Jan Ullrich strahlte, als er in Le Markstein an der Strecke der Tour de France auftauchte. Treffen mit ehemaligen Weggefährten, zahlreiche Fans und die besondere Atmosphäre der Frankreich-Rundfahrt machten seine Rückkehr zu einem emotionalen Erlebnis.
"Meine Kinder sind dabei, alle sind total nervös und aufgeregt. Ich freue mich extrem", sagte Ullrich in der ARD. 20 Jahre nach seinem endgültigen Abschied von der Tour kehrte der frühere Gesamtsieger erstmals wieder ins Mutterland des Radsports zurück – diesmal nicht als Profi, sondern als Fan.
Bereits 2017 war Ullrich zur Tour zurückgekehrt, als die Rundfahrt in Deutschland startete. Damals war er jedoch nicht Teil der offiziellen Veranstaltung in Düsseldorf, sondern verfolgte den Grand Départ im kleineren Rahmen in Korschenbroich.
Fans feiern den Tour-Sieger von 1997
In Le Markstein, wo Tadej Pogacar die Etappe erneut dominierte, wurde Ullrich herzlich empfangen. Der ehemalige Profi suchte den Kontakt zu den Zuschauern und besuchte auch alte Bekannte an den Teamfahrzeugen.
Besonders seine Kinder waren beeindruckt von der Reaktion der Fans. "Meine Söhne waren beeindruckt", erzählte Ullrich. "Die haben gesagt: Die Leute haben mehr Autogramme von dir geholt als von Pogacar." Der Empfang zeigt, welchen Stellenwert Ullrich trotz der schweren Kapitel seiner Karriere bei vielen Radsportfans weiterhin besitzt.
Das Elsass erinnert an Triumph und Absturz
Dass Ullrich seine Rückkehr ausgerechnet in den Vogesen feierte, hatte eine besondere Bedeutung. Das Elsass verbindet der heute 52-Jährige mit den größten Höhen und den tiefsten Tiefpunkten seiner Karriere.
1997 kämpfte Ullrich dort um den Gesamtsieg bei der Tour. Auf der 18. Etappe durch die Vogesen geriet der damalige Träger des Gelben Trikots gesundheitlich angeschlagen unter Druck. Die Attacken seiner Rivalen konnte er nicht mitgehen, doch Teamkollege Udo Bölts unterstützte ihn entscheidend.
Mit seinem legendären Zuruf "Quäl dich, du Sau" trieb Bölts Ullrich über den Grand Ballon. Ullrich überstand die Schwächephase und sicherte sich wenige Tage später als erster und bislang einziger Deutscher den Gesamtsieg bei der Tour de France.
Vom gefeierten Helden zum gefallenen Star
Fast neun Jahre später wurde Ullrichs Karriere von einem der größten Skandale des Radsports überschattet. Am 30. Juni 2006, nur einen Tag vor dem Start der Tour, suspendierte ihn sein damaliges Team T-Mobile wegen seiner Verbindungen zum spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes.
Es folgten schwierige Jahre und eine persönliche Krise. Inzwischen blickt Ullrich anders auf diese Zeit zurück: "Mein Lebensrucksack war damals extrem schwer. Heute gehe ich wieder leicht und beschwingt durchs Leben", sagte er.
2023 entschied sich Ullrich dazu, öffentlich mit seiner Vergangenheit umzugehen und "reinen Tisch zu machen". Er bezeichnete diesen Schritt als eine der besten Entscheidungen seines Lebens.
Ullrich und die Tour finden wieder zusammen
Eine vollständige Aufarbeitung seiner Dopingvergangenheit lieferte Ullrich allerdings nicht. Dennoch zeigt sein Auftritt bei der Tour, dass viele Fans ihm wieder nähergekommen sind.
Am Anstieg nach Le Markstein waren erneut die bekannten "Ulle war sauber"-Schriftzüge zu sehen. Die Botschaften spiegeln die ungebrochene Verbundenheit vieler Anhänger mit ihrem früheren Idol wider – auch wenn die Vergangenheit differenziert betrachtet werden muss. Nach vielen schwierigen Jahren scheint Ullrich mit der Tour de France seinen Frieden geschlossen zu haben.
