Von der Bedeutungslosigkeit auf die europäische Bühne: Das Wunder von Sunderland

Trai Hume bejubelt seinen Treffer für Sunderland gegen Chelsea.
Trai Hume bejubelt seinen Treffer für Sunderland gegen Chelsea.Action Images via Reuters

Es liefen die letzten Minuten am finalen Spieltag der Premier-League-Saison, als das Stadium of Light in ein emotionales Tollhaus verwandelt wurde. Mit einem fulminanten 2:1-Sieg über das millionenschwere Ensemble des FC Chelsea krönte der AFC Sunderland eine epische Reise: In nur vier Jahren marschierten die "Black Cats" von den Tiefen der drittklassigen League One direkt in die UEFA Europa League. Ein Fußball-Märchen, das am Sonntag seinen vorläufigen Höhepunkt fand.

Die Ausgangslage vor dem gestrigen Showdown war klar: Nur ein Sieg gegen die "Blues" würde den Traum von Europa Wirklichkeit werden lassen. Dass ausgerechnet der nordirische Nationalspieler Trai Hume mit einer direkt genommenen Volley-Abnahme an Chelsea-Keeper Robert Sanchez vorbei den Torreigen eröffnete, verlieh diesem geschichtsträchtigen Nachmittag eine fast schon kitschige Note.

Zum Match-Center: AFC Sunderland vs. FC Chelsea

Als nach 90 dramatischen Minuten der Schlusspfiff ertönte, brachen auf den Rängen alle Dämme. Nach 53 langen Jahren kehrt der Traditionsverein aus dem Nordosten Englands wieder in den europäischen Wettbewerb zurück.

"Mir fehlen ehrlich gesagt die Worte, wir haben uns das über die gesamte Saison absolut verdient, wir haben das ganze Jahr über alles gegeben", so Torschütze Hume. "Als wir aufgestiegen sind, hat uns niemand etwas zugetraut, aber jetzt stehen wir in der Europa League, haben viele Kritiker eines Besseren belehrt – es gibt nichts Schöneres."

Für Hume schließt sich damit ein Kreis, der im Januar 2022 begann. Als er damals für eine bescheidene Ablösesumme von rund 200.000 Pfund vom nordirischen Club Linfield ins Stadium of Light wechselte, dümpelte der AFC Sunderland noch in der League One herum. Man habe ihm damals versichert, dass der Klub "nach Höherem und Besserem strebe", erinnert sich der Verteidiger. Dass dieser Weg ihn jedoch in nur viereinhalb Jahren bis auf die europäische Bühne führen würde, hätte er sich selbst in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können.

Der Wendepunkt: Le Bris und der Wembley-Krimi

Sunderlands Aufstieg verlief rasant, aber der entscheidende Impuls kam im Jahr 2024 mit der Verpflichtung des französischen Cheftrainers Régis Le Bris. Nach den Plätzen 6 und 16 in der Championship schien die Entwicklung der Mannschaft zunächst zu stagnieren. In Le Bris’ Premierensaison landeten die Black Cats satte 24 Punkte hinter den direkten Aufstiegsplätzen von Burnley und Leeds und erzielten magere 58 Tore in 46 Partien.

Doch das Team bewies bereits damals jene Nehmerqualitäten, die es heute auszeichnen. Nach einem dramatischen Last-Minute-Treffer im Play-off-Halbfinale gegen Coventry City ging Sunderland als klarer Außenseiter ins Finale gegen Sheffield United. Im geschichtsträchtigen Wembley-Stadion drehten die Black Cats einen Rückstand und machten durch ein weiteres Tor in der Nachspielzeit von Tom Watson nach acht Jahren Abstinenz den lang ersehnten Aufstieg in das englische Oberhaus perfekt. "Die Planeten standen heute richtig", befang Trainer Le Bris damals.

Nun, knapp 365 Tage später, hat sich der Klub für Europa qualifiziert. In den vergangenen Jahren war die Premier League für Aufsteiger ein brutales Pflaster – in den beiden Saisons zuvor stiegen jeweils alle drei Neulinge direkt wieder ab. Nicht wenige Experten prophezeiten Sunderland dasselbe Schicksal. Doch die Männer von Le Bris trotzten allen Statistiken und spielten auf Augenhöhe mit den etablierten Großmächten.

Der Europa-Triumph besiegelte nicht nur das Liga-Double über Chelsea, sondern spiegelte auch die absolute Dominanz gegen den Erzrivalen Newcastle United wider, der in dieser Spielzeit ebenfalls im Hin- und Rückspiel bezwungen wurde. Zudem trotzten die Black Cats dem Meister Arsenal sowie den Top-Klubs Manchester City und Manchester United beachtliche Unentschieden ab.

Sunderland beendet die Saison auf einem sensationellen 7. Tabellenplatz mit 54 Punkten (14 Siege, 12 Unentschieden, 12 Niederlagen) – nur sechs Zähler hinter den Champions-League-Rängen um Liverpool. Das ist die höchste Punktzahl eines Aufsteigers seit Leeds United (2020/21) und die beste Platzierung seit den Wolverhampton Wanderers (2018/19). Damit ist Sunderland erst der zehnte Aufsteiger der Premier-League-Geschichte, der sich für Europa qualifiziert – und überhaupt erst der fünfte, dem dies direkt über die reguläre Ligaplatzierung gelingt.

Kluger Transfer-Sommer zahlt sich aus

Während die letztjährigen Aufsteiger (Leicester, Southampton und Ipswich) zusammen opulente 300 Millionen Euro investierten und dennoch kollektiv abstiegen, zeigte Sunderland, wie man ein Budget effizient nutzt. Die Verantwortlichen stellten Le Bris nach dem Aufstieg rund 150 Millionen Euro für 15 Neuzugänge zur Verfügung.

Der französische Taktiker schaffte es, diese Neuzugänge nahtlos in ein funktionierendes Kollektiv zu integrieren. Der von Ajax Amsterdam verpflichtete Stürmer Brian Brobbey (Ablöse ca. 25 Mio. Euro) schlug voll ein und avancierte mit sieben Saisontoren zum Top-Scorer des Vereins. In der Defensive brachte der von Paris St-Germain transferierte Nordi Mukiele die nötige Führungsqualität und internationale Erfahrung mit.

Als absoluter Transfer-Coup entpuppte sich jedoch die Verpflichtung von Granit Xhaka: Für gerade einmal 15 Millionen Euro lenkte der erfahrene Ex-Leverkusener das Mittelfeld der Black Cats mit unbändiger Autorität. Zusammen mit der enormen Laufbereitschaft des spielfreudigen Noah Sadiki und den Paraden des überragenden Keepers Robin Roefs entstand ein Team, das weitaus mehr ist als die bloße Summe seiner Einzelteile.

Granit Xhaka hat in der Premier League für Sunderland die Fäden gezogen.
Granit Xhaka hat in der Premier League für Sunderland die Fäden gezogen.Enetpulse // Reuters/Lee Smith

Die einstige England-Stürmerin Ellen White schwärmte am Mikrofon der BBC: "Die Festung, die das Stadium of Light darstellt, die Atmosphäre und die Anzahl der Punkte, die sie dort geholt haben, ist einfach unglaublich. Die Fans, die nächste Saison durch Europa reisen, müssen völlig aus dem Häuschen sein."

Auch Ex-Premier-League-Profi Jermaine Beckford pflichtete bei: "Le Bris hat fantastische Arbeit geleistet, indem er das Team geeint und ihnen den Glauben eingeimpft hat, dass sie alles erreichen können, wenn sie nur hart daran arbeiten."

Abenteuer Europa wartet

Wenn die Hymne der Europa League in der kommenden Saison durch das Stadium of Light schallt, wird der Weg von der Drittklassigkeit ins internationale Rampenlicht endgültig zementiert sein. Die große Herausforderung für Le Bris und seine Mannschaft wird es nun sein, diese euphorische Dynamik auch auf der kontinentalen Bühne aufrechtzuerhalten. Die treuen Fans der Black Cats, das pochende Herz des Vereins, sind jedenfalls bereit für die Reise ihres Lebens.