, Silvan Widmer und Ricardo Rodriguez – beide inzwischen 33 Jahre alt –, an Tempo verloren haben. Bei schnellen Umschaltmomenten des Gegners wirken wir anfällig, und gegen die absoluten Top-Nationen wird es extrem schwer. Dennoch habe ich schon vor der WM geschrieben, dass dieses Team das Halbfinale erreichen kann. Davon bin ich nach wie vor überzeugt. Wir haben Routiniers wie Xhaka und Rodriguez, die ihre vierte Weltmeisterschaft spielen, und eine hervorragende Mischung aus Erfahrung und jungen, hungrigen Talenten."

Die Stimmung vor dem nächsten Spiel ist positiv. "Die Spieler sind absolut überzeugt, dass sie Kanada schlagen werden. Das große Thema in der Schweiz ist derzeit, ob Youngster Johan Manzambi von Beginn an auflaufen soll, nachdem er gegen Bosnien nach seiner Einwechslung prompt doppelt traf", so Raz abschließend.

Zum Match-Center: Schweiz vs. Kanada

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