Als externer Kommentar muss man immer vorsichtig bleiben: dennoch haben die jüngsten Aussagen von Lindsey Vonn bei mir für heftiges Kofpfschütteln gesorgt.
Ihre Behauptung, der Kreuzbandriss hätte "nichts" mit ihrem schweren Sturz bei der olympischen Abfahrt zu tun, ist schlicht und einfach nicht tragbar.
Schein-Begründung
Vonn begründete den Unfall mit falscher Linienwahl. Das mag stimmen. Und es stimmt doch wieder nicht. Denn mono-kausale Begründungen entsprechen gerade im Leistungssport niemals der Wahrheit.

Auf Olympia-Niveau machen bekanntlich Kleinigkeiten den Unterschied aus. Ernährung, Material, Wetter, Pistenbedingungen: Das alles sind im Sport reale Faktoren. Egal, ob im Tennis, Fußball oder eben im Wintersport.
Wenn Vonn behauptet, der eine Woche(!) zuvor erlittene Kreuzbandrisse stünde in keinerlei Zusammenhang, blendet sie verschiedene Faktoren aus.
Vonn ist kein Übermensch. Auch ihrem Körper und ihrer Psyche sind Grenzen ausgesetzt. Sprüche wie "du kannst alles schaffen, wenn du daran glaubst" haben ihr im Vorfeld der Olympischen Spiele als Mutmacher gedient, werden aber zu einer echten Gefahr, wenn sie dazu dienen, die Realität auszublenden.
Und die Realität ist: Vonn ist in Crans-Monatana schwer gestürzt. Jede(!) Psyche benötigt danach eine gewisse Auszeit, um inneren Druck zu regulieren und wieder volle Leistungsfähigkeit zu erlangen. Selbst unter "gewöhnlichen" Umständen.
Der Druck ist gigantisch
Die herrschen im Leben von Lindsey Vonn aber nicht. Sie ist ein Superstar. Der mediale Rummel ist enorm, Druck ist allgegenwärtig.
Ein Sturz nur 13 Sekunden nach dem Start deutet zudem auf eine mentale Ursache hin. Einer Athletin mit ihrer Erfahrung passiert so etwas üblicherweise nicht.
Zudem zwingt ein frischer Kreuzbandriss eine Sportlerin dazu, die fehlende Stabilität durch Muskelmasse und erhöhte Konzentration auszugleichen. Das beansprucht Energie. Energie, die es benötigt, um eben nicht die falsche Linie zu wählen.

Große Fragen
Fakt ist: Vonn ist, vielleicht vom Ehrgeiz getrieben, vielleicht aus anderen Gründen, die wir nicht kennen, ein extrem hohes, absehbares Risiko eingegangen.
Gut möglich, dass sie ihre Gesundheit nachhaltig geopfert hat. Dass unmittelbar nach dem Sturz darüber gesprochen wurde, ob sie sich in Lebensgefahr befunden hat oder nicht, sollte hellhörig machen.
Wenngleich Vonn ihre eigenen Entscheidungen treffen darf und soll, wirft der Fall große Fragen auf.
Wozu ist ein Mensch bereit, um den eigenen Heldenmythos zu retten? Und sind wir als Gesellschaft dazu bereit, Leistungsfähigkeit und Leidensfähigkeit zu entkoppeln?
