Ein Fußballspiel dauert oft weit länger als die regulären 90 Minuten. Es sind die Momente davor und danach, die ein Spiel unvergesslich machen – besonders dann, wenn die Politik auf den Rasen drängt. An jenem heißen Sommertag in Mexiko erlebten die Zuschauer, wie Diego Armando Maradona innerhalb von nur fünf Minuten Geschichte schrieb: Er erzielte sowohl das umstrittenste als auch das schönste Tor der WM-Historie und stieg endgültig zur Legende auf.
40 Jahre danach geht der Blick zurück weit über das rein Sportliche hinaus. Auf dem Platz standen sich die Mannschaft des späteren Torschützenkönigs Gary Lineker und der wohl größte Fußballer aller Zeiten gegenüber – und beide sollten sich an diesem Tag in die Torschützenliste eintragen. Doch das Geschehen wurde von Umständen überschattet, die im Stadion zunächst kaum jemand richtig erfassen konnte. Die "Hand Gottes", die kurz nach dem Seitenwechsel das 1:0 brachte, war für die damaligen Kameras im ersten Moment kaum greifbar; die entlarvenden Bilder wurden erst Stunden später entwickelt.

Die emotionale Aufladung im Vorfeld war gigantisch. Nur vier Jahre zuvor hatte die argentinische Militärdiktatur die Pibes de las Malvinas – junge, kaum zwanzigjährige Soldaten – in einen aussichtslosen Krieg um die Falklandinseln geschickt. Es war ein reines Selbstmordkommando, um von den innenpolitischen Problemen des Regimes abzulenken. Die historischen Wunden saßen tief, und Maradona verstand es meisterhaft, die Trauer und die Bitterkeit in seiner Mannschaft zu bündeln. Er nutzte den Schmerz als Treibstoff für eine sportliche Revanche.
In einer Ära ohne Videoschiedsrichter (VAR) oder Torlinientechnologie zog die argentinische Nummer 10 alle Register südamerikanischer Cleverness. Maradona überlistete Englands Keeper Peter Shilton mit der Faust und jubelte sofort so enthusiastisch, dass er selbst seine eigenen Mitspieler – und vor allem das Schiedsrichtergespann – von der Rechtmäßigkeit des Treffers überzeugte.
"Hand Gottes": Hätte der Linienrichter eingreifen können?
Die FIFA hatte für diese brisante Partie bewusst den Tunesier Alí Bennacer nominiert, da weder ein Europäer noch ein Südamerikaner pfeifen durfte. Bennacer brachte neben seiner Neutralität vor allem eine enorme physische Fitness mit. In seiner Heimat Tunis erinnert er sich heute zurück: "Ich war Langstreckenläufer, bin sogar Marathon gelaufen, also war ich bestens auf die dünne Luft und die Anstrengung vorbereitet. Zudem hatte ich bereits das Afrika-Cup-Finale 1984 geleitet – ich brachte also die nötige Erfahrung für diese Bühne mit."
Der anschließende englische Zorn war mehr als verständlich, richtete er sich doch gegen die vermeintliche Nachlässigkeit der Unparteiischen. Doch Bennacer sieht die Schuld nicht bei sich: "Ich konnte das Handspiel schlichtweg nicht sehen. Shiltons Arm hat mir die Sicht auf Diegos Hand versperrt. Mein bulgarischer Linienrichter Bogdan Dotschev hatte jedoch den perfekten Blickwinkel. Er signalisierte mir, dass das Tor regulär war. Ich habe mich also exakt an die klaren FIFA-Vorgaben für das Turnier gehalten."
Pikantes Detail am Rande: Bennacer erinnert sich, dass die Regelauslegung vor der WM ausgerechnet von einem Engländer namens Walton geschult worden war. Während die englischen Profis dem Hauptschiedsrichter nach dem Abpfiff trotz der Niederlage fair gratulierten, kannte der Frust gegenüber dem Linienrichter keine Grenzen. "Sie wollten ihn am liebsten köpfen", erinnert sich Bennacer und wählt dafür das drastische französische Wort "égorger".

Doch das Beste sollte erst noch folgen. Eine fast schon mystische Atmosphäre legte sich über das Aztekenstadion, als Maradona kurz darauf zu seinem unvergesslichsten Tanz ansetzte. Im Vollsprint ließ er sechs englische Gegenspieler wie Slalomstangen stehen, umkurvte Shilton und schob den Ball ins leere Tor. Der Jahrhundertlauf war perfekt.
"Ich war wie gebannt von dem, was sich vor meinen Augen abspielte, und versuchte einfach nur, Schritt zu halten“, gesteht Bennacer. "Ich hatte die Pfeife schon im Mund, weil ich jede Sekunde damit rechnete, dass ihn jemand umgrätscht. Aber sie konnten ihn einfach nicht stoppen."
Die schiere Magie dieses Moments erfasste das gesamte Stadion und sorgte sogar dafür, dass die gewalttätigen Ausschreitungen zwischen den verfeindeten Fanlagern auf den Rängen für einen kurzen Augenblick verstummten.
Fünf Minuten für die Ewigkeit
Innerhalb von nur fünf Minuten wurde in Mexiko-Stadt Geschichte geschrieben. Nach dem Anschlusstreffer von Gary Lineker zum 2:1 mussten die Argentinier in der Schlussphase zwar noch einmal zittern, doch am Ende brachten sie diesen hochemotionalen Sieg über die Zeit.
Bennacer, der Maradona fast dreißig Jahre später noch einmal persönlich treffen sollte, blickt mit einem einzigartigen Gefühl auf das Match zurück: "Ich hätte mir gewünscht, England hätte noch ausgeglichen und es wäre in die Verlängerung gegangen. Ich wollte einfach nicht, dass dieses großartige Spektakel endet."

Diese fünf Minuten der zweiten Halbzeit bleiben ein unerreichtes Monument der WM-Geschichte. Dass Julio Olarticoechea den englischen Ausgleich in letzter Sekunde per Kopf auf der Linie verhinderte, wurde fast zur Randnotiz. In diesem kurzen Zeitfenster offenbarte sich das gesamte Wesen des Diego Maradona: Genie und Schlitzohr zugleich.
Jahre später, bei einem Werbetermin in Tunesien, kam es zur herzlichen Wiederbegegnung zwischen dem Schiedsrichter und dem Weltmeister. Maradona schenkte Bennacer ein signiertes Argentinien-Trikot mit den Worten: "Für Alí, meinen ewigen Freund." Ein spätes, aber unvergessliches Dankeschön.
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