EXKLUSIV: Aufsteiger Thun nach Sensationslauf kurz vor dem Titelgewinn in der Schweiz

Dominik Franke und Justin Roth feiern den überraschenden Sieg des FC Thun gegen den FC Basel.
Dominik Franke und Justin Roth feiern den überraschenden Sieg des FC Thun gegen den FC Basel.ČTK / imago sportfotodienst / IMAGO

Der FC Thun, erst in der vergangenen Saison in die Schweizer Super League aufgestiegen, steht kurz davor, einen der erstaunlichsten Titelgewinne der europäischen Fußballgeschichte zu vollenden. Flashscore wirft einen Blick auf die Gründe hinter diesem außergewöhnlichen Erfolg.

Als Leicester City im Jahr 2016 die Premier League gewann, nachdem der Klub in der Vorsaison nur knapp dem Abstieg entgangen war, schrieb das Team Fußballgeschichte. Viele Experten sind sich einig, dass sich ein solches Märchen in einer derart konkurrenzstarken Liga kaum wiederholen lässt. Doch in der Schweiz bahnt sich derzeit eine ganz eigene Sensation an: das "Fußballwunder von Thun".

Die idyllisch am Thunersee gelegene Stadt am Fuße der Alpen ist nicht unbedingt als Fußballhochburg bekannt. Vielmehr richtet sich die Aufmerksamkeit vieler Sportfans traditionell auf das berühmte Lauberhornrennen im nahegelegenen Wengen. Lange Zeit zog es auch die Fußballbegeisterten der Region eher nach Bern, wo die Young Boys regelmäßig auf höchstem Niveau spielen. In dieser Saison jedoch ist alles anders: Die Fans strömen in die 10.000 Zuschauer fassende Stockhorn Arena, denn der FC Thun sorgt landesweit für Aufsehen.

FC Thuns beeindruckende Statistiken in der Schweizer Liga
FC Thuns beeindruckende Statistiken in der Schweizer LigaFlashare

Nach fünf Jahren in der Challenge League steht der Klub nun kurz davor, den ersten großen Titel seiner 127-jährigen Geschichte zu gewinnen. Unter Trainer Mauro Lustrinelli hat Thun zuletzt neun Spiele in Folge gewonnen und führt die Tabelle mit beeindruckenden 14 Punkten Vorsprung bei nur noch zwölf ausstehenden Begegnungen an.

Teamgeist als Schlüssel in Thun

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg ist laut Mittelfeldspieler Justin Roth die Kontinuität im Kader. "Während andere Vereine viele Wechsel hatten, konnten wir den Kern unserer Mannschaft zusammenhalten. Im Sommer gab es nur wenige Veränderungen, sodass wir eingespielt sind und die Abläufe perfekt kennen", erklärt der 23-Jährige gegenüber Flashscore.

Gleichzeitig seien gezielte Verstärkungen verpflichtet worden, die sich nahtlos eingefügt haben. Roth, der sich nach anfänglichen Bankplätzen inzwischen einen Stammplatz erarbeitet hat, betont zudem den ausgeprägten Teamgeist: "Wir haben keine großen Stars, wir funktionieren als Einheit. Jeder arbeitet für den anderen. Auch bei Ausfällen haben die Ersatzspieler ihre Rolle hervorragend ausgefüllt, besonders in intensiven Phasen mit vielen Spielen."

Architekt dieses Erfolgs ist Trainer Mauro Lustrinelli. Der ehemalige Thuner Kapitän und Nationalspieler führte den Verein bereits als Spieler zu großen Erfolgen und kennt die Strukturen genau. Seit seinem Amtsantritt in der Saison 2022/23 hat er das Team kontinuierlich weiterentwickelt.

FC Thun Trainer Mauro Lustrinelli
FC Thun Trainer Mauro LustrinelliCredit: ČTK / imago sportfotodienst / IMAGO

Während Thun in der vergangenen Spielzeit noch stark auf Offensivfußball setzte, verfolgt Lustrinelli inzwischen einen ausgewogeneren Ansatz. Im 4-2-2-2-System agieren die zentralen Mittelfeldspieler tiefer und sorgen für Stabilität. Mit durchschnittlich 46,3 Prozent Ballbesitz überlässt Thun dem Gegner häufig die Initiative, setzt dafür aber umso konsequenter auf schnelles Umschaltspiel.

Roth: "Wir wollen nichts verschreien"

Die Zahlen unterstreichen die Effektivität dieses Ansatzes: Thun führt die Liga sowohl bei gewonnenen Zweikämpfen als auch bei erzielten Toren an und stellt zugleich die beste Defensive. Roth hebt insbesondere die Bedeutung seines Trainers hervor: "Er hat mit dem Verein bereits große Erfolge gefeiert und sogar in der Champions League gespielt. Das gibt uns das Vertrauen, dass auch wir Großes erreichen können."

Die Tabelle der Schweizer Super League
Die Tabelle der Schweizer Super LeagueFlashare

Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg liegt in der Spielweise: "Oft gehen wir früh in Führung, was uns die Kontrolle über das Spiel gibt. Wenn der Gegner dann mehr Risiko geht, entstehen Räume, die wir gezielt nutzen."

Trotz des komfortablen Vorsprungs bleibt das Team bewusst zurückhaltend. Im Umfeld des Vereins wird nicht offen über den Titel gesprochen. "Wir wollen nichts verschreien", sagt Roth. "Natürlich liest man von möglichen historischen Erfolgen, aber wir konzentrieren uns ausschließlich auf das nächste Spiel. Im Fußball kann sich alles schnell ändern."

Dennoch drängen sich Vergleiche mit Leicester City oder auch dem 1. FC Kaiserslautern auf, die als Außenseiter sensationelle Meisterschaften feierten. Auch Roth erkennt Parallelen: "Damals hat auch niemand daran geglaubt, dass Leicester durchhält. Ähnlich ist es bei uns. Aber wir machen einfach weiter."

Wie bei Leicester könnten auch in Thun bislang wenig bekannte Spieler plötzlich ins Rampenlicht rücken. "Nach solchen Erfolgen entstehen oft große Karrieren", sagt Roth. "Das ist natürlich auch ein Traum von mir."

Nächstes Spiel: FC Thun vs. FC Luzern (Freitag 28.02., 18 Uhr)

Ob der FC Thun dieses Fußballmärchen tatsächlich vollendet, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Doch schon jetzt ist klar: Diese Saison hat dem Schweizer Fußball eine seiner bemerkenswertesten Geschichten beschert.