Der "ewige" Olympionike: Maurilio De Zolt und das Geheimnis der Grille

Maurilio De Zolt mit seinen olympischen Medaillen.
Maurilio De Zolt mit seinen olympischen Medaillen.Tomáš Vlasák/Flashscore

Man stelle sich vor: Ein Athlet schafft erst mit 27 Jahren den Sprung in die Nationalmannschaft. Doch für Maurilio De Zolt war das erst der Anfang. Dass er mit 44 Jahren noch olympisches Gold gewinnen würde, ahnte damals niemand. Der Weg des Italieners war geprägt von Hindernissen: Lange Zeit startete er als Amateur, arbeitete im Sägewerk und schmuggelte italienischen Proviant nach Skandinavien. Heute lebt die Legende, genannt "Grillo" (die Grille), zurückgezogen in seiner Heimat, dem Val Comelico in den Dolomiten. In einem persönlichen Gespräch blickt der heute 75-Jährige auf eine außergewöhnliche Karriere zurück.

Wie hat Ihr Weg zum Skilanglauf eigentlich begonnen?

De Zolt: Das Rennfieber hat mich schon als Kind gepackt. Vor meiner Geburt gab es in Comelico und Sappada noch Militärgruppen, denen man sich anschließen konnte, aber die wurden abgeschafft. Meinen ersten richtigen Wettkampf bestritt ich deshalb erst mit zehn Jahren in der Schule. Zwei Jahre später gelang mir eine kleine Sensation: Bei einem regionalen Rennen schlug ich einen Läufer der Grenztruppen – da war ich gerade einmal zwölf.

Die Bedingungen in den 50er-Jahren waren sicher nicht mit dem heutigen Profisport vergleichbar...

De Zolt: Überhaupt nicht! Meine ersten "Stöcke" waren einfache Holzstecken. Es gab niemanden, der Loipen spülte oder präparierte, also habe ich das selbst übernommen. Ich bin einfach meiner Nase nach durch den Wald gelaufen, erst geradeaus, dann Kurven. Das hat mich gelehrt, allein zu trainieren und meinen eigenen Rhythmus zu finden.

De Zolt während des Interviews.
De Zolt während des Interviews.Tomáš Vlasák

Wann wurde aus dem Hobby ernsthafter Sport?

De Zolt: Zuerst habe ich alles ausprobiert: Laufen, Abfahrtslauf, Langlauf. Als ich 16 war, zerstörte eine Überschwemmung unser Haus. Wir zogen nach Cima Gogna, wo mein Vater im Sägewerk arbeitete. Dort schloss ich mich einem Skiclub an und gewann plötzlich alle regionalen Rennen.

Kamen da nicht sofort die Angebote der Profiteams?

De Zolt: Nein, das dauerte. Ich ging zur Feuerwehr nach Belluno, die mir die Chance gab, an nationalen Rennen teilzunehmen. Anfangs wurde ich nur 50., weil die Konkurrenz das ganze Jahr trainieren konnte, während ich im Dienst war. Doch am Saisonende schlug ich bei den Meisterschaften in der Staffel plötzlich alle. Dennoch hielten mich die Verantwortlichen mit 23 schon für zu alt für die Nationalmannschaft.

Aber Sie haben nicht locker gelassen.

De Zolt: Genau. Ich forderte ein Probetraining ein. Dank der Unterstützung meines Freundes D'Incal durfte ich schließlich in den Kader – erst nur als Hoffnungsträger im B-Team. Mit 27 Jahren gewann ich dann auf Anhieb zwei italienische Titel. Von da an gab es kein Zurück mehr.

Waren Sie ab diesem Zeitpunkt Vollprofi?

De Zolt: Schön wär's! Ich war weiterhin Feuerwehrmann. Nach den Trainingslagern musste ich sofort wieder in den Dienst, während die Kollegen sich erholen konnten. Erst mit 35 stellte ich den Verband vor die Wahl: Entweder ich bekomme die gleichen Bedingungen wie die anderen, oder ich höre auf. In der Wache in Santo Stefano waren wir nur zu zweit – mein Kollege konnte erst nach Hause, wenn ich vom Training wiederkam (lacht).

Das heißt, selbst bei Ihren ersten Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid waren Sie noch im regulären Dienst?

De Zolt: Ja, und ich half zusätzlich meinem Vater im Sägewerk. Mein Tag begann um 5 Uhr morgens. Wenn alles noch schlief, hatte ich bis 8 Uhr schon drei Stunden Training auf Rollskiern oder in Laufschuhen hinter mir. Danach ging es zur Arbeit oder zur Feuerwehr.

Hat sich die Umstellung zum Profi mit 35 dann sofort ausgezahlt?

De Zolt: Absolut. In Seefeld gewann ich daraufhin drei Medaillen. Ich merkte, dass mein Körper durch die harte Arbeit der Vorjahre viel mehr Belastung vertrug als der meiner Kollegen. In Skandinavien bin ich in 20 Tagen über 2.200 Kilometer gelaufen – im Schnitt mehr als 100 Kilometer am Tag bei Temperaturen von unter -30 °C. Danach war ich auf den Langstrecken kaum noch zu schlagen.

In Ihre aktive Zeit fiel auch die Revolution des Skating-Stils. War das ein Problem für Sie?

De Zolt: Ganz im Gegenteil. Man sagte mir, Skating läge mir sogar besser. Ich war in beiden Techniken erfolgreich. 1994 in Lillehammer lief ich die Startetappe im klassischen Stil. Ich war damals 44 Jahre alt, und alle haben mich kritisiert – man hielt mich für zu alt.

Und dann kam der legendäre Sieg gegen die Norweger auf deren eigenem Boden.

De Zolt: Die Norweger und Finnen dachten, sie könnten mich auf der ersten Runde leicht abschütteln, und schickten ihre stärksten Leute vor. Aber die Stimmung im Stadion war unglaublich – 200.000 Zuschauer! Als wir gewannen, war es plötzlich totenstill. Das war eine der schönsten Atmosphären meiner Karriere. So etwas wird es wohl nicht so schnell wieder geben.

Sie haben einmal erwähnt, dass heutige Stars wie Johannes Klaebo etwas von Ihnen gelernt haben könnten...

De Zolt: (schmunzelt) Anfangs hieß es, ich sei technisch der schlechteste Klassik-Läufer. Aber als ich Medaillen gewann, schauten die Norweger genau hin. Klaebo hat heute eine Technik, die meiner sehr ähnlich ist. Besonders am Berg: Wenn er hochsprintet, sieht das fast wie Laufen aus. Das ist genau der Stil, den ich damals praktiziert habe.

Es gibt auch Geschichten über Ihre „italienische Eigenversorgung“ bei Auslandsrennen. Was steckt dahinter?

De Zolt: Ich mochte das Essen im Norden einfach nicht. Während die anderen sich wunderten, dass ich in der Kantine nur Obst holte, kochte ich mir auf dem Zimmer Spaghetti Carbonara mit Speck und Parmesan auf einem kleinen Wasserkocher. Wenn der Duft durch den Flur zog, wurden die Kollegen hellhörig. Später haben wir angefangen, Schinken und Wein kistenweise zu importieren. Mein finnischer Trainer meinte zwar, Wein sei nicht gut, aber ich hatte in meiner Skitasche immer sechs Flaschen dabei – ein Glas mittags, eines abends. Das war mein Digestif.

Wie sieht das Leben des Olympiasiegers heute aus?

De Zolt: Ich bin genug gereist. Jetzt will ich hier im Tal nicht mehr weg. In einer Stadt wie Mailand würde ich sterben. Ich gehe Pilze sammeln – eine Leidenschaft aus meiner Kindheit, als wir die Pilze noch in Cortina verkaufen mussten, um zu überleben. Und ich gehe zur Jagd, genau wie früher mit meinem Vater.

Machen Sie heute auch noch körperliche Arbeit?

De Zolt: Natürlich, wir machen gerade Holz! Heute Nachmittag gehe ich mit einem Freund in den Wald. Er hat einen Traktor. Wissen Sie, wer das ist? Giuseppe Puliè – der Mann, der 1992 in Albertville mit uns Staffel-Silber gewonnen hat. Wir bewegen uns eben immer noch gern.