Eine fast schon absurde Ausfallliste ist mitverantwortlich für den jüngsten Negativtrend der Spurs. Man kann Tudor kaum widersprechen, wenn er in Interviews betont, eine solche Situation in seiner gesamten Karriere noch nicht erlebt zu haben. Mit James Maddison, Mo Kudus, Ben Davies, Wilson Odobert, Dejan Kulusevski, Rodrigo Bentancur, Lucas Bergvall, Cristian Romero, Joao Palhinha, Micky van de Ven, Destiny Udogie, Conor Gallagher und Yves Bissouma fehlte quasi eine komplette Spitzenmannschaft.

Es überraschte daher wenig, dass Liverpool in der Anfangsviertelstunde mit 72 % Ballbesitz dominierte. Als Dominic Szoboszlai nach 18 Minuten einen Freistoß zur Führung versenkte, deutete alles auf einen bitteren Nachmittag für die Nordlondoner hin. Statistisch schien die Messe gelesen: Liverpool hatte in der Saison 2025/26 nach Führung fast immer gewonnen (13 Siege, 2 Remis, 1 Niederlage), während Tottenham in den letzten 30 Premier-League-Spielen nach einem Rückstand keinen Sieg mehr einfahren konnte.
Gäste stemmen sich gegen die Niederlage
Mit 27 Gegentoren in der ersten Halbzeit (nur übertroffen von Burnley) haben die Spurs ein massives Problem, defensiv stabil in die Spiele zu finden. Obwohl Cody Gakpo, Rio Ngumoha und Ryan Gravenberch weitere Großchancen verbuchten, hielten die Gäste diesmal stand und retteten den knappen Rückstand in die Pause.
Kevin Danso und Radu Dragusin agierten oft am Limit, doch ihr Einsatz sorgte dafür, dass sich die Gastgeber schwerer taten als erwartet. Offensiv setzte Mathys Tel Nadelstiche; seine drei Flanken in der ersten Hälfte waren Bestwert auf dem Platz. Auch Richarlison deutete mit zwei Abschlüssen kurz vor dem Halbzeitpfiff an, dass Tottenham sich noch nicht aufgegeben hatte.
Richarlison und Sarr übernehmen das Kommando
Nach dem Seitenwechsel steigerte sich Richarlison enorm: Neun Ballkontakte im gegnerischen Strafraum und vier Schüsse aufs Tor krönten eine starke Leistung, bei der er zudem fast die Hälfte seiner 19 Zweikämpfe gewann. Im Mittelfeld zog Pape Matar Sarr die Fäden. Seine Passquote von 83 % (bei 39 Pässen) war der Motor des Londoner Spiels.
Mit der Einwechslung von Xavi Simons kam zusätzlicher Schwung. Der Offensivmann entschied drei seiner vier Eins-gegen-Eins-Duelle für sich und zwang die Liverpooler Defensive sofort zu Fehlern. Die Lautstärke im Stadion sank spürbar, als die Spurs das Heft des Handelns übernahmen.
Salah und Ekitike ohne Fortune
Arne Slot reagierte auf den Kontrollverlust und brachte nach einer Stunde Mo Salah und Hugo Ekitike. Doch während der "Egyptian King" zwei Chancen liegen ließ und der Franzose knapp am Tor vorbeizielte, blieb Tottenham am Drücker. Liverpools Keeper Alisson musste bereits zum fünften Mal glänzend parieren, um die knappe Führung gegen einen Schuss von Djed Spence zu verteidigen.

Die Abwehr der Reds verlor zunehmend den Zugriff. Bezeichnend: Nur Virgil van Dijk wies eine makellose Zweikampfquote auf, und das bei lediglich zwei Duellen im gesamten Spiel. Liverpool agierte hektisch, Salah verzeichnete mit einer Passquote von nur 57,1 % den schlechtesten Wert aller Feldspieler.
Schockstarre in Anfield
In der Schlussminute folgte die Quittung für Liverpools Passivität: Nach einer Vorlage von Kolo Muani schob Richarlison eiskalt an Alisson vorbei zum Ausgleich ein. Für den Brasilianer war es das neunte Saisontor und sein sechster Treffer im 16. Spiel gegen die Reds.

Mit nun 15 Gegentoren in der letzten Viertelstunde offenbart Liverpool eine besorgniserregende Schwäche in der Crunchtime. Für Tottenham bedeutete der Punktgewinn zwar das zwölfte sieglose Spiel in Folge – ein historischer Negativrekord –, doch die Moral gegen ein verunsichertes Liverpool macht Hoffnung für das Kellerduell gegen Nottingham Forest. Liverpool hingegen muss aufpassen, nicht sogar noch in die Conference League abzurutschen.
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