Englands uninspiriertes Unentschieden gegen Ghana ist keine Krise, aber ein altbekanntes Muster

Ein enttäuschter Kapitän Harry Kane nach dem Remis gegen Ghana
Ein enttäuschter Kapitän Harry Kane nach dem Remis gegen GhanaREUTERS/Peter Cziborra

Kaum war der furiose 4:2-Sieg gegen Kroatien verdaut, hatte die halbe Nation die "Three Lions" schon für die späten Turnierphasen eingeplant. Ein Spiel, vier Tore und eine atemberaubende zweite Halbzeit weckten die Hoffnung, dass diese englische Mannschaft endlich ihren Rhythmus gefunden hat. Doch dann folgte der ernüchternde Auftritt am Dienstagabend in Boston.

Das 0:0 gegen Ghana – ein Team, das in der Weltrangliste 60 Plätze hinter England liegt – war schwere Kost. Bis zur 60. Minute verbuchte keine der beiden Mannschaften einen einzigen Torschuss. Mittendrin: Jude Bellingham, der in seinem 50. Länderspiel zum jüngsten historischen Meilenstein-Brecher seines Landes wurde, den Großteil der Partie jedoch sichtlich frustriert verbrachte.

In den Schlusssekunden bot sich dann die Riesenchance: Nach einem abgewehrten O'Reilly-Kopfball kam Harry Kane acht Meter vor dem Tor frei zum Abschluss – und jagte den Ball irgendwie über den Querbalken.

Vier Punkte aus zwei Spielen bedeuten zwar weiterhin die Tabellenführung in Gruppe L, und das Duell mit Panama steht noch aus. Mathematisch ist also alles im Lot. Doch "in Ordnung" ist eben nicht dasselbe wie gut.

Die Tabelle der WM-Gruppe L
Die Tabelle der WM-Gruppe LFlashscore

Ghanas Offensivbilanz liest sich überschaubar: Zwei Abschlüsse in 90 Minuten, keiner davon auf das Tor. Das reichte den Westafrikanern für eine weiße Weste und bescherte England statistisch eines der defensiv ruhigsten WM-Spiele seit Beginn der Datenerfassung vor 60 Jahren.

Das Problem lag auf der Gegenseite: England dominierte mit 78 Prozent Ballbesitz, machte daraus aber viel zu wenig. Von 19 Abschlüssen flogen lediglich drei aufs Tor – der erste davon erst in der 57. Minute. Damit ging die Partie als erstes Spiel des gesamten Turniers ohne einen einzigen Torschuss in der ersten Halbzeit in die Geschichte ein.

Guehi als Symbol für abwartendes Aufbauspiel

Ein Expected-Goals-Wert von 1,28 sieht auf dem Papier zwar ordentlich aus, spiegelt jedoch nicht den Spielverlauf wider. Die meiste Gefahr entstand erst in einer hektischen Schlussphase – und nicht durch einen durchdachten Matchplan à la Thomas Tuchel.

Besonders entlarvend war die Statistik von Marc Guehi: Der Innenverteidiger spielte 125 Pässe – so viele wie kein anderer Engländer jemals in einem WM-Spiel. Was isoliert wie eine reife Leistung wirkt, entpuppt sich beim Blick auf die Richtung als Problem: England schob den Ball träge in den eigenen Reihen quer und zurück, statt mit Tempo und Zielstrebigkeit nach vorne zu spielen. Ballbesitz ohne Kreativität ist keine Kontrolle, sondern lähmendes Zögern.

Guehi Passkarte
Guehi PasskarteREUTERS/Peter Cziborra/Opta by Stats Perform

Das Remis reiht sich nahtlos in ein historisches Muster ein: England teilte auch im zweiten Gruppenspiel der EM 2020 (gegen Schottland), der WM 2022 (gegen die USA) und der EM 2024 (gegen Dänemark) die Punkte. Ghana ist nun das vierte Turnier-Unentschieden in Folge im jeweils zweiten Spiel.

Optimisten werden argumentieren, dass die Three Lions nach ähnlich blassen Auftritten in der Vergangenheit zweimal das EM-Finale erreichten. Doch es ist ein Unterschied, ob man sich gegen einen europäischen Hochkaräter schwertut oder gegen einen vermeintlichen Underdog, der selbst kaum am Spiel teilnimmt.

Spielverlauf
SpielverlaufStatsPerform via Opta

Ghana war keineswegs angetreten, um ein Offensivspektakel zu bieten. Die Mannschaft war defensiv glänzend organisiert und spielte diszipliniert auf Halten. Über 80 Minuten fand England darauf schlicht keine Antwort.

Damit bauten die Engländer zudem einen ohnehin ungeliebten Rekord aus: Es war ihr 13. torloses Unentschieden bei einer Weltmeisterschaft – mehr als jede andere Nation in der Historie. Brasilien folgt mit vier Nullnummern weniger, hat allerdings deutlich mehr Turniere absolviert und mehr Sterne auf der Brust.

Kane bleibt isoliert

Kanes später Fehlschuss wird die Schlagzeilen beherrschen. Es war genau die Kategorie von Chance, bei der ein Weltklasse-Stürmer die Schuld nur bei sich selbst suchen kann: O'Reilly köpft an die Latte, der Ball fällt Kane nach einer Saka-Flanke acht Meter vor dem  Gehäuse vor die Füße – und er vergibt.

Dennoch war seine Isolation in der ersten Hälfte nicht selbstverschuldet. Ohne Zuspiele kann auch ein Kane keine Wunder bewirken. Englands Spielaufbau war schlicht zu behäbig, um den Kapitän im gefährlichen Raum zu füttern.

Kane Heatmap
Kane HeatmapREUTERS/Peter Cziborra / Opta by Stats Perform

Mit nur 19 Ballkontakten erlebte Kane sein statistisch einsamstes Turnierspiel, bei dem er mindestens 80 Minuten auf dem Feld stand. Zur Halbzeit schraubte er die Bilanz auf magere neun Kontakte (darunter zwei gewonnene Kopfballduelle), während Ghana das Zentrum erfolgreich verriegelte. Da England im gesamten Spiel nur 14 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum verzeichnete, lag das Problem eindeutig in der taktischen Struktur, nicht beim Angreifer selbst. Nach seinen zwei Toren gegen Kroatien fragt man sich unweigerlich, welche Rolle ihm in Boston eigentlich zugewiesen wurde.

Erst die Einwechslungen von Bukayo Saka, Morgan Rogers und Eberechi Eze brachten die nötige Vertikalität und Gefahr. Dass die Bank erneut wie Englands schärfste Waffe wirkte, wirft allerdings unangenehme Fragen bezüglich der Startelf auf.

Der Elefant im Raum fehlt

Thomas Tuchel verzichtete vor dem Turnier auf die Nominierung von Cole Palmer und Phil Foden, weil er schwankende Vereinsleistungen über deren internationale Klasse stellte. Nach dem Auftaktsieg wirkte diese Entscheidung noch mutig und konsequent. Nach dem Boston-Dämpfer dürfte die Debatte darüber jedoch erst richtig Fahrt aufnehmen.

Denn genau das Problem, an dem England gegen Ghana verzweifelte – ein tiefstehendes, diszipliniertes Abwehrbollwerk mit Spielwitz und kreativen Laufwegen zu sezieren –, ist die Paradedisziplin eines Spielers vom Format eines Cole Palmer.

Gegen Panama wird Tuchel mit seinen personellen Entscheidungen vermutlich noch durchkommen; ein überzeugender Pflichtsieg ist fest eingeplant. Doch gegen die taktisch reiferen Schwergewichte in der K.-o.-Runde wird der Spielraum für solche Luxus-Verzichte rapide schrumpfen.

Ruhe bewahren und weitermachen?

Nach Kroatiens knappem 1:0-Erfolg gegen Panama ist England das Achtelfinale kaum noch zu nehmen. Am Samstag wird das Team aller Voraussicht nach den Gruppensieg perfekt machen. Und dennoch hat Boston eine Schwachstelle offengelegt, die der furiose Auftakt nur kaschiert hatte: Findet Declan Rice keine Lücken, bleibt Kane isoliert und werden die Flügelspieler von weitgehend unbekannten Außenverteidigern abgemeldet, fehlt dieser Mannschaft der Plan B.

Zum Auftakt gab es für diese Fragen noch einen Freifahrtschein. In den anstehenden K.-o.-Spielen werden die Gegner England jedoch garantiert keine 78 Prozent Ballbesitz für zwei harmlose Torschüsse schenken. Das triste 0:0 gegen Ghana könnte sich rückblickend entweder als kleiner Betriebsunfall erweisen – oder als der Moment, in dem die englischen Fans ihre Titelambitionen drastisch herunterschrauben mussten.

Zum Match-Center: England vs. Ghana

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