Vor fast genau einem Jahr schien die Fußballwelt von Xabi Alonso makellos zu sein. Am 25. Mai 2025 – auf den Tag genau 20 Jahre nach seinem historischen Champions-League-Triumph als Spieler mit dem FC Liverpool – trat der Spanier den Trainerposten bei Real Madrid an. Es wirkte wie die logische, vom Schicksal vorbestimmte nächste Stufe einer beispiellosen Trainerkarriere.
Doch das Starensemble in der spanischen Hauptstadt erwies sich als zu unruhig, die Erwartungshaltung als zu erdrückend. Im Januar trennten sich die Wege nach nur wenigen Monaten wieder. Der Tenor in der Fachwelt war eindeutig: Alonso hatte sich an einem der unbarmherzigsten Jobs im Weltfußball aufgerieben, an einem Ort, an dem nur die Unbeständigkeit als Konstante gilt.
Dass seine Wahl für das nächste Karrierekapitel nun ausgerechnet auf den FC Chelsea fällt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn die Londoner durchleben abermals ein turbulentes Jahr. Auf den Gewinn der UEFA Conference League und den anschließenden Triumph bei der FIFA Klub-WM im vergangenen Sommer folgte nicht etwa Kontinuität, sondern die Entlassung von Erfolgscoach Enzo Maresca. Dessen Nachfolger Liam Rosenior ereilte kurz darauf dasselbe Schicksal. Nun soll Alonso das chronisch unruhige Londoner Projekt in ruhigere Gewässer führen.
Die Leverkusen-Blaupause: Taktische Flexibilität und Ballbesitz
Die sportliche Führung der Blues begründete die Verpflichtung mit Alonsos "breitem Erfahrungsschatz, seiner taktischen Qualität und seinem Spielmodell". Dass dieses Spielmodell historische Erfolge garantieren kann, bewies Alonso eindrucksvoll bei Bayer 04 Leverkusen. Als er die Werkself im Oktober 2022 auf dem vorletzten Tabellenplatz übernahm, stabilisierte er das Team umgehend und führte es noch auf Rang sechs. Was in der darauffolgenden Saison 2023/24 folgte, ging in die Geschichtsbücher ein: Die erste ungeschlagene Bundesliga-Meisterschaft der Historie mit 28 Siegen und sechs Unentschieden, garniert mit dem DFB-Pokalsieg und der Finalteilnahme in der Europa League.
Alonsos Meisterstück in Leverkusen basierte primär auf einer defensiven Kompaktheit und einem extrem dominanten Ballbesitzfußball. In der historischen Spielzeit verzeichnete Leverkusen im Schnitt 62,1 % Ballbesitz. Interessant für Chelsea ist der Blick auf das Spieltempo: Leverkusen agierte im Meisterjahr mit der geringsten vertikalen Aufbaugeschwindigkeit der Bundesliga (1,71 m/s) und den meisten Pässen pro Ballbesitzphase (5,01). Diese Charakteristik ähnelt frappierend dem aktuellen, wenn auch glücklosen Spiel der Blues, die in dieser Premier-League-Saison die ligaweit langsamste Aufbaugeschwindigkeit (1,57 m/s) und die zweitmeisten Pässe pro Sequenz (4,52) aufweisen. Die taktische Umstellung dürfte dem Londoner Spielermaterial daher leichtfallen.
Zudem zeigte Alonso in seiner Karriere eine bemerkenswerte taktische Evolution. Während er bei Real Sociedad B und phasenweise auch in Madrid auf eine Viererkette setzte, etablierte er in Leverkusen ein rigides, aber hochfunktionales 3-4-2-1-System mit ständiger Überzahl im Zentrum und offensiven Schienenspielern. In Madrid verlor er im Zuge der dortigen Unruhen diese taktische Linie – in 19 Ligaspielen bot er 15 verschiedene Formationen auf. An der Stamford Bridge besitzt er jedoch den Kader, um zu seinem erfolgreichen 3-4-2-1 zurückzukehren.
Madrid-Dilemma und Schwäche in großen Spielen
Trotz des unschönen Endes bei Real Madrid zeigen die Zahlen, dass Alonso auch dort kein statistisches Desaster hinterließ. Mit einer Siegquote von 71 % (24 Siege, 4 Unentschieden, 6 Niederlagen) reihte er sich historisch weit oben in die Riege der königlichen Übungsleiter ein. Zum Verhängnis wurden ihm jedoch interne Disziplinlosigkeiten – wie ein offener Eklat mit Superstar Vinícius Júnior bei einer Auswechslung im Clásico – und eine eklatante Schwäche in den großen Partien: Niederlagen gegen Paris Saint-Germain (0:4 bei der Klub-WM), Atlético Madrid (2:5 nach Einbruch), den FC Liverpool und Manchester City kratzten heftig am Stolz des Klubs.
Genau hier liegt die größte Schnittmenge und zugleich die größte Gefahr für sein Engagement bei Chelsea. Die Blues weisen in der laufenden Saison eine erschreckende Bilanz gegen die Top-Teams der Premier League auf: Nur drei magere Siege konnten sie aus 17 Spielen gegen die obere Tabellenhälfte holen (6 Remis, 8 Niederlagen). Eine grundlegende Besserung in den direkten Duellen gegen die englische Elite ist für Alonso somit Pflichtaufgabe Nummer eins.
Schlüssel zum Erfolg: Was Chelsea von Leverkusen lernen muss
Ob das Experiment an der Stamford Bridge glückt, hängt schlussendlich weniger an Alonsos unbestrittenen Fähigkeiten an der Taktiktafel, sondern vielmehr an der Klubführung selbst. Alonsos Triumphzug in Leverkusen war nur möglich, weil sich das gesamte Umfeld und die Mannschaft seinen Ideen demütig und bedingungslos unterordneten. In Madrid hingegen herrschte ein chronischer Mangel an Demut – ein Club, bei dem jeder Funktionär stets betont, beim "größten Verein der Welt" zu sein, lässt kaum Raum für Entwicklungsprozesse.
Chelsea liegt im emotionalen Spektrum derzeit deutlich näher bei Real Madrid als bei Leverkusen – der imperiale Anspruch passt jedoch nicht zur sportlichen Realität. Der Klub muss zwingend erkennen, wo er aktuell steht und wohin der Weg führen soll. Die Führungsetage an der Stamford Bridge muss dem Drang widerstehen, sich permanent über Mikromanagement in sportliche Belange einzumischen – andernfalls macht eine Verpflichtung von Xabi Alonso von vornherein keinen Sinn.
Aktuell rangiert Chelsea nach einem 2:1-Erfolg gegen Tottenham vor dem letzten Spieltag auf Platz acht. Damit winkt erneut die Qualifikation für die Conference League. So paradox es klingen mag: Sollte Chelsea das internationale Geschäft am letzten Spieltag komplett verpassen, könnte dies für Alonso ein Segen sein. Ohne die Reisestrapazen unter der Woche bliebe dem Basken wertvolle Zeit auf dem Trainingsplatz, um dem talentierten, aber verunsicherten Kader seine komplexe Spielphilosophie einzuimpfen.
Chelsea steht vor einer Richtungsentscheidung. Wenn man Alonso gewähren lässt, wie es die Verantwortlichen in Leverkusen taten, kann der Spanier im Westen Londons eine Ära prägen. Verfällt die Führungsetage jedoch beim kleinsten Gegenwind in alte Muster des Aktionismus, wird auch die Lichtgestalt Xabi Alonso im Londoner Trainerkarussell zerrieben werden.
