Victoria Carl schien den aufziehenden hellen Lichtstreif am Horizont und damit das Ende einer dunklen Zeit herbeigeahnt haben. Auf den jüngsten Videoschnipseln in den sozialen Medien zeigte sich die Skilanglauf-Olympiasiegerin in bester Laune beim Training. Training, das sie nun wieder mit einer Perspektive absolvieren kann: Nach ihrem positiven Dopingtest aus dem März 2025 ist die 30-Jährige für 18 Monate gesperrt worden - und könnte damit zur kommenden WM-Saison in den Weltcup zurückkehren.
"Die Sportlerin trifft keinerlei Schuld"
"Für die Vici ist das eine harte Zeit, deren Ende jetzt aber absehbar ist. Das ist das Wichtigste", sagte Bundestrainer Peter Schlickenrieder dem SID nach der Entscheidung des unabhängigen Deutschen Schiedsgerichtes, das gegen Schlickenrieders langjährige Topläuferin eine Sperre bis zum 25. November 2026 aussprach - zwei Tage später beginnt im finnischen Ruka die Saison: "Ich denke, wir können zufrieden sein. Meiner Meinung nach passt das in die Reihung vergleichbarer Fälle."
Ein vergleichbarer Fall - das war vor allem die 18-Monats-Sperre gegen Norwegens Topläuferin Therese Johaug, die nach der Verwendung eines Lippenbalsams im Oktober 2016 positiv auf das Steroid Clostebol getestet worden war. Und auch deshalb hielt der DSV die ursprünglich von der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) ausgesprochene Zwei-Jahres-Sperre "für nicht gerechtfertigt", wie Vorstand Stefan Schwarzbach dem SID sagte.
Carl hätte damit nach dem bitteren Olympia-Aus auch die WM Anfang 2027 im schwedischen Falun verpasst. Der DSV widersprach dem NADA-Bescheid und kämpfte für Carl. Schon nach dem Vorfall hatte der Verband geäußert: "Die Sportlerin trifft keinerlei Schuld."
Bundeswehrarzt wird zum Verhängnis
Der Vorfall stellte sich demnach so dar: Carl ist kurz nach dem Ende der Weltcup-Saison, die sie als Gesamtzweite so gut wie keine deutsche Läuferin zuvor abgeschlossen hatte, im März 2025 in Luzern bei der Militär-WM am Start. Sie klagt über Husten, ein Bundeswehrarzt verabreicht ihr ein Mittel. Aber, so der DSV: "Statt des ursprünglich bestellten Hustensafts Mucosolvan (Ambroxol) wurde durch die Bundeswehrapotheke irrtümlich das Kombinationspräparat Spasmo Mucosolvan (Ambroxol + Clenbuterol) geliefert."
Kurz nach der WM wird Carl in einer Kontrolle jenes Clenbuterol nachgewiesen - ein Mittel, das auch in der Kälbermast eingesetzt wird und das einst Katrin Krabbe zum Verhängnis wurde. Im Mai 2025 wird Carl suspendiert. Und wartet - abgelenkt von einsamen Trainingseinheiten - zehn Monate lang auf das nun erfolgte Strafmaß.
"Es muss auch mal gut sein"
"Wir bewerten den Schiedsspruch als nachvollziehbar und insgesamt ausgewogen. Positiv ist insbesondere die Feststellung eines nicht signifikanten Verschuldens und die damit verbundene Reduzierung der Sperre", sagt DSV-Vorstand Schwarzbach. Damit verbinde sich "die Hoffnung, dass eine Rückkehr in den internationalen Wettkampfbetrieb zur kommenden Wintersaison möglich ist. Entsprechend werden wir den weiteren Verlauf weiterhin eng und verantwortungsvoll begleiten und mit der Athletin abstimmen."
Allerdings: "Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig", teilte die NADA mit. Sowohl Carl als auch die NADA, die Weltverbände FIS und CISM (Internationaler Militärsportverband) sowie die Welt-Anti-Doping-Agentur "haben die Möglichkeit, Rechtsbehelf beim internationalen Sportgericht (CAS) einzulegen".
Doch vorerst sieht die "Vici-Welt" wieder etwas heller aus. "Es muss auch mal gut sein", sagt Schlickenrieder.
