"Es ist erst Halbzeit": Jule Brand und Ingrid Engen vor Rückspiel gegen Wolfsburg

Jule Brand und Ingrid Engen haben vor dem CL-Rückspiel gegen Wolfsburg mit den Medien gesprochen.
Jule Brand und Ingrid Engen haben vor dem CL-Rückspiel gegen Wolfsburg mit den Medien gesprochen.ČTK / imago sportfotodienst / HMB Media/Madeleine Fantini

Nach der knappen 0:1-Niederlage im Hinspiel der Champions League geben sich die Spielerinnen von Olympique Lyon kämpferisch. Ingrid Engen betont den Teamgeist und den Verzicht auf Ausreden, während Jule Brand den unbedingten Siegeswillen eines Klubs unterstreicht, der die europäische Krone fest im Visier hat. Das Interview fand im Rahmen einer virtuellen UEFA-Pressekonferenz statt.

Nach dem 0:1 im Hinspiel: Mit welcher Einstellung geht ihr in das Rückspiel, um diesen Rückstand zu drehen?

Ingrid Engen: Es kommt jetzt darauf an, von der ersten Sekunde an als Einheit aufzutreten. Wir müssen uns auf die Dinge konzentrieren, die wir selbst beeinflussen können, statt nach Ausreden zu suchen. Wir wissen, dass wir im Hinspiel nicht unser Top-Niveau erreicht haben, aber eine Niederlage wirft uns nicht aus der Bahn. Wir liegen zwar 0:1 hinten, aber das Duell ist noch völlig offen. Die Enttäuschung nach dem Abpfiff war groß, aber heute spürt man schon wieder die frische Energie im Team. Wir sind bereit für die harte Arbeit der nächsten Tage.

Zum Match-Center: Olympique Lyon vs. VfL Wolfsburg

Jule Brand: Absolut. Wir waren enttäuscht, aber uns ist klar: Das war erst die „Halbzeit“. Wir kennen unsere Ziele und die Erwartungen des Klubs. Nächsten Donnerstag werden wir alles auf dem Platz lassen, um Wolfsburg zu schlagen.

Brand sieht Lyon als "Privileg"

Jule, wie fühlt es sich an, für einen Traditionsverein wie Lyon mit dieser gewaltigen Erfolgsgeschichte in der Champions League zu spielen?

Jule Brand: Es ist ein Privileg. In jedem Training spürt man diesen extremen Anspruch, jede Saison den Titel holen zu wollen. Jede Spielerin lebt diesen Traum und arbeitet besessen dafür – egal ob in der Vorbereitung oder im Spiel.

Ihr seid als Top-Transfers gekommen. Spürt ihr besonderen Druck, gerade weil Lyon die Liga dominiert und die Hinspiel-Pleite eure erste Niederlage im neuen Trikot war?

Ingrid Engen: Es ist utopisch, jedes einzelne Spiel zu gewinnen – Rückschläge gehören dazu. Entscheidend ist die Reaktion. Wir bleiben ruhig, weil wir genau wissen, an welchen Stellschrauben wir drehen müssen. Bei einem Klub wie Lyon ist Druck ein Dauerzustand, damit arrangieren wir uns. Vieles davon ist auch Eigenmotivation, weil wir selbst die Höchsten Ziele verfolgen. Ich sehe diesen Druck als Privileg; er fordert uns heraus, als Spielerinnen und als Persönlichkeiten zu wachsen.

Jule Brand: Wie Ingrid sagt, herrscht hier eine besondere Mentalität. Vom ersten Tag an war klar: Hier geht es um jeden verfügbaren Titel. Wir versuchen, diesen Ehrgeiz in jedem Training aufzusaugen. Dieser Druck ist positiv, er schweißt uns zusammen und motiviert uns enorm.

Was ist für euch der größte Trumpf am Heimspiel im Rückspiel?

Ingrid Engen: Unsere Fans im Rücken zu haben und die Euphorie im ganzen Verein zu spüren, ist ein riesiger Vorteil. Genau deshalb wollten wir den Gruppensieg, um das Rückspiel zu Hause austragen zu können. Das gibt uns Sicherheit. Es ist ein großartiges Gefühl, auf dem eigenen Rasen mit den Fans im Rücken alles für das Weiterkommen zu geben.

Ingrid, Wolfsburg hat im Hinspiel mit Lineth Beerensteyns Tempo eure hohe Kette attackiert. Wie löst ihr das im Rückspiel?

Ingrid Engen: Wolfsburg agiert sehr direkt und lauert auf Umschaltmomente. Es geht nicht nur um die Höhe der Abwehr, sondern darum, wie schnell wir nach Ballverlusten wieder Zugriff bekommen. Wir müssen defensiv besser antizipieren, um Konter im Keim zu ersticken. In der zweiten Halbzeit des Hinspiels war unser Stellungsspiel bereits besser – darauf bauen wir auf.

Brand: Rotation in Lyon wie erwartet

Jule, du bist bekannt für dein Dribbling und deinen Abschluss. Hast du eine bevorzugte Seite für deine Angriffe?

Jule Brand: Ich bin da eigentlich völlig flexibel und mag beide Flügel. Es kommt darauf an, wie das Spiel läuft und wo der Trainer mich braucht. Mein Ziel ist es einfach, der Mannschaft bestmöglich zu helfen, egal von welcher Seite ich komme.

Ingrid, unter Jonatan Giráldez hast du in Barcelona oft in der Innenverteidigung gespielt. Wie unterscheidet sich deine Rolle hier in Lyon?

Ingrid Engen: Ich fühle mich im Abwehrzentrum mittlerweile sehr wohl. Ich will die Vergangenheit nicht zu sehr vergleichen, aber die Position liegt mir. Ich mag es, das Spiel vor mir zu haben und viel Ballbesitz zu generieren – da kommt die Mittelfeldspielerin in mir durch. Ich habe viel dazugelernt, was das Verteidigen von tiefen Räumen angeht, und freue mich, dem Team auf diese Weise Stabilität zu geben.

Siehst du Unterschiede in Giráldez’ Herangehensweise an die Champions League im Vergleich zu seiner Zeit in Barcelona?

Ingrid Engen: Er hat eine unfassbare Siegermentalität, völlig ungeachtet des Gegners. Das kitzelt das Maximum aus uns heraus. Egal ob Liga oder Champions League – seine Leidenschaft ist ansteckend. Wir streben unter ihm nach Perfektion. Auch wenn das nicht immer klappt, pusht uns seine Art, für jede Herausforderung gewappnet zu sein.

Jule, in Wolfsburg warst du gesetzt, in Lyon rotierst du öfter. Wie gehst du mit der Konkurrenz im Kader um?

Jule Brand: Ich war mir der enormen Qualität im Kader bewusst, als ich diesen Schritt gegangen bin. Ich lerne täglich von den besten Spielerinnen der Welt. Ich befinde mich noch in einem Lernprozess, genieße die Zeit hier aber sehr. Ich gebe immer Vollgas – egal ob ich starte oder als Joker reinkomme, um Impulse zu setzen.

Brand freut sich auf Wedemeyer

Wie steht ihr zur neuen Regelung, dass im Trainerstab verpflichtend eine Frau vertreten sein muss?

Ingrid Engen: Wir haben intern noch nicht viel darüber gesprochen. Grundsätzlich sollten die kompetentesten Leute den Job machen. Da es extrem viele brillante Frauen im Fußball gibt, hilft die Regel vielleicht dabei, den Fokus verstärkt auf diese Talente zu legen.

Jule, du hast lange in Wolfsburg gespielt. Auf wen freust du dich beim Wiedersehen besonders?

Jule Brand: Es ist immer schön, bekannte Gesichter zu sehen, besonders die Kolleginnen aus der Nationalmannschaft. Zu Joelle Wedemeyer habe ich einen sehr engen Draht. Ich hatte eine tolle Zeit beim VfL, deshalb ist es reizvoll, jetzt gegen die alten Weggefährtinnen anzutreten.

Ingrid, das Finale findet in Oslo statt – in deiner Heimat. Macht das die Saison zu etwas Besonderem?

Ingrid Engen: Dass das Finale in Norwegen steigt, ist eine fantastische Nachricht. Natürlich hat man das im Hinterkopf, aber wir dürfen den Fokus nicht verlieren. Wir denken von Spiel zu Spiel. Das Finale dahoam wäre ein Traum, aber aktuell zählt für mich nur das Erreichen des Halbfinals.