MEINUNG: Einflussnahme von außen – Bevorzugt die FIFA Messi, Ronaldo und die USA?

Gianni Infantino und Lionel Messi bei der WM 2022 in Katar
Gianni Infantino und Lionel Messi bei der WM 2022 in KatarFoto von JEAN CATUFFE / JEAN CATUFFE / DPPI VIA AFP

Vorwürfe der Spielmanipulation sind ein heikles Thema. Anschuldigungen wiegen traditionell schwer, mit solch einem sensiblen Thema muss traditionell mehr als vorsichtig umgegangen werden. Es nicht anzusprechen wäre jedoch ein schwerer Fehler. Und spätestens seit dem Spiel Argentiniens gegen Ägypten verfestigt sich der Eindruck immer mehr, dass von außen aktiv in den fairen sportlichen Wettkampf bei der WM 2026 eingegriffen wird.

Es ist der schlimmste Eindruck, den eine Fußball-Weltmeisterschaft hinterlassen kann: Dass nicht mehr nur über einzelne Schiedsrichterentscheidungen diskutiert wird, sondern darüber, ob der Weltverband selbst ein Interesse an bestimmten Ergebnissen hat. Genau dieses Gefühl setzt sich bei der WM 2026 bei mir immer stärker fest – und die FIFA trägt daran eine Mitschuld.

Vom Bayern-Bonus zum Wembley-Tor: Überall lauern Zweifel

Natürlich gehören Fehlentscheidungen zum Fußball. Schiedsrichter irren sich, der VAR ist bei Weitem kein perfektes System. Dafür mahlen die Mühlen der Anpassung zu langsam. Problematisch wird es aber dann, wenn vergleichbare Situationen unterschiedlich bewertet werden und dadurch der Eindruck entsteht, dass bestimmte Mannschaften von einer großzügigeren Auslegung profitieren. Es geht längst nicht mehr nur um einen einzelnen Pfiff. Es geht darum, welche Szenen überprüft werden, welche Bilder gezeigt werden und wann der VAR überhaupt eingreift.

"Verschwörungstheorien" gibt es im Fußball dazu bereits einige: In Deutschland wird häufig vom "Bayern-Bonus" gesprochen, im UEFA-Kontext wird auf Champions League-Niveau unterstellt, dass Real Madrid den ein oder anderen Champions League-Titel weniger hätte, wären einige K.o.-Spiele unvoreingenommen geleitet worden.

Auch auf der WM-Bühne gab es historisch gesehen schon einige strittige Szenen: Das Wembley-Tor 1966, Lampards klares Tor gegen Deutschland 2010 seien mal nur als zwei Beispiele genannt. Wichtig damals wie heute: Es geht um Theorien, Beweise für oder wider existieren nicht.

Kein Skandal, nur ein Eindruck

Das Achtelfinale zwischen Ägypten und Argentinien war dafür das bislang deutlichste Beispiel. Ägypten wurde nach VAR-Eingriff der Treffer zum vermeintlichen 2:0 aberkannt. Eine objektiv richtige Entscheidung. Der Argentinier Lisandro Martinez war zuvor klar und unstrittig gefoult worden. Soweit noch keine Kontroverse, aber für den Kontext von Bedeutung.

Zum Match-Center: Argentinien vs. Ägypten

Kurz vor Schluss folgte auf der anderen Seite eine Szene, in der Alexis Mac Allister Hamdy Fathy im Strafraum am Trikot zieht und zu Fall bringt. Selbst Schiedsrichter-Experten bewerteten einen Strafstoß als die bessere Entscheidung (im Vergleich zur getroffenen Entscheidung, weiterspielen zu lassen).

Doch während Ägypten die Konsequenz einer ausführlichen Überprüfung zu spüren bekam, blieb der VAR in der anderen Situation stumm – und im direkten Gegenzug erzielte Argentinien den entscheidenden Treffer zum 3:2. Der Streitpunkt ist deshalb nicht nur, ob die Szene ein Elfmeter war. Der Streitpunkt ist, warum die Maßstäbe scheinbar nicht dieselben waren.

Ägyptens vermeintliches 2:0 wurde binnen kürzester Zeit vom VAR unter die Lupe genommen, Argentiniens Siegtreffer nicht einmal zur Debatte gestellt. Das Vorgehen des VAR ist übrigens korrekt: Besteht Zweifel daran, dass eine 100%ige Fehlentscheidung des Schiedsrichters vorliegt, wird nicht eingegriffen. In diesem Fall wäre allerdings zumindest angebracht gewesen, Franncois Letexier an den Bildschirm zu bitten. Wie die Entscheidung des Franzosen ausgefallen wäre, spielt dann die kleinere Rolle. Schwierig ist, dass keine Überprüfung stattfand. 

Eingriffsschwelle bei Elfmetern weiter hoch

Es lassen sich auch weitere plausible Erklärungen für das Vorgehen des Unparteiischengespanns finden: Es ist leider immer noch der Fall, dass Fouls im Mittelfeld respektive ausßerhalb des Sechzehners anders geahndet werden als Fouls im Strafraum. Konkret: MacAllisters Trikotziehen wäre im Mittelfeld mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als Foul mit anschließender Gelber Karte geahndet worden. Im Strafraum gelten jedoch andere Maßstäbe. Was auch verständlich ist, jedoch auf Sicht unglaubwürdig ist.

Das Elfmeterschießen soll nach 120 Minuten das Mittel sein, um den Sieger einer Partie zu bestimmen und nicht schon während der 90 Minuten. Würde jeder Kontakt im Strafraum gepfiffen werden, hätten wir fünf Elfmeter pro Spiel... Naja, das führe ich nicht weiter aus, etwas Neues erzähle ich damit ja nicht. Was mich massiv stört, ist die unterschiedliche Zweikampf-/Foulauslegung in Abhängigkeit vom "Tatort". 

Kein Einzelfall

Zurück zum Thema: Das Spiel Argentinien gegen Ägypten war nicht das erste, das ein Gefühl einer FIFA-Agenda ausgelöst hat. Schon im Duell zwischen Kroatien und Portugal sorgte die Regelauslegung für Diskussionen. Der Strafstoß für Portugal war zumindest umstritten, ein kroatischer Treffer wurde wegen Abseits aberkannt. Viele Beobachter hatten anschließend den Eindruck, dass die engen Entscheidungen auffällig häufig zugunsten Portugals ausfielen – ähnlich wie später bei Argentinien gegen Ägypten.

Auch andere Szenen verstärkten diese Wahrnehmung. Lionel Messi hätte gegen Algerien nach einem harten Einsteigen durchaus eine Rote Karte sehen können, nein, er hätte sie sogar sehen müssen. Der Superstar blieb aber auf dem Platz. Im Spiel zwischen Ghana und England wiederum forderten die Afrikaner einen Strafstoß, doch der VAR griff nicht ein. Wieder entstand die Debatte nicht allein wegen der Entscheidung, sondern wegen der unterschiedlichen Behandlung vergleichbarer Situationen.

Der Fall Balogun

Besonders viel Misstrauen löste zudem die Aussetzung der Roten Karte gegen den US-Amerikaner Folarin Balogun aus. Eine wirkliche regeltechnische Erklärung konnte die FIFA nicht liefern. Und das sicherlich unabsichtliche Einsteigen Baloguns als NICHT gesundheitsgefährdend und damit rotwürdig einzustufen ist eine Farce. Vom Anruf Trumps bei Infantino fange ich da gar nicht erst an. Folarin Balogun kann übrigens überhaupt nichts für die Diskussionen, wie Belgiens Coach Rudi Garcia absolut richtigerweise anmerkte.

Hat Gianni Infantino eine Agenda?
Hat Gianni Infantino eine Agenda?Foto von ALEX GRIMM / GETTY IMAGES NORTH AMERICA / GETTY IMAGES VIA AFP

Wenn ein Weltverband Regeln in einem Fall flexibel auslegt, während andere Teams die Konsequenzen harter Entscheidungen tragen müssen, entsteht zwangsläufig der Eindruck einer unterschiedlichen Behandlung.

Profitorientierung als Entscheidungstreiber?

Und genau hier beginnt die größere Diskussion: Hat die FIFA ein Interesse daran, bestimmte Geschichten zu erzählen? Der Weltverband lebt von Aufmerksamkeit, Reichweite und Vermarktung. Große Namen wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo sind globale Publikumsmagneten, die US-Nationalmannschaft besitzt als Team des Gastgebermarktes eine besondere wirtschaftliche Bedeutung. Spiele mit diesen Figuren und Nationen generieren mehr Zuschauer, mehr Schlagzeilen und letztlich mehr Einnahmen.

Es gibt keinen Beweis dafür, dass Spiele gezielt manipuliert werden. Aber im Fußball zählt nicht nur die tatsächliche Fairness, sondern auch die Wahrnehmung von Fairness. Wenn Fans das Gefühl bekommen, dass die FIFA ein möglichst spektakuläres Turnier mit den größten Stars und wichtigsten Märkten fördern möchte, entsteht der Eindruck einer Agenda.

Gerade die WM 2026 findet in einem Umfeld statt, in dem diese Fragen besonders sensibel wahrgenommen werden. Die USA sind einer der wichtigsten Märkte für die Zukunft der FIFA. Jeder erfolgreiche Auftritt der amerikanischen Mannschaft bedeutet mehr Aufmerksamkeit für den Fußball in Nordamerika und damit auch mehr wirtschaftliches Potenzial für den Weltverband. Dass ausgerechnet der beste Torschütze der USA für das wichtigste K.o.-Spiel der Amerikaner seit mehreren Jahrzehnten freigesprochen wird, verstärkt diese Wahrnehmung zusätzlich.

Keine Beweise, nur ein schlechtes Gefühl

Die Vorgeschichte macht die Debatte nicht einfacher. Bereits bei der WM 2022 in Katar gab es rund um Argentinien mehrere kontroverse Entscheidungen, die für Diskussionen sorgten. Die fraglichen Elfmeterentscheidungen gegen die Niederlande im Viertelfinale, Kroatien im Halbfinale und Frankreich im Finale sowie weitere VAR-Szenen wurden intensiv diskutiert. Keine dieser Situationen beweist eine Bevorzugung – aber sie haben dazu beigetragen, dass viele Fans heute besonders aufmerksam reagieren, wenn ähnliche Muster wieder auftreten.

Das eigentliche Problem der FIFA ist deshalb nicht nur eine mögliche Fehlentscheidung. Es ist der Verlust von Vertrauen. Eine Weltmeisterschaft funktioniert nur, wenn Fans daran glauben, dass am Ende ausschließlich sportliche Leistung entscheidet. Sobald der Eindruck entsteht, dass große Namen, wirtschaftliche Interessen oder politische Faktoren ebenfalls eine Rolle spielen könnten, beschädigt die FIFA die wichtigsten Güter des sportlichen Wettkampfs: Fairness, Glaubwürdigkeit und Integrität.