Dieses Interview entstand im Rahmen von 'The Big Pete', einem Multimedia-Projekt von Flashscore und CANAL+ Sport, das im Frühjahr 2026 startet.
Du hast einmal gesagt, dass du deine Karriere als Flügelspieler oder Stürmer begonnen hast. Hat dir das später als Linksverteidiger geholfen, vor allem gegen Top-Angreifer?
"Ja, auf jeden Fall. Ich finde es extrem wichtig, dass Spieler verschiedene Positionen kennenlernen. Man weiß nie, wo man im Laufe der Karriere am Ende spielt.
Für mich war es entscheidend, um das Spiel besser zu verstehen und – noch wichtiger – um meine Gegenspieler zu durchschauen. Ich wusste, welche Eigenschaften ich als Flügelspieler genutzt habe, und konnte so bei ähnlichen Gegenspielern erkennen, worauf ich achten muss und wie ich verteidigen kann. Das war eine wertvolle Lektion, die mir meine ganze Laufbahn über geholfen hat."
Legst du das heute auch in deiner Trainerarbeit Wert darauf, dass Spieler verschiedene Positionen lernen?
"Absolut. Spieler müssen in der Lage sein, auf unterschiedlichen Positionen zu agieren. Ein Innenverteidiger kann ins Mittelfeld vorrücken, Mittelfeldspieler müssen sich aufdrehen können, Flügelspieler rücken nach innen und spielen invertiert.
Der moderne Fußball ist so facettenreich. Wer verschiedene Positionen ausprobiert, entwickelt sich immer weiter."
Cristiano Ronaldo hat dich einmal als seinen härtesten Gegenspieler bezeichnet. Was bedeutet dir das?
"Das zeigt, dass ich meinen Job zumindest halbwegs ordentlich gemacht habe. Aber das Verteidigen gegen Spieler wie Cristiano war nie nur meine Aufgabe. Viele sehen das als Duell Eins-gegen-Eins, aber ich brauchte immer die Unterstützung meiner Mitspieler. Die Mittelfeldspieler mussten verschieben, die Flügelspieler mitarbeiten und mein Innenverteidiger hinter mir absichern. Ich bekomme vielleicht das Lob, aber es war immer eine Teamleistung. Einen solchen Spieler alleine zu stoppen, ist fast unmöglich."
Erforderten Spiele gegen Ronaldo eine besondere Vorbereitung?
"Jedes Spiel braucht Vorbereitung, aber gegen absolute Topspieler muss man die Stärken genau kennen – die eigenen, die der Mitspieler und die des Gegners. Man weiß, was Cristiano vorhat, und versucht, ihm das zu nehmen. Dieses Verständnis muss die ganze Mannschaft teilen."
Wie wichtig war es, von erfahrenen Verteidigern wie Tony Adams und Martin Keown zu Beginn deiner Karriere zu lernen?
"Sie hatten einen riesigen Einfluss auf mich – als Spieler aber auch als Mensch. Ich habe viel über Führungsqualitäten, taktisches Verständnis und eine starke Teamkultur lernen können. Sie haben den Fußball gelebt. Heute, als Trainer, greife ich ebenso auf diese Erfahrungen zurück und versuche, mit den Eigenschaften zu führen, die ich von ihnen übernommen habe."
War es einschüchternd, als junger Spieler mit jemandem wie Tony Adams zusammenzuspielen?
"Nicht wirklich einschüchternd, eher beeindruckend. Meine Kindheit hat meinen Charakter sehr geprägt. Ich bin in East London aufgewachsen – es war nicht schlimm, aber auch nicht einfach. Ich musste hart sein. Mit 16 oder 17 war ich klein und schmächtig, habe aber schon gegen Erwachsene gespielt und gelernt, mich durchzusetzen.
Die Nähe zu Führungsspielern wie Tony und Martin hat mir einen Vorteil verschafft. Ich wusste, dass ich Kritik annehmen, aus Fehlern lernen und Ratschläge befolgen muss, wenn ich besser werden will."

Wie sehr hat deine Herkunft dich als Verteidiger geprägt?
"Enorm. Wir hatten kaum Rasenplätze, wir haben in Käfigen gespielt. Es war Fußball nach dem Motto: Fressen oder gefressen werden. Man spielte gegen größere, stärkere Jungs, der Ball war nie im Aus, die Wände wurden genutzt. Man hat schnell gelernt, körperlich zu sein, Technik zu entwickeln und das Spiel zu verstehen.
Diese Umgebung hat meine Leistungen auf dem Platz maßgeblich beeinflusst."
Wer waren – abgesehen von Ronaldo – die schwierigsten Gegenspieler für dich?
"Es gab viele, die mir richtig Probleme bereitet haben. Aaron Lennon, Nathan Dyer bei Swansea – Spieler, die nach innen oder außen gehen und in die Tiefe starten konnten.
Gegen Ronaldo oder Messi gab es einen klaren Teamplan. Gegen andere hieß es manchmal einfach: 'Ashley, kümmer dich um ihn.' Und das hat mich auch mal auf dem falschen Fuß erwischt. Es gab viele Gegner, mit denen ich zu kämpfen hatte."
War Teamwork der Hauptgrund, warum Chelsea 2012 die Champions League gewonnen hat, obwohl der Kader auf dem Papier schwächer war als in den Jahren zuvor?
"Ja, das denke ich. Wir waren älter, erfahrener und hatten aus früheren Niederlagen gelernt – vor allem nach dem Finale in Moskau 2008. Viele von uns hatten das Gefühl, dass es die letzte Chance sein könnte.
Auf dem Papier waren wir vielleicht nicht das stärkste Team, aber wir hatten Charaktere, die kämpfen, sich anpassen und alles geben konnten. Wir wussten, dass wir gemeinsam durch dick und dünn gehen."

Was fühlt man als Verteidiger, wenn der eigene Torwart einen entscheidenden Elfmeter hält – wie Petr Cech gegen Arjen Robben?
"Das ist eine riesige Erleichterung, pure Emotion. Als Verteidiger sagt man im Scherz: 'Dafür wirst du bezahlt.' Aber ehrlich gesagt: Ohne Petr wäre unser Traum schon viel früher geplatzt. Diese Parade hat uns neuen Glauben gegeben – eine weitere Chance, zu überleben, eine weitere Chance, zu gewinnen. Und sie hat uns auch für ein mögliches Elfmeterschießen Selbstvertrauen gegeben, weil wir wussten, wer hinter uns steht."
Du hast im Elfmeterschießen auch selbst getroffen. War das vorher abgesprochen?
"Ich habe mich immer für Elfmeter gemeldet. Ich habe einige verwandelt und auch verschossen – für Verein und Nationalmannschaft. Man weiß, dass man zum Helden oder zum Sündenbock werden kann, aber das gehört dazu. Ich hatte immer das Selbstvertrauen, der Mannschaft zu helfen, wenn es darauf ankam."
War die Nacht in München rückblickend der schönste Moment deiner Karriere?
Sie gehört auf jeden Fall dazu. Meine Leistung an diesem Abend war wahrscheinlich eine meiner besten im Chelsea-Trikot, gemeinsam mit den anderen Verteidigern und Petr.
Die Champions League zum ersten Mal zu gewinnen, im Stadion des FC Bayern, nach so vielen Jahren des Wartens – das ist schwer in Worte zu fassen. Zu dieser Elite zu gehören und das mit Mitspielern zu erleben, mit denen ich so viel geteilt habe, war einfach etwas ganz Besonderes."
