Es zeigt sich an einer Eigenheit der Sportart. Die Klubs sprechen seit Jahren nur noch von Oberkörper- und Unterkörperverletzungen, weil sie fürchten, genauere Angaben könnte der Gegner zu gezielten Attacken nutzen. Das ist nichts anderes als das Eingeständnis, dass der Angriff auf die Gesundheit des Gegenspielers Alltag im Profi-Eishockey ist, irgendwie zum Spiel dazu gehört.
Das wohlfeile Gerede nach dem x-ten bösen Foul, es sei ja keine Absicht gewesen, können sich alle Beteiligten sparen. Wer gesehen hat, wie Wagner auf offenem Eis den Ingolstädter Edwin Tropmann mit dem Ellbogen gegen den Kopf getroffen hat, weiß, dass dieses brutale Foul kein Zufall, kein Unfall und erst recht kein unglücklicher Zusammenprall war. Mit Zufall und Glück hat eher zu tun, dass die meisten unfairen Attacken glimpflich ablaufen.
Hinterfragen von Eishockey-Gepflogenheiten nötig
Warum gerade in den Playoffs die unfairen Attacken derart zunehmen, hat der Münchner Trainer Oliver David mit seinem Erklärungsversuch ganz offen zugegeben. "Teil des Spiels" ist es immer noch, in der gehypten "geilsten Zeit des Jahres" in einem schon verlorenen Spiel "ein Statement zu setzen" - für die nächste Partie. Verletzungen des Gegners sind mindestens eingepreist, womöglich sogar gewollt.
Warum? Weil es schon immer so war, weil es zur Kultur der Sportart gehört, weil Eishockeyspieler harte Männer sind, die mit Verletzungen weiterspielen, keine Rücksicht auf den eigenen Körper - und oft auch auf den Körper des anderen - nehmen. Leider gehört auch zur Wahrheit: Die Fans wollen es so. Wenn der eigene Klub schon verliert, soll es dem Gegner wenigstens wehtun.
Eishockey hat sich in den vergangenen Jahren unglaublich weiterentwickelt, die Spieler sind schneller, technisch versierter, trickreicher und spektakulärer geworden. Die Regeln wurden verschärft, damit sollen gerade diese Spieler geschützt werden. Doch solange in den Köpfen noch immer die alten Schemata vorherrschen, werden Familienväter auf dem Eis zu Rambos, die sich nachher mitunter selbst fragen, was sie da eigentlich gemacht haben. Eishockey braucht dringend einen Kulturwandel.
