Mit einem Sieg könnte Anastasia Potapova zudem österreichische Tennisgeschichte schreiben. Seit Tamira Paszek in Wimbledon 2012 hat keine ÖTV-Spielerin mehr das Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers erreicht. Potapova stand bereits bei den French Open im Juni kurz davor, scheiterte dort aber in einem dramatischen Achtelfinale an Anna Kalinskaya.
Potapova bestätigt ihre starke Grand-Slam-Saison
In New York hat sich Potapova ihren Platz unter den letzten 16 mit drei sehr unterschiedlichen Siegen erarbeitet. Zum Auftakt ließ sie Lucky Loserin Darja Semenistaja beim 6:2, 6:2 kaum eine Chance. Gegen Leolia Jeanjean musste die 25-jährige Österreicherin anschließend erstmals über drei Sätze, setzte sich aber mit 6:4, 2:6, 6:3 durch.
Das bislang größte Ausrufezeichen folgte in Runde drei. Gegen die als Nummer zehn gesetzte Vorjahresfinalistin Amanda Anisimova gewann Potapova mit 6:2, 7:5 und erreichte damit erstmals die zweite Woche der US Open. Vor allem in den entscheidenden Situationen hielt sie dagegen. Von 16 Breakbällen Anisimovas wehrte sie 13 ab. Die US-Amerikanerin produzierte zudem 46 unerzwungene Fehler.
Es war bereits Potapovas dritter Sieg gegen eine Top-10-Spielerin in dieser Saison. Im Frühjahr hatte sie in Madrid die damalige Weltranglisten-Zweite Elena Rybakina bezwungen und das Halbfinale erreicht. Bei den French Open überraschte sie anschließend Titelverteidigerin Coco Gauff. Noch Anfang April war Potapova bis auf Rang 97 zurückgefallen, mittlerweile ist sie wieder die Nummer 25 der Welt.
Eine Rolle beim Aufschwung könnte auch eine Veränderung im Betreuerteam spielen. Kurz vor den US Open trennte sich Potapova von Henner Nehles und holte ihre frühere Trainerin Irina Doronina zurück, mit der sie bereits in jungen Jahren gearbeitet hatte. „Sie kennt mich wie sonst niemand auf der Welt“, erklärte Potapova über ihre alte und neue Trainerin.
Andreeva ist mit 19 bereits Grand-Slam-Siegerin
Die nächste Aufgabe könnte allerdings kaum schwieriger sein. Mirra Andreeva ist erst 19 Jahre alt, gehört aber längst zur absoluten Weltspitze. Die aktuelle Nummer fünf der Welt hat 2026 bereits drei Titel gewonnen. Nach ihren Erfolgen in Adelaide und Linz feierte sie im Juni bei den French Open ihren ersten Grand-Slam-Triumph. Im Finale bezwang sie Maja Chwalinska mit 6:3, 6:2 und wurde zur jüngsten Roland-Garros-Siegerin seit Monica Seles 1992.
Auch in New York präsentiert sich Andreeva bislang äußerst souverän. Gegen Janice Tjen gewann sie 6:2, 6:2, anschließend fertigte sie Eva Lys mit 6:0, 6:2 ab. Erst die tschechische Qualifikantin Nikola Bartunkova konnte die Favoritin ernsthaft fordern. Andreeva setzte sich dennoch mit 6:2, 7:6 durch. Einen Satz hat sie bei diesen US Open noch nicht abgegeben.
Für Andreeva ist es ebenfalls eine Premiere. Erstmals hat sie in Flushing Meadows das Achtelfinale erreicht. Bemerkenswert ist ihre Grand-Slam-Konstanz trotz ihres jungen Alters. Es ist bereits ihre neunte Achtelfinal-Teilnahme bei einem Major als Teenager. In diesem Jahrhundert schafften das vor dem 20. Geburtstag nur Maria Sharapova und Gauff häufiger.
Andreeva gewann die letzten drei Duelle
Potapova weiß genau, was auf sie zukommt. Die beiden kennen sich bereits bestens, Andreeva führt im direkten Vergleich mit 3:1. Das erste Duell gewann Potapova 2022 in Monastir in drei Sätzen. Seitdem setzte sich jedoch stets die jüngere Kontrahentin durch. 2023 gewann Andreeva in Wimbledon mit 6:2, 7:5, im Vorjahr fertigte sie Potapova ausgerechnet bei den US Open mit 6:1, 6:3 ab.
Besonders frisch ist die Erinnerung an das Finale von Linz im April. Potapova dominierte dort zunächst und gewann den ersten Satz 6:1. Danach drehte Andreeva die Partie und sicherte sich mit 1:6, 6:4, 6:3 den Titel. Für Potapova bietet sich nun auf deutlich größerer Bühne die Chance zur Revanche.
„Sie hat mich heuer in Linz im Finale geschlagen. Es wird wieder ein harter Kampf“, blickte Potapova voraus. Die Ausgangslage könnte ihr spielerisch durchaus entgegenkommen: „Gegen sie werde ich wieder mehr so spielen können, wie ich es gerne mag.“
Andreeva bringt enorme defensive Qualitäten mit, bewegt sich hervorragend und kann aus nahezu jeder Position wieder in den Ballwechsel kommen. Potapova muss deshalb wohl ähnlich mutig auftreten wie gegen Anisimova. Ihre Chance liegt darin, früh Druck aufzubauen und mit der aggressiven Rückhand sowie dem Return die Initiative zu übernehmen. Zu viele leichte Fehler kann sie sich gegen die konstante French-Open-Siegerin allerdings kaum leisten.
Für beide geht es um das erste US-Open-Viertelfinale ihrer Karriere. Die Siegerin trifft dort auf die Gewinnerin des Duells zwischen der an Nummer vier gesetzten Gauff und Iva Jovic.
