Zwischen Fußballplatz und Wimbledon-Rasen
Sebastian Ofner wurde am 12. Mai 1996 in Bruck an der Mur geboren und wuchs in der Steiermark auf. Sein Vater Hansjörg arbeitet als Softwareentwickler, seine Mutter Gabriela als Büroangestellte. Dazu hat Ofner einen Bruder namens Christopher. Mit dem Tennissport kam er im Alter von sechs Jahren bei einem Camp in der Nähe seines Heimatortes in Berührung. Tennis war zunächst allerdings nicht seine einzige sportliche Leidenschaft. Ofner spielte auch Fußball und musste sich im Alter von zehn Jahren entscheiden, welchen Weg er ernsthaft verfolgen wollte. Seine Wahl fiel auf den Tennisschläger. Im Rückblick bezeichnete er diese Entscheidung gegenüber der ATP als die richtige.
Anders als viele spätere Topspieler durchlief Ofner keine herausragende internationale Juniorenkarriere. Er besuchte bis zu seinem 19. Lebensjahr die Schule und konzentrierte sich erst danach vollständig auf den Profisport. 2015 wurde er Profi, doch zunächst führte sein Weg über die Futures-Tour. Dort gewann er 2016 vier Titel und arbeitete sich Schritt für Schritt in der Weltrangliste nach oben. Der erste große Moment kam überraschend. Im Sommer 2017 reiste Ofner zur Wimbledon-Qualifikation. Rasen war für ihn praktisch Neuland. Vor Beginn der Qualifikation hatte er nach eigener Aussage nur rund zwei Stunden auf dem Belag trainiert. Trotzdem gewann er drei Qualifikationsmatches und erreichte bei seinem ersten Grand-Slam-Auftritt sofort das Hauptfeld.
Dort besiegte er den Brasilianer Thomaz Bellucci und in der zweiten Runde folgte die Sensation. Ofner schlug den damaligen Weltranglisten-18. Jack Sock nach fünf Sätzen. Der Österreicher hatte die ersten beiden Sätze gewonnen, musste den Ausgleich hinnehmen und setzte sich schließlich im Entscheidungssatz durch. „Ich habe das nicht für möglich gehalten“, sagte Ofner nach dem Sieg. Er habe bei einigen Challenger-Turnieren zwar gemerkt, dass ihm nicht mehr viel auf die stärkeren Spieler fehle. In Wimbledon habe es dann aber offenbar „Klick im Kopf gemacht“.
Der Lauf endete in der dritten Runde gegen Alexander Zverev. Trotzdem hatte sich Ofner erstmals einem großen Publikum vorgestellt. Besonders auffällig war seine unaufgeregte Art. Während rund um ihn über die Sensation gesprochen wurde, erklärte er nüchtern, dass er sich inzwischen stärker auf sich selbst als auf den Gegner konzentriert. Wenige Wochen später bestätigte er den Erfolg beim Heimturnier in Kitzbühel. Mit einer Wildcard erreichte er das Halbfinale und zeigte, dass Wimbledon kein vollständig isolierter Ausreißer gewesen war.
Der lange Anlauf in die Top 40
Der schnelle Durchbruch blieb danach dennoch aus. Ofner schaffte es zunächst nicht in die Top 100 und verbrachte einen großen Teil der folgenden Jahre auf der Challenger-Tour. Dort sind die Plätze kleiner, die Reisen oft mühsam und die finanziellen Möglichkeiten deutlich geringer als auf der ATP-Tour. Gleichzeitig ist das Niveau hoch und der Weg in die großen Hauptfelder entsprechend schwierig. Ofner gewann 2018 seinen ersten Challenger-Titel in Astana. Ein Jahr später triumphierte er im mexikanischen Puerto Vallarta, 2022 folgte ein weiterer Turniersieg in Prag. Zwischen diesen Erfolgen standen jedoch immer wieder Verletzungen.
Besonders große Probleme bereitete ihm die linke Ferse. Am Knochen hatte sich eine Veränderung gebildet, die auf die Achillessehne drückte und Entzündungen verursachte. Ofner musste operiert werden, spielte zeitweise aber trotz starker Beschwerden weiter. 2022 bestritt er über mehrere Monate Turniere unter Schmerzmitteln. Die schwierige Phase veränderte auch seinen Blick auf die eigene Karriere. Ofner erkannte, wie schnell der Profisport durch eine Verletzung beendet sein kann. Gleichzeitig gab ihm sein Weltranglistenplatz Hoffnung. Obwohl er nur einen Teil der Saison spielen konnte, beendete er das Jahr noch innerhalb der Top 200. Für ihn war das der Beweis, dass deutlich mehr möglich sein musste, sobald sein Körper wieder mitspielte.
2023 folgte schließlich der Durchbruch. Auf der Challenger-Tour erreichte Ofner in der ersten Saisonhälfte ein Finale nach dem anderen. Den entscheidenden Schritt machte er aber bei den French Open. Als Qualifikant spielte sich der Steirer in Paris zunächst ins Hauptfeld. Dort besiegte er Maxime Cressy und den gesetzten Sebastian Korda. In der dritten Runde setzte er sich nach fünf Sätzen gegen Fabio Fognini durch und erreichte erstmals das Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers.

„Der Schlüssel war, um jeden Punkt zu kämpfen“, erklärte Ofner nach dem Match. Er habe keinen Ballwechsel aufgegeben und versucht, Fognini immer wieder zu einem zusätzlichen Schlag zu zwingen. Genau diese Beharrlichkeit wurde in Paris zu seinem größten Vorteil. Im Achtelfinale war Stefanos Tsitsipas zu stark. Trotzdem verließ Ofner das Turnier mit dem bis heute besten Grand-Slam-Ergebnis seiner Karriere und erstmals als Top-100-Spieler. Wenig später gewann er in Salzburg seinen vierten Challenger-Titel.
Anfang 2024 erreichte Ofner nach einem Halbfinale in Hongkong mit Platz 37 seine beste Weltranglistenposition. Damit war aus dem jahrelangen Challenger-Spieler endgültig ein fester Bestandteil der ATP-Tour geworden. Ein weiterer Höhepunkt folgte im Juni auf Mallorca. Auf Rasen erreichte Ofner sein erstes ATP-Finale. Im Endspiel musste er sich dem Chilenen Alejandro Tabilo geschlagen geben, doch der Finaleinzug schloss einen Kreis. Auf dem Belag, auf dem er 2017 nahezu ohne Vorbereitung erstmals aufgefallen war, stand er sieben Jahre später erstmals in einem ATP-Endspiel.
Der Erfolg konnte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ofner erneut mit Fersenproblemen spielte. Die Beschwerden begleiteten ihn durch den Sommer 2024 und schränkten ihn unter anderem in Kitzbühel und bei den Olympischen Spielen in Paris ein. Nach den US Open beendete er seine Saison vorzeitig. Im September ließ er sich an beiden Fersen operieren. Es folgte die nächste lange Reha. Erst im März 2025, nach rund sechseinhalb Monaten Pause, kehrte Ofner auf die Tour zurück. Der Wiedereinstieg verlief zunächst vielversprechend. In Rom erreichte er die dritte Runde und besiegte mit Frances Tiafoe einen Top-20-Spieler. Wenig später stand er in Genf im Halbfinale, in Wimbledon erreichte er zum ersten Mal seit 2017 wieder die dritte Runde.
Doch die Belastung hinterließ Spuren. Nach den US Open legte Ofner eine mehrwöchige Pause ein und sagte den Davis Cup gegen Ungarn ab. Der Weg zurück habe viel Substanz gekostet und körperliche Spuren hinterlassen, erklärte er damals. Im Herbst verschärften sich die Beschwerden erneut. Neben Schmerzen in beiden operierten Fersen bereitete ihm auch das rechte Handgelenk Probleme. Ofner verzichtete deshalb auf einen Start bei den Erste Bank Open in Wien. Er erklärte, seit seiner Rückkehr nie richtig schmerzfrei gewesen zu sein. Der geplante Saisonabschluss wurde damit erneut von körperlichen Problemen überschattet.
Kraftvolles Tennis und eine unaufgeregte Persönlichkeit
Ofners Spiel lebt von seinem starken Aufschlag und druckvollen Grundschlägen. Mit seiner Größe kann er viele freie Punkte erzielen und versucht, die Ballwechsel früh zu kontrollieren. Seine größten Erfolge feierte er auf Sand und Rasen, grundsätzlich fühlt er sich aber auch auf schnelleren Hartplätzen wohl.
Auf dem Court wirkt Ofner meist ruhig und konzentriert. Große Gesten oder Inszenierungen passen nicht zu ihm. Stattdessen zeichnet ihn aus, dass er auch in schwierigen Phasen im Match bleibt und um jeden Punkt kämpft. Auch abseits des Platzes ist der Steirer eher zurückhaltend. Freunde nennen ihn „Ofi“. In seiner Freizeit trifft er sich gerne mit Freunden, spielt Videospiele und verfolgt Fußball. Sein großes Vorbild im Tennis war Roger Federer.
Ein wichtiger Rückhalt ist sein langjähriges Team. Ofner arbeitet mit Wolfgang Thiem zusammen, auf der Tour wird er von Stefan Rettl begleitet. Die Kontinuität in seinem Umfeld passt zu seiner Karriere. Er setzt nicht auf schnelle Veränderungen, sondern auf Geduld, Vertrauen und langfristige Entwicklung.
