Defensiv-Legende Diego Simeone muss es akzeptieren: Er ist ein Offensiv-Trainer!

Diego Simeone am Wochenende auf der Bank von Atlético im Metropolitano.
Diego Simeone am Wochenende auf der Bank von Atlético im Metropolitano.REUTERS/Ana Beltran

Am Dienstag blickt die Fußballwelt auf das Achtelfinal-Hinspiel der Champions League zwischen Atlético de Madrid und Tottenham. Besonders Diego Simeones Taktik steht unter dem Brennglas, zumal die Spurs in ihrer aktuellen Verfassung alles andere als der Favorit sind.

Noch am 3. März schwor Simeone sein Team darauf ein, das Finale der Copa del Rey mit einer Mauertaktik zu erzwingen. Doch in den kommenden zwei Wochen muss er umdenken. Auch wenn "Cholo" nach 15 Jahren bei den Colchoneros eine Institution bleibt: Einige seiner defensiven Dogmen sind schlicht veraltet. Wer auf europäischem Top-Niveau nicht mit dem Feuer spielen will, darf sich nicht mehr nur hinten einigeln.

Eine bröckelnde Abwehr

Die Ära, in der Atlético die uneinnehmbare Festung Europas war, ist Geschichte. Seit den Abgängen von Juanfran und Filipe Luis klafft auf den Außenbahnen eine Lücke, die nie ganz geschlossen wurde. Versuche mit Saúl, Carrasco oder Javi Galán brachten nicht den gewünschten Erfolg; einzig Kieran Trippier konnte während seiner drei Jahre die Erwartungen voll erfüllen.

In der aktuellen Saison beackert Matteo Ruggeri die linke Seite, während sich Marcos Llorente und Nahuel Molina rechts abwechseln. Hier liegt die Krux: Ohne einen gelernten Außenverteidiger hinter sich ist Llorente in seinem Vorwärtsdrang gehemmt, während Molina defensiv zu anfällig bleibt. Auch Ruggeri offenbarte gegen Lamine Yamal und Raphinha im Copa-Halbfinale eklatante Lücken in der Raumdeckung. Er ist offensiv eine Waffe, defensiv jedoch ein Risiko.

Auch im Zentrum wackelt das Gerüst. Trotz der soliden Neuzugänge Marc Pubill und David Hancko fehlt José María Giménez die Spritzigkeit vergangener Tage, während Robin Le Normand zu oft die Konzentration verliert.

Das Resultat dieses Durcheinanders: Jan Oblak ist oft machtlos. 25 Gegentore in 27 Ligaspielen und satte 15 in acht Champions-League-Partien sprechen eine deutliche Sprache. Simeone muss einsehen: Wenn der Block nur tief im eigenen Strafraum verharrt, sind Fehler vorprogrammiert. Ein höheres Pressing würde die Außenverteidiger entlasten und das Risiko minimieren.

Das kreative Zentrum

Auch das Mittelfeld hat sich gewandelt. Die Zeiten der "Beißer", die nur auf Ballgewinne lauerten, sind vorbei. Heute prägen Intensität und Spielkontrolle das Bild. Koke und Pablo Barrios bilden zwar weiterhin das defensive Rückgrat, doch der Trend weist klar nach vorne.

Mit Johnny Cardoso und Rodrigo Mendoza verfügt Atlético über Spieler, die das Umschaltspiel rasant beschleunigen. Alex Baena agiert zudem als strategischer Freigeist, der die Angriffe gezielt in die gegnerische Box lenkt. Und dann ist da noch Antoine Griezmann: Simeones verlängerter Arm und lebende Legende. Er ist der Taktgeber, der das Spiel zum Blühen bringt. Zwar bleibt das flache 4-4-2 die Basis, doch die Interpretation ist weitaus offensiver und mutiger als früher.

Hunger im Sturm

Diese neue Marschroute spiegelt sich im Angriff wider. Julian Alvarez und Alexander Sörloth haben ihre Durststrecken überwunden und strahlen wieder echte Torgefahr aus. Sie sind hungrig darauf, Lücken zu reißen, anstatt nur auf Konter zu warten.

Unterstützt werden sie von Giuliano Simeone und Ademola Lookman. Während Giuliano für Leidenschaft steht, ist die Verpflichtung von Lookman das ultimative Signal gegen den Defensivfußball. Er arbeitet zwar nach hinten, ist aber seit Februar der entscheidende offensive Impulsgeber der Mannschaft.

Atlético ist mutiger geworden und kann sich nicht mehr allein auf seine Defensive verlassen. Simeone muss diese Entwicklung annehmen, um nicht unterzugehen – so wie beim bitteren 0:3 gegen Barcelona Anfang März. Gegen Tottenham hat er nun die Chance, mit einer mutigen Analyse den Grundstein für das Viertelfinale zu legen.

Zum Match-Center: Atletico Madrid vs. Tottenham Hotspur