Matias Galarza steht im Zentrum der Kritik: Bereits gegen die DFB-Elf verzeichnete er vier Fouls, darüber hinaus fiel er mehrfach durch provozierende Gesten, Respektlosigkeiten und Belagerung des Schiedsrichters auf. Gegen Frankreich setzte er dem die Krone auf, als er Kylian Mbappé in einem Konter abseits des Balles unverhohlen auf die Brust schlug.
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Der Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt, dass der Grat zwischen Cleverness und purer Unsportlichkeit immer weiter verschwimmt. Unvergessen sind die psychologischen Spielchen des argentinischen Torhüters Emiliano Martínez beim WM-Titelgewinn in Katar 2022. Was von vielen als "Gewinnermentalität" abgefeiert wurde, war bei Lichte betrachtet die Perfektionierung der sogenannten "Dark Arts": Ballwegschmeißen vor dem Elfmeter, Psychotricks auf der Linie und endlose Diskussionen.
Kleine Regelanpassungen reichen nicht
Auch abseits der Weltmeisterschaften, wie den jüngsten Einlagen Marokkos im Afrika-Cup-Finale gegen Senegal, zeigt sich: Wer den Rhythmus des Gegners durch theatralische Schauspieleinlagen und ausuferndes Zeitspiel bricht, wird im modernen Fußball viel zu oft mit dem sportlichen Erfolg belohnt.
Dass die Verbände das Problem zumindest im Ansatz erkannt haben, beweist eine neue Regelung dieser Weltmeisterschaft: Das Beleidigen oder Provozieren hinter vorgehaltener Hand wird nun konsequent mit der Roten Karte geahndet. Es ist ein längst überfälliger Schritt gegen die Feigheit auf dem Platz, bei der Spieler versuchen, den Gegner psychologisch zu zermürben, ohne dass es Kameras oder Unparteiische sofort mitbekommen. Doch so zu begrüßen diese Regel auch ist – sie bekämpft lediglich ein Symptom eines viel tiefer liegenden, strukturellen Dilemmas.
Das Kernproblem liegt darin, dass der aktuelle Regelkorpus des Fußballs strategische Unfairness belohnt. Ein taktisches Foul stoppt den vielversprechenden Konter, die Gelbe Karte wird lächelnd in Kauf genommen. Fünf Minuten Zeitspiel bringen in der Schlussphase den Sieg, während der Schiedsrichter am Ende lediglich drei Minuten nachspielen lässt – ein mathematisches Plusgeschäft für den Sünder. Solange die Vorteile einer Unsportlichkeit die verhängten Strafen überwiegen, gehören diese unschönen Szenen zur rationalen Werkzeugkiste von Trainern und Spielern. Das Fairplay bleibt dabei auf der Strecke.
Um aus diesem Dilemma herauszukommen, hilft kein Appell an die Moral der Akteure, sondern nur eine radikale Reform des Regelwerks. Der regeltechnische Begriff der Unsportlichkeit muss deutlich weiter gefasst und schärfer geahndet werden. Es reicht nicht mehr aus, nur auf das grobe Foulspiel zu schauen. Auch das permanente Belagern des Schiedsrichters, das demonstrative Verzögern des Spiels oder die subtile Provokation des Gegenspielers müssen als das benannt und sanktioniert werden, was sie sind: ein Angriff auf die Integrität des Sports.
Verrohung des Fußballs muss gestoppt werden
Ein effektiver Hebel wären härtere, spürbare Sanktionen, die den taktischen Nutzen der Unfairness sofort zunichtemachen. Warum nicht über die Einführung von Zeitstrafen nachdenken, wie sie im Handball oder Eishockey seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert werden? Wer durch eine Kette von kleineren Vergehen oder durch theatralisches Zeitspiel den Spielfluss zerstört, muss für zehn Minuten auf die Strafbank. Plötzlich würde Unfairness ein sportliches Risiko bergen – das kalkulierte Kalkül der "dunklen Künste" ginge nicht mehr auf.
Schon lange spüren Fans, wie der Fußball verroht. Wenn der Sport verhindern will, dass Spiele zunehmend in den Grauzonen des Erlaubten entschieden werden und die destruktivere Mannschaft triumphiert, müssen die Regelhüter mutig nachbessern. Ein schöneres, faireres Spiel ist möglich – aber nur, wenn die Regeln den Betrug unrentabel machen.

