Als die Nachricht Ende Januar bekannt wurde, ging ein Raunen durch die Football-Welt. Wenn nicht er – wer dann?
Für viele galt Belichicks Aufnahme als reine Formsache, als unumstößliche Selbstverständlichkeit. Doch bei der Hall-of-Fame-Wahl fehlten ihm am Ende zwei Stimmen. Statt der benötigten 40 von 50 Voten erhielt er nur 38 – zu wenig für die Aufnahme im ersten Jahr seiner Wahlberechtigung.
Trotz eines der erfolgreichsten Trainerlebensläufe, den der Profifußball je gesehen hat, bleibt Bill Belichick vorerst draußen.
Wie alles begann
Es scheint, als sei Belichicks Weg zum Erfolg schon früh vorgezeichnet gewesen. Geboren in Nashville, Tennessee, wurde er nach Bill Edwards benannt – einem Mitglied der College Football Hall of Fame und zugleich seinem Patenonkel.
Aufgewachsen ist Belichick in Annapolis, Maryland. Sein Vater arbeitete dort als Assistenztrainer an der Naval Academy. Schon als Kind begleitete Bill das Trainerteam, hörte zu, beobachtete und lernte. Noch bevor er die Highschool abschloss, beherrschte er die Analyse von Spielaufzeichnungen – eine Fähigkeit, die später zu seinem Markenzeichen werden sollte.
Belichick spielte Lacrosse und Football, stand als Center und Tight End auf dem Feld und fand schließlich seinen Weg an die Wesleyan University in Connecticut. Dort überzeugte er nicht nur im Football, sondern auch im Lacrosse und Squash. Seine außergewöhnliche Vielseitigkeit wurde 2008 mit der Aufnahme in die erste Klasse der Wesleyan Athletics Hall of Fame gewürdigt.
Nach seinem Abschluss 1975 in Wirtschaftswissenschaften führte ihn sein Weg direkt ins Trainergeschäft. Seine erste Station waren die Baltimore Colts, gefolgt von Engagements bei den Detroit Lions und den Denver Broncos, wo er als Assistenztrainer für Defense und Special Teams arbeitete. Dann kam der Durchbruch.
Der Weg in die NFL-Elite
1979 verpflichteten die New York Giants den jungen Belichick als Defensive Assistant und Special-Teams-Coach. Es war der Beginn einer zwölfjährigen Ära in New York und der Aufstieg eines der brillantesten Defensivstrategen der Liga.
Unter Belichicks Mitwirkung gewannen die Giants zwei Super Bowls. Besonders legendär blieb der 20:19-Erfolg gegen die hochfavorisierten Buffalo Bills im Super Bowl XXV. Sein Defensiv-Gameplan aus diesem Spiel gilt bis heute als Meisterwerk und wurde sogar in die Pro Football Hall of Fame aufgenommen.
Nach dem zweiten Titel folgte der nächste Karriereschritt: Die Cleveland Browns machten Belichick erstmals zum Head Coach. Doch in Cleveland blieb der große Erfolg aus. Nach vier Spielzeiten und einer Bilanz von 36 Siegen bei 44 Niederlagen wurde er entlassen.
Belichick kehrte als Assistenztrainer zu den New England Patriots zurück, erreichte dort erneut den Super Bowl, unterlag jedoch den Green Bay Packers. Der endgültige Durchbruch ließ weiter auf sich warten. Es folgte eine weitere Station bei den New York Jets, und die erste große Kontroverse seiner Karriere.
Nach dem Rücktritt von Head Coach Bill Parcells galt Belichick als designierter Nachfolger. Doch nur einen Tag nach seiner offiziellen Ernennung schrieb er vor seiner Antrittspressekonferenz auf eine Serviette: "Ich trete als HC der NYJ zurück."
Sprachlosigkeit im Raum.
"Das war einer der prägendsten und größten Momente meiner Karriere", sagte Belichick später. Der Grund für den plötzlichen Sinneswandel: Die Patriots.
Die historische Ära in New England
New England wollte Belichick zurück – um jeden Preis. Trotz bestehender Vertragsbindung an die Jets einigten sich beide Teams schließlich auf einen Deal: Die Patriots erhielten Belichicks Rechte im Austausch für einen Erstrunden-Draftpick. Ein Trade, der die NFL-Geschichte verändern sollte.
Für die Patriots begann eine Dynastie, für die Jets eine lange Phase des Niedergangs. Ein Trainer, zwei Franchises, zwei völlig unterschiedliche Schicksale.
Belichicks zweite Amtszeit in Foxborough begann mit einem Geniestreich: Im Jahr 2000 draftete er einen Quarterback, den 198 andere Picks übersehen hatten: Tom Brady. Belichick erkannte etwas, das sonst niemand sah, und gab ihm die Chance.
Ein Jahr später folgte Richard Seymour. Später kamen Randy Moss und Rob Gronkowski hinzu. Belichicks Erfolg basierte nicht nur auf taktischer Brillanz, sondern auch auf seinem einzigartigen Gespür für Talent und der Fähigkeit, Spieler in seinem System zur Bestform zu führen.
Die Ergebnisse waren historisch: Sechs Super-Bowl-Titel zwischen 2002 und 2019, mehr als jeder andere Head Coach in der NFL-Geschichte. Kritiker führen den Erfolg häufig auf Brady zurück. Doch hatten nicht alle großen Trainer einen Ausnahmespieler, um den sie ihr Team aufbauten?
Kontroversen und Schattenseiten
Chuck Noll gewann vier Titel mit Terry Bradshaw und der "Steel Curtain"-Defense. Andy Reid holte seine Ringe mit Patrick Mahomes. Erfolg auf diesem Niveau ist nie das Werk einer einzelnen Person.
Doch Belichicks Karriere blieb nicht frei von Kontroversen. 2007 erschütterte der Spygate-Skandal die Liga: Die Patriots wurden beschuldigt, gegnerische Defensivsignale illegal gefilmt zu haben. Belichick und das Team erhielten Geldstrafen, das Videomaterial wurde vernichtet. Das vollständige Ausmaß blieb unklar.
2015 folgte Deflategate. Tom Brady wurde beschuldigt, im AFC Championship Game 2014 manipulierte Bälle verwendet zu haben. Die Konsequenzen: vier Spiele Sperre für Brady, eine Million Dollar Strafe und zwei verlorene Draftpicks für die Patriots.
Belichick beteuerte, nichts von der Manipulation gewusst zu haben, und kooperierte bei den Ermittlungen. Nach Bradys Sperre gewann das Team nach einem historischen Comeback dennoch den Super Bowl.
Ein spätes Kapitel – und offene Fragen
2024 endete Belichicks Zeit in New England einvernehmlich. Nach einer Pause kehrte er als Head Coach der University of North Carolina zurück. Seine erste Saison mit den Tar Heels schloss er mit einer Bilanz von 4–8 ab.
In diesem Jahr war Belichick erstmals für die Hall of Fame wählbar – und scheiterte. Quellen aus seinem Umfeld beschrieben ihn als ratlos und enttäuscht. "Sechs Super Bowls reichen nicht?", soll er gefragt haben.
Die Reaktionen aus der Football-Welt waren eindeutig. Spieler, Trainer und Legenden zeigten sich fassungslos. Tom Brady nannte die Entscheidung "völlig absurd", Rob Gronkowski sprach von "Unsinn". Auch Patrick Mahomes, LeBron James und viele andere äußerten öffentlich ihre Unterstützung.
Alles deutet darauf hin, dass nicht die sportliche Bilanz ausschlaggebend war, sondern die Kontroversen. "Die Politik hat ihn draußen gehalten", hieß es aus seinem Umfeld. Selbst nach Spygate hätte Belichick noch drei Super-Bowl-Titel vorzuweisen – genug für eine Aufnahme, argumentieren viele.
Seine Nichtaufnahme entfacht erneut eine Debatte über das Wahlsystem der Hall of Fame. Dass Belichick irgendwann in Canton stehen wird, gilt als sicher. Denn ganz ehrlich: Wenn Bill Belichick kein First-Ballot-Hall-of-Famer ist, wer dann?
