Stippvisite am Sehnsuchtsort: Balanceakt für Nagelsmann in New Jersey

Julian Nagelsmann und die deutsche Nationalmannschaft treffen in New Jersey auf Ecuador.
Julian Nagelsmann und die deutsche Nationalmannschaft treffen in New Jersey auf Ecuador.IMAGN IMAGES via Reuters/Scott Kinser

Bei der ersten Stippvisite am Sehnsuchtsort steht Julian Nagelsmann vor einem kniffligen Balanceakt. Rhythmus oder Rotation? Der Bundestrainer brütete vor dem sportlich eigentlich bedeutungslosen Gruppenfinale gegen das defensivstarke Ecuador im beeindruckenden MetLife Stadium intensiv über dieser Frage.

"Wir werden im Trainerteam und mit Rudi Völler diskutieren, was wir aufgrund der Belastung anpassen. Wir müssen aber auch für die nächsten Aufgaben im Rhythmus bleiben", sagte Nagelsmann vor dem Charterflug zum Newark Liberty International Airport in New Jersey und kündigte an: "Es wird wohl ein Mix werden."

Die endgültige Antwort gibt es beim Anpfiff im WM-Finalort East Rutherford am Donnerstag (22.00 Uhr MESZ/ARD, MagentaTV und Flashscore-Audioreportage). Dort kann die als Gruppenerster feststehende DFB-Auswahl, angefeuert von "Maskottchen" Nico Schlotterbeck, für zwei Einträge in die Geschichtsbücher sorgen. Zwölf Länderspielsiege in Serie gab es in der langen Verbandshistorie bisher nur 1979/80 unter Bundestrainer Jupp Derwall. Drei WM-Vorrundenerfolge wurden zuletzt beim Sommermärchen vor 20 Jahren notiert. Auch damals hieß der dritte Gruppengegner Ecuador (3:0).

Völler deutet DFB-Rotation an

Man sei an einem Punkt angekommen, an dem es darum gehe, dass jeder bei diesem Turnier Respekt bekomme. Wenn einer meine, man könnte es locker angehen, dann sei er nach 20 Minuten vom Platz, sagte Bundestrainer Jürgen Klinsmann damals vor der Partie in Berlin.

Die aktuelle sportliche Führung würde diese Aussagen sicher unterstreichen. "Wir wollen in diesem Flow bleiben, um danach auch im Sechzehntelfinale selbstbewusst aufzutreten", betonte Rudi Völler. Denn um die ganz großen Ziele zu erreichen, "müssen wir noch ein paar Prozent drauflegen". Dennoch werde Nagelsmann "einige" Stars schonen "und anderen eine Chance" geben.

Doch wird es vor dem ersten K.o.-Spiel bei einer WM seit dem Titelgewinn 2014 am Montag in Foxborough eine XXL-Rotation geben? "Der Trainer hat einen guten Plan", versicherte Jamie Leweling. Der Stuttgarter könnte für Leroy Sané auf dem rechten Flügel beginnen.

Fanliebling Deniz Undav, mit drei Toren und zwei Vorlagen bislang DER deutsche WM-Spieler, sollte ebenfalls starten - auch wenn er die Rolle des Super-Jokers gegen Curacao (7:1) und die Elfenbeinküste (2:1) perfekt ausfüllte. "Wir werden beides diskutieren, auch mit Deniz", sagte Nagelsmann.

Amiri fordert "maximale Intensität"

Für den Pechvogel Schlotterbeck (Innenbandverletzung im Sprunggelenk), der zur Unterstützung dabei ist und mit der Mannschaft im The MC, Autograph Collection in New Jersey absteigen wird, steht Antonio Rüdiger als Nebenmann des Abwehrchefs Jonathan Tah bereit. Nicht unwahrscheinlich ist, dass Nagelsmann auch im Tor etwas verändert. Oliver Baumann könnte für sein vorbildliches Verhalten nach seiner Degradierung wegen der Rückkehr von Manuel Neuer belohnt werden. Auch der lange Zeit hinten links gesetzte David Raum ist wie Leon Goretzka ein Kandidat.

Unabhängig von der Anzahl der Wechsel will sich das DFB-Team aber keine Wettbewerbsverzerrung nachsagen lassen, denn für das bisher torlose Ecuador geht es noch ums Weiterkommen (ein Punkt). "Auch aus Respekt vor anderen Nationen müssen wir das Spiel so angehen, als würde es um alles gehen", sagte Nadiem Amiri und forderte "maximale Intensität". Auch Jamal Musiala betonte: "Wir dürfen nicht nachlassen!"

Die Wetterprognosen sollten das zulassen. Sonne, Temperaturen unter 30 Grad - im DFB-Tross hatte man sich vor dem Turnier auf widrigere Umstände eingestellt. Der sehr stumpfe Rasen im zweitgrößten WM-Stadion bereitet aber Sorgen. Die Angst vor weiteren Ausfällen nach Serge Gnabry, Lennart Karl und Schlotterbeck ist groß. "Er soll nicht so gut sein. Aber das darf keine Ausrede sein", sagte Leweling über den Platz.

Immerhin müssen Kapitän Joshua Kimmich und Co. keine Sperren fürchten. Da die DFB-Auswahl in ihren ersten beiden Turnierspielen keine einzige Gelbe Karte sah, ist ein solcher Ausfall frühestens bei einem Einzug ins Viertelfinale möglich. Ein Spieler ist erst nach zwei Gelben Karten gesperrt, nach einer Regeländerung der FIFA werden die Verwarnungen aber nach der Gruppenphase gestrichen. Die Voraussetzungen für die Stippvisite am Sehnsuchtsort sind also aus verschiedenen Gründen gut.

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