Nach dem irrsinnigen Gefühlschaos in der Stadt der Liebe wurden die Triple-Jäger des FC Bayern unweit der Champs-Élysées mit donnerndem Klatschgewitter zum Bankett empfangen. "Das war ein außerordentlicher Tag, ein historischer Tag!", sagte der Vorstandsvorsitzende Jan-Christian Dreesen mit einem Lächeln und konstatierte beeindruckt: "Es hat noch nie neun Tore in einem Halbfinalspiel der Champions League gegeben."
Match-Center: Paris Saint-Germain vs. FC Bayern München
Tempo, Spielwitz, Einzelaktionen auf Weltniveau: Das 4:5 (2:3) beim Titelverteidiger Paris Saint-Germain war eine Ode an den Fußball - und ließ die Welt staunend zurück. Entscheidend aber blieb eine nüchterne Erkenntnis: "Wir sind ein Tor zurück. Und das gilt es aufzuholen", sagte Dreesen. Im Rückspiel sind die Münchner Mentalitätsmonster zum Siegen verdammt - sonst bleibt in einer Saison der Superlative allenfalls das nationale Double.
Den Final-Schwur für den Traum vom 30. Mai in Budapest hatten die Spieler um den nimmersatten Hundert-Tore-Sturm mit Harry Kane, Michael Olise und Luis Díaz schon abgelegt, ehe sie am Mittwochvormittag mit müden Beinen den Heimflug antraten. "Jeder in der Kabine hat diesen Glauben, hat dieses Gefühl, hat dieses Selbstvertrauen, dass wir zu Hause Paris schlagen können", sagte Joshua Kimmich.
Dayot Upamecano (65.) und Díaz (68.) hatten dem bayerischen Selbstverständnis nach einem Drei-Tore-Rückstand mit ihren Treffern zum 3:5 und 4:5 Nährboden gegeben. Denn: "Wenn du dann so 2:5 hinten bist, dann bist du eigentlich tot. Du sitzt auf der Tribüne und denkst: 'Oh, oh, oh. Was, wie soll das werden?", sagte Dreesen. Auf die Treffer von Torgarant Kane (17., Foulelfmeter) und Olise (41.) hatte Paris schließlich immer eine Antwort bereit gehabt. Chwitscha Kwarazchelia (24./56.), João Neves (33.) und Weltfußballer Ousmane Dembélé (45.+5, Handelfmeter/58.) bestraften die Fehler der anfälligen Bayern-Defensive gnadenlos.
Dass die Bayern zurückkamen gegen PSG, "die sich nach dem 5:2 abgeklatscht haben, als ob sie schon durch sind und nach Budapest fahren", sagte Sportvorstand Max Eberl, sei "besonders". Anführer Kimmich mutmaßte: "In den letzten Jahren wären wir wahrscheinlich weggebrochen." Dreesen sprach von einem "bestandenen Charaktertest".
Gefühlschaos und Vollgas-Fußball
Die Internationale Presse jubelte begeistert vom "Spiel des Jahrhunderts" (The Sun), einem "Fußball-Meisterwerk" (AS) und dem "nackten, puren Wahnsinn" (Blick). "Gab es jemals ein Fußballspiel wie dieses?", fragte der Guardian.
Kimmich sprach von einem "Gefühlsbad". Vier Tore erzielt, aber eben auch fünf Gegentore kassiert - diese Bilanz ließ Grundsatzfragen aus der Vorsaison aufkommen. Eine Diskussion über den aggressiven Mann-gegen-Mann-Stil versuchte Eberl aber im Keim zu ersticken.
"Warum sind wir hier? Weil wir bisher so Fußball gespielt haben. Und jetzt auf einmal das ganze Spiel zu ändern, das wäre völlig absurd." Dennoch seien für das Rückspiel "Anpassungen" notwendig. "Natürlich müssen wir auf die Konterabsicherung ein bisschen mehr aufpassen", sagte Aleksandar Pavlovic.
Dennoch scheint für kommenden Mittwoch (21.00 Uhr/DAZN) das nächste Fußball-Fest programmiert. "PSG wird nicht akzeptieren, es anders zu machen, und wir auch nicht", sagte Trainer Vincent Kompany, der in München nach abgesessener Sperre wieder an der Seitenlinie stehen wird.
Auch Paris-Coach Luis Enrique rechnet erneut mit Vollgas-Fußball: "Das Rückspiel wird genauso laufen wie das Hinspiel. Ich habe meine Mitarbeiter vor fünf Minuten gefragt, wie viele Tore wir zum Sieg brauchen. Mindestens drei!"
Auf ins nächste Gefühlschaos!
