Vom Tischler zum Torjäger: Fallrückzieher-König El-Kaabi begeistert beim Afrika Cup

Ayoub El-Kaabi spielt sich beim Afrika-Cup in die Herzen der Marokkaner.
Ayoub El-Kaabi spielt sich beim Afrika-Cup in die Herzen der Marokkaner.Andrew Surma / ddp USA / Profimedia

Während große Namen die Achraf Hakimi und Hakim Ziyech die Hoffnungen der Marokkaner beim Afrika-Cup-Heimturnier tragen, spielt sich Ayoub El-Kaabi in den Vordergrund. Trotz Torschützenkönig-Auszeichnungen in Conference- und Europa League läuft der Stürmer in Deutschland noch unter dem Radar – zu Unrecht.

Ayoub El-Kaabi steht mit ausgebreiteten Armen im Zentrum des Spielfelds, als würde er den Moment anhalten wollen. Für einen Augenblick scheint selbst er nicht zu begreifen, was gerade geschehen ist. Erst Abseits, dann doch Tor. 62.532 Zuschauer im Prince Moulay Abdellah Stadium von Rabat warten, halten den Atem an – und explodieren, als der Treffer zählt.

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El-Kaabi schüttelt ungläubig den Kopf, ehe ihn seine Mitspieler unter sich begraben. Es ist ein Bild, das sinnbildlich für diesen Afrika-Cup steht: Ungläubigkeit, Ekstase, ein Spieler, der über sich hinauswächst.

Der 32-Jährige begeistert das Turnier nicht mit Zufallstoren, sondern mit Kunststücken. Zwei Spiele, zwei Fallrückzieher: einer im Eröffnungsspiel gegen die Komoren, der andere beim 3:0 gegen Sambia. Beide Male wirkt es, als widerspreche El-Kaabi den Gesetzen der Schwerkraft. Rückwärtsbewegung, Absprung, ein linker Fuß höher als der Kopf des Verteidigers. Während andere Stürmer in solchen Situationen zum Kopfball ansetzen würden, entscheidet er sich für das Ungewöhnliche – und lässt es mühelos aussehen.

Dabei war seine Rolle bei diesem Turnier alles andere als selbstverständlich. Erst wenige Wochen vor dem Start rückte er in die Startelf, nachdem sich Stammstürmer Hamza Igamane verletzt hatte. Kapitän Achraf Hakimi fehlte lange angeschlagen, und so wurde El-Kaabi unverhofft zum Gesicht der Atlas-Löwen. Er nutzte die Chance, erzielte wichtige Tore und ist nun gemeinsam mit Riyad Mahrez und Brahim Díaz bester Torschütze des Turniers.

Wechsel nach Piräus als Durchbruch

Seine Geschichte erklärt, warum ihn diese Bühne trägt. El-Kaabi wuchs in einem armen Viertel Casablancas auf, verließ mit 15 Jahren die Schule und arbeitete als Tischler. Fußball war Zuflucht, nicht Karriereplan. Er spielte, wo immer Platz war, balancierte harte Arbeit und Amateurspiele, ohne Garantie auf Erfolg. Erst mit Anfang zwanzig unterschrieb er seinen ersten Profivertrag, kämpfte sich durch die unteren Ligen und wurde Torschützenkönig in Marokkos zweiter Liga. Der Durchbruch kam spät, aber gewaltig.

2018 machte er bei der Afrikanischen Nationenmeisterschaft für lokale Spieler erstmals international auf sich aufmerksam: neun Tore, bester Spieler, Goldener Schuh. Es folgten Stationen in China, Marokko, der Türkei, Katar – und schließlich der Wechsel zu Olympiakos Piräus. Dort erzielte er in zweieinhalb Jahren 75 Tore, schoss den Klub mit einem Kopfball zum Sieg in der UEFA Conference League und sammelte Titel und Auszeichnungen. Ein fertiger Stürmer, kein Projekt.

Beim Afrika-Cup fügt sich nun alles zusammen. Seine Tore sind nicht nur technisch brillant, sie haben Wirkung. Der Fallrückzieher gegen die Komoren beruhigte eine nervöse Kulisse im Eröffnungsspiel und versetzte Rabat in Ekstase. Gegen Sambia war es eher der letzte Pinselstrich eines Spiels – weniger bedeutend, aber nicht minder spektakulär. Videos seiner Treffer gehen viral, Fans ahmen ihn nach, Drohnen zeichnen seine Silhouette über den Himmel von Casablanca.

Und El-Kaabi selbst? Er bleibt nüchtern. "Das Wichtigste ist, Tore zu schießen", sagte er nach dem Spiel gegen Sambia. "Es spielt keine Rolle, wer es schießt oder wie."

Vielleicht ist es genau diese Haltung, die ihn auch im Achtelfinale gegen Tansania (Sonntag ab 17 Uhr/Sportdigital Fussball) wieder trägt. Vom Zimmermann zum Hoffnungsträger einer Nation, vom Spätstarter zum Helden des Turniers. Wenn Ayoub El-Kaabi abhebt, dann wirkt es, als hätte er gelernt, geduldig zu warten – und im richtigen Moment alles hinter sich zu lassen.

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