Wie die abgeschriebenen Spurs gegen Manchester City doch noch einen Punkt retteten

Dominic Solanke mit seinem unglaublichen Scorpion-Kick-Tor gegen Manchester City.
Dominic Solanke mit seinem unglaublichen Scorpion-Kick-Tor gegen Manchester City.Reuters/Peter Cziborra

Vor dem Duell am Sonntag im Tottenham Hotspur Stadium befand sich die Mannschaft von Thomas Frank in einer handfesten Krise. Fünf Premier-League-Spiele in Folge waren ohne Sieg geblieben, beim Anpfiff standen die Spurs mit 28 Punkten auf Rang 15 der Tabelle, auf Augenhöhe mit Crystal Palace, Leeds United und Nottingham Forest.

Zwar betrug der Vorsprung auf die Abstiegsplätze noch acht Punkte, doch weniger die nackten Zahlen als vielmehr die Auftritte auf dem Platz sorgten für Unmut. Fehlendes Tempo, mangelnde Intensität und eine insgesamt ideenlose Spielweise ließen die Fans zunehmend verzweifeln – jene Fans, die Woche für Woche viel Geld investieren, um ihre Mannschaft zu unterstützen.

Zum Match-Center: Tottenham Hotspur vs. Manchester City

Der Druck auf Thomas Frank war daher schon länger spürbar. Wie zuvor bereits Ange Postecoglou konnte jedoch auch er auf die außergewöhnlich lange Verletztenliste verweisen, die seine Möglichkeiten erheblich einschränkte. Gegen Manchester City fehlten mit Micky van de Ven, James Maddison, Rodrigo Bentancur, Richarlison, Mohammed Kudus, Ben Davies, Pedro Porro und Dejan Kulusevski gleich acht Spieler, die bei voller Fitness allesamt realistische Kandidaten für die Startelf gewesen wären.

Die Aufstellungen zu Tottenham vs. Manchester City
Die Aufstellungen zu Tottenham vs. Manchester CityFlashscore

Entsprechend überraschend kamen die fünf Änderungen im Vergleich zum letzten Ligaspiel gegen Burnley nicht. Auch Pep Guardiola rotierte – unter anderem rückten Erling Haaland und Rayan Aït-Nouri in die Startformation.

Gespenstische Atmosphäre in Nordlondon

Nur zwei Heimsiege in der gesamten Saison 2025/26, dazu drei Unentschieden und bereits sechs Niederlagen – die Ausgangslage der Spurs unterstrich die Größe der Aufgabe gegen ein City-Team, das erst kürzlich seine eigene Serie von vier sieglosen Ligaspielen beendet hatte.

Da Arsenal am Samstag souverän gegen Leeds gewonnen hatte, stand Manchester City zusätzlich unter Zugzwang. Ein weiterer Punktverlust hätte bedeutet, mit sieben Zählern Rückstand auf die Gunners ins Wochenende zu gehen.

Spielerbewertungen zu Tottenham vs. Manchester City
Spielerbewertungen zu Tottenham vs. Manchester CityFlashscore

Auffällig war die Atmosphäre im Stadion: Über weite Strecken der ersten Halbzeit herrschte eine beinahe unheimliche Stille, sodass die Anweisungen der Trainerbänke deutlich zu hören waren. Kurioserweise hatten die Spurs in dieser Saison ausgerechnet im Etihad Stadium eine bessere Bilanz gegen City vorzuweisen – dort gelang ihnen bereits ein 2:0-Erfolg.

City nutzt Tottenhams Schwächen gnadenlos aus

Ein früher Vorstoß der Hausherren, bei dem Dominic Solanke und Conor Gallagher vielversprechende Positionen einnahmen, verpuffte schnell. Ein schwacher Pass von Yves Bissouma leitete schließlich die Führung der Gäste ein: Rayan Cherki traf mit dem zweiten Torschuss von City eiskalt.

Es passte ins Bild einer alarmierenden Statistik: Nur West Ham und Burnley kassierten in den ersten 15 Minuten eines Spiels mehr Gegentore als Tottenham. Zudem hatten die Spurs keines ihrer letzten 25 Spiele gewonnen, in denen sie zuerst in Rückstand geraten waren.

Manchester City spielte sich in der Anfangsphase nahezu mühelos durch die Spurs-Defensive. Besonders deutlich wurde dies, als Cherki im Slalom durch mehrere halbherzige Zweikämpfe marschierte. Mit variablem Ballbesitz nahmen die Gäste den Hausherren komplett den Rhythmus. Nach 30 Minuten hatten die Spurs im gegnerischen Drittel gerade einmal 46 erfolgreiche Pässe gespielt.

Tottenham lief meist hinterher, während City mit einer Passquote von 77 Prozent das Spiel kontrollierte. Die Außenverteidiger der Spurs waren praktisch abgemeldet – zwischen Destiny Udogie und Archie Gray gab es nur eine einzige Ballberührung im gegnerischen Strafraum.

Rodri dominierte das Mittelfeld nach Belieben, gewann alle acht seiner Zweikämpfe und eroberte den Ball viermal zurück – Bestwerte zur Halbzeit. Tottenhams Spiel war geprägt von Querpässen und Rücklagen, Tempo und Zielstrebigkeit fehlten vollständig.

Die Heatmap von Rodri gegen die Spurs
Die Heatmap von Rodri gegen die SpursOpta Graphics

Kurz vor der Pause wurde dies erneut bestraft: Die erschreckend offene Abwehr erlaubte Antoine Semenyo einen völlig unbedrängten Abschluss aus zentraler Position – eines der einfachsten Tore seiner Karriere. Zwei Torschüsse und ein xG-Wert von 0,1 fassten Tottenhams erste Halbzeit treffend zusammen. Entsprechend laut fiel das Pfeifkonzert beim Gang in die Kabine aus.

Solanke entfacht neue Hoffnung

Doch die Spurs kehrten verändert aus der Pause zurück. Nur sieben Minuten nach Wiederanpfiff setzte sich Solanke robust gegen Marc Guehi durch und lupfte den Ball über den herauseilenden Gianluigi Donnarumma hinweg ins Tor.

Der gesteigerte Einsatz war sofort spürbar. Vor allem Xavi Simons überzeugte mit enormer Laufbereitschaft und Mut im Eins-gegen-eins: 13 Dribblings vor der 60. Minute waren mehr als jeder andere Spieler auf dem Platz. Gleichzeitig mussten die Spurs jedoch aufpassen, sich bei ihrem Offensivdrang nicht erneut zu öffnen.

City blieb zunächst stabil, allen voran Rodri, der bis zur 60. Minute 85 seiner 94 Pässe an den Mann brachte. Doch mit zunehmender Lautstärke im Stadion wuchs auch Tottenhams Selbstvertrauen. Joao Palhinha setzte mit sechs erfolgreichen Tacklings defensive Akzente, Conor Gallagher sorgte mit wichtigen Ballgewinnen für zusätzliche Stabilität.

Ein Kunststück bringt den Ausgleich

Es war schließlich Gallaghers Einsatzfreude, die den Wendepunkt einleitete. Nach einem gewonnenen Zweikampf legte er für Solanke auf, der den Ball spektakulär per „Skorpion“-Schuss im Netz versenkte. Damit war Solanke der erste Spurs-Spieler seit Niko Kranjčar 2009, der in einem Premier-League-Heimspiel gegen Manchester City doppelt traf.

Nun lag das Momentum klar bei Tottenham. In dieser Phase hatten die Spurs mehr Ballbesitz, mehr Abschlüsse – und die Fans trugen ihre Mannschaft lautstark nach vorne. Donnarummas starke Parade verhinderte einen weiteren Treffer von Simons, der mit fünf Abschlüssen einen persönlichen Premier-League-Bestwert aufstellte.

Die Schlussphase entwickelte sich zu einem echten Kräftemessen. Tottenham gab in der zweiten Halbzeit fünf Torschüsse ab – so viele wie seit dem Saisonauftakt nicht mehr. Als Solanke in der letzten Minute ausgewechselt wurde, wich die Euphorie kurzzeitig der Sorge.

Manchester City hatte in den letzten 15 Minuten zwar 66 Prozent Ballbesitz, blieb jedoch zum dritten Premier-League-Spiel in Folge in der zweiten Halbzeit ohne eine einzige klare Torchance – ein bemerkenswerter statistischer Ausreißer.

Die Statistiken zu Tottenham vs. Manchester City
Die Statistiken zu Tottenham vs. Manchester CityOpta Graphics

Am Ende stand ein Punktgewinn, der sich für Tottenham wie ein kleiner Sieg anfühlte – und der zeigte, dass selbst eine bereits abgeschriebene Mannschaft mit Einsatz, Leidenschaft und einem Hauch Genie zurückschlagen kann.