Rückwärtsgang statt Revolution? Formel 1 zweifelt am Elektrotrend

Die Formel 1 debattiert weiter über Regeländerung bei den Motoren.
Die Formel 1 debattiert weiter über Regeländerung bei den Motoren.IMAGN IMAGES via Reuters Connect

Wenn jemand eine Rede zur Lage der Formel 1 halten darf, dann ist das Fernando Alonso. Der Spanier hat sein halbes Leben in der Rennserie verbracht, war zweimal Weltmeister - und hatte Motoren aus vier verschiedenen Generationen im Heck. Sein Urteil zum Elektrotrend in der Königsklasse fällt ziemlich vernichtend aus.

"Wir haben ein Jahrzehnt echten Rennsport verloren", sagt Alonso vor dem Großen Preis von Kanada (Sonntag, 22.00 Uhr MESZ/Sky). Der Spanier ist einer von denen, die lieber heute als morgen zurück möchten zu den Motoren der Jahrtausendwende. Das wird zwar nicht passieren, aber es tut sich etwas.

Denn die ganz große Elektrorevolution ist dermaßen schlecht aus den Startlöchern gekommen, dass sie schon wieder gedrosselt wird. Fast 50 Prozent der Leistung kommen seit Beginn des Jahres aus der Batterie, das hat erstmal Hersteller wie Audi angelockt - sich auf der Strecke aber als nicht praktikabel erwiesen. Der Elektromotor braucht mehr Energie, als bei normaler Fahrt einsammelbar ist, und so müssen die Piloten ständig entgegen ihrer Intuition handeln: Runter vom Gas, rollen lassen, Batterie laden.

Verstappen sieht "positive Richtung"

Das hat innerhalb und außerhalb der Formel 1 so viel Kritik verursacht, dass der Verbrenner nun doch wieder gestärkt werden soll. Ab 2027, so der Plan, wird er in der Power Unit etwa 60 Prozent der Gesamtleistung liefern.

Die Änderung klingt erstmal überschaubar, sie könnte den schlimmsten Energiemangel aber beheben. Sogar einer der bislang lautesten Kritiker denkt das. Es gehe "in eine positive Richtung", sagt Max Verstappen: "Ich denke, dass es das ist, was der Sport braucht." Es gibt aber auch ganz andere Stimmen. Alonso ist Wortführer derer, die das Motorenreglement bis auf Weiteres für einigermaßen ruiniert halten. Der Sündenfall liege bereits im Jahr 2014, als erstmals auf ein Hybridsystem umgestellt wurde.

Es habe über Jahre einen Sog in Richtung Elektrifizierung gegeben, "das galt als die Zukunft, aber das lässt sich nicht auf den Rennsport übertragen. Der ist ein ganz anderes Ding." Auch bei einer Verteilung von 60:40 würde im Vergleich zu den Hybridmotoren der ersten Generation der Elektroantrieb eine große Rolle spielen: Damals sorgte der Verbrenner noch für etwa 80 Prozent der Leistung.

"Die DNA dieser Antriebseinheiten wird immer gleich bleiben, sie wird immer belohnen, wenn man in den Kurven langsam fährt", sagt Alonso. Und daher sei "Warten" angesagt: Auf den nächsten Reglementzyklus.

Wolff will "Verbindung zur echten Welt" behalten

Längst diskutiert die Branche nämlich über eine schwungvolle Rolle rückwärts: FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem will spätestens 2031 eine Wiedereinführung von lauteren, einfacheren V8-Motoren, dann kann der Weltverband wieder selbst über das Reglement bestimmen. Am liebsten soll die Änderung schon 2030 kommen, dafür wäre aber die Zustimmung der Motorenhersteller notwendig. Unter anderem Mercedes reagierte bereits positiv, Audi dagegen hat sich noch nicht geäußert - das Unternehmen hatte sich vor allem aufgrund der starken Elektrifizierung für einen Einstieg entschieden.

Dass Alonso, 44, 2030 auch noch dabei ist, darf bezweifelt werden. Und dass er dann glücklich wäre ebenfalls. Denn auch die mit nachhaltigen Kraftstoffen betriebenen V8 würden wohl nicht ganz ohne Elektroanteil auskommen. Man dürfe "die Verbindung zur echten Welt" nicht komplett verlieren, sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff.