Eigentlich schwören sich die Klubchefs kurz auf ihre Ziele ein, dann regiert bei Häppchen und Pils der Smalltalk. Doch am Montag hat der turnusmäßige Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL) im Frankfurter Palmengarten einen äußerst ernsten politischen Hintergrund. Nicht einmal fünf Monate vor Beginn der WM-Endrunde (11. Juni bis 19. Juli) bereitet die fragile Lage rund um Co-Gastgeber USA große Sorgen.
Vor allem Oke Göttlich - seines Zeichens Boss des Bundesligisten FC St. Pauli sowie Vizepräsident beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) als auch bei der DFL - hat mit bemerkenswerten Einlassungen dafür gesorgt, dass sich der Fußball nicht länger wegducken kann. Göttlich fordert Antworten von den Verantwortlichen hinsichtlich eines möglichen Boykotts - unter anderem von DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Schon jetzt hat der 50-Jährige weltweit Schlagzeilen ("Viermaliger Weltmeister erwägt Boykott") produziert.
"Zeitpunkt gekommen"
"Ich frage mich wirklich, wann der Zeitpunkt ist, darüber konkret nachzudenken und zu reden. Und für mich ist dieser Zeitpunkt definitiv gekommen", sagte Göttlich der Hamburger Morgenpost mit Blick auf ein Fernbleiben der Nationalmannschaft: "Das Leben eines Profifußballers ist nicht größer als das Leben von sehr vielen Menschen in verschiedenen Regionen, die derzeit von dem WM-Gastgeber direkt oder indirekt angegriffen oder bedroht werden."
Die aggressive Politik von US-Präsident Donald Trump im Hinblick auf Grönland, die neuerlichen Zoll-Drohungen in Richtung des Co-Gastgebers Kanada und die Eskalation bei den Einsätzen der Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis mit einem zweiten Todesopfer innerhalb von zweieinhalb Wochen lassen viele Menschen ängstlich in Richtung der Vereinigten Staaten blicken. Aus den Reihen der Politik gab es erste Stimmen, die einen Boykott ins Spiel brachten.
"Was waren denn die Begründungen für die Olympia-Boykotts in den 1980er-Jahren? Meiner Einschätzung nach ist das Bedrohungspotenzial aktuell größer als damals. Wir müssen diese Diskussion führen", sagte Göttlich: "Ist das Tabu erreicht, wenn jemand droht? Ist das Tabu erreicht, wenn jemand angreift? Wenn Menschen sterben? Ich wüsste gern von Donald Trump, wo sein Tabu erreicht ist, und ich wüsste es gern von Bernd Neuendorf und von Gianni Infantino."
Spieler halten sich zurück
Da der Präsident des Weltverbands FIFA nicht nach Frankfurt kommen wird, richten sich die Augen auf den DFB. Der größte Einzelsportverband der Welt wollte sich zwar eigentlich aus den politischen Diskussionen heraushalten, da die starke Einmischung in die Debatte um den zurückliegenden WM-Gastgeber Katar im Nachhinein als Fehler erachtet wurde - doch das Vorpreschen des eigenen Vize macht dieses Vorhaben nun zunichte.
Noch vor zwei Wochen hatte DFB-Sportdirektor Rudi Völler erklärt, dass der DFB die politische Debatte auf jeden Fall von der Mannschaft fernhalten möchte. "Es wird keinen Maulkorb geben für irgendjemanden. Wir sind demokratisch", sagte Völler: "Jeder kann seine Meinung haben und sagen. Aber das muss nicht am Tag vor dem Spiel sein."

Getreu dieser Vorgabe argumentierte zuletzt der DFB-Kapitän. "Ich nehme nicht mehr teil an der politischen Diskussion", sagte Joshua Kimmich unter der Woche. Seine Haltung sei eine Lehre aus Katar: "Das haben wir ja gemerkt, dass es nicht zielführend ist, wenn wir Spieler uns da zu sehr politisch äußern."
Wie es die Bosse halten, wird sich am Montag zeigen.
