Am Wochenende, wenn bei den Winterspielen in Norditalien die Entscheidung im Team-Event fällt, zeigt Malinin sein Können erstmals der breiten Öffentlichkeit auf der Olympia-Bühne. Gold für die USA gilt als sicher. Staunen ist garantiert, vor allem wegen Malinin. Der zweifache Weltmeister, dem man den Spitznamen "Vierfach-Gott" verliehen hat, verschiebt die Grenzen des Machbaren schließlich regelmäßig aufs Neue.
"Ich sage den Leuten immer, dass Eiskunstlauf eine Erweiterung der eigenen Persönlichkeit ist", sagt Malinin. Seine blauen Augen leuchten, wenn er über seinen Sport spricht. Eiskunstlauf sei für ihn eine "Leidenschaft" und gebe ihm die Möglichkeit, "mich als Person zu zeigen und mich durch meine technischen Fähigkeiten oder meine künstlerischen Werte auszudrücken."
Nimmt man seine Darbietungen auf dem Eis als Maßstab, ist Malinin ein Charakter, der das Spektakel liebt. Schwierigkeit geht vor Sicherheit, Risiko vor Vernunft. Den im Wettkampf lange verbotenen Backflip hat er schon bei Meisterschaften gestanden. Die komplizierten Vierfachsprünge gehören bei ihm zum Standardrepertoire. Sieben davon landete er bei seiner Weltrekord-Kür (238,24 Punkte) beim Grand-Prix-Finale im Dezember.
Was soll da noch kommen? "Vielleicht, vielleicht auch nicht", antwortet Malinin auf die Frage, ob er gar einen Fünffachsprung auf das olympische Eis zaubern werde. Es wäre der nächste große, weil bislang noch nicht gelandete Durchbruch im Eiskunstlauf. "Ich denke darüber nach", sagt er. Körperlich sei er dafür bereit: "Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, bekommt ihr ihn vielleicht zu sehen."
Malinins Eltern starteten für Usbekistan
Die Männer-Kür im Teamwettbewerb am Sonntagabend wäre eine passende Gelegenheit dafür. Der Einzelwettbewerb, bei dem Malinin als großer Goldfavorit ins Rennen geht, startet am Dienstag mit dem Kurzprogramm. Drei Tage später kommt es in der Milano Ice Skating Arena in der Kür zum Showdown - vielleicht mit einem Rückwärtssalto, vielleicht mit einem Fünffachsprung, wahrscheinlich mit einer Performance für die Geschichtsbücher.
Genau hinschauen werden auch Tatiana Malinina und Roman Skorniakov - und mit sich im Reinen sein. Eigentlich hatten Malinins Eltern, die für Usbekistan selbst je an zwei Olympischen Winterspielen teilnahmen, ein anderes Schicksal für ihren Sohn vorgesehen.
Malinin, der den Namen seiner Mutter annahm, weil die Menschen in seinem Geburtsland USA Schwierigkeiten mit der Aussprache des Namens seines Vaters hatten, sollte eigene Interessen finden, sich ausprobieren und nicht zwingend den entbehrungsreichen Weg der Eltern einschlagen.
Malinin probierte sich aus. Er turnte, spielte Fußball und fand doch als Eiskunstläufer seine Bestimmung. Mit dem Rückwärtssalto, mit dem er einst beim Kicken auf dem Schulhof Tore bejubelte und Mitschüler beeindruckte, bringt er inzwischen Snoop Dogg und ein Weltpublikum zum Staunen.
