Quo vadis, DFB? Klopp würde nach erneutem frühem Aus alles ändern

Julian Nagelsmann kurz nach Abpfiff der Partie gegen Paraguay
Julian Nagelsmann kurz nach Abpfiff der Partie gegen Paraguay Foto von TOM WELLER / DPA / DPA PICTURE-ALLIANCE VIA AFP

Jürgen Klopp mauert beim Bundestrainer-Amt, aber er fordert einen radikalen strukturellen Neuanfang. Wie handelt der DFB?

Jürgen Klopp breitete live on air seine Vision eines grundlegend modernisierten deutschen Fußballs aus. Bei seinem brutalen Scherbengericht über das WM-Desaster verkniff es sich der "Schattenmann", nach dem Amt des Bundestrainers zu greifen. Seine Analyse jedoch stach gnadenlos in die schwärende Wunde: Quo vadis? Was nun, DFB?

Zum Match-Center: Deutschland vs. Paraguay

Endlich mal runterzusteigen vom hohen Ross des viermaligen Weltmeisters, nach einem vergeudeten Jahrzehnt voller Enttäuschungen, das empfahl Klopp dem Deutschen Fußball-Bund. "Deutschland? Wir waren mal Deutschland", sagte Klopp in aller Härte. "Um wieder Fußball-Deutschland zu werden, müssen wir richtig rangehen!" Und zwar: strukturell.

"Wer sind wir, Weltmeister werden zu wollen?"

Dazu gehört, das Selbstverständnis abzulegen und alles zu hinterfragen. "Wir müssen hundertprozentig ein paar Dinge verändern. Da können wir bei der U10 anfangen und ein paar Jahre warten, was oben rauskommt", sagte Klopp. Ein Beispiel gab der frühere DFB-Akademieleiter Tobias Haupt in einer ernüchternden Bestandsaufnahme: "Wir haben traditionell sehr viel Wert auf Kollektiv, taktisches Verhalten, Verlässlichkeit und Mentalität gelegt. Heute reicht das aber nicht mehr."

Pure Enttäuschung beim DFB-Team
Pure Enttäuschung beim DFB-TeamFoto von TOM WELLER / DPA / DPA PICTURE-ALLIANCE VIA AFP

Auch personell, assistierte Mats Hummels, "schreit es nach Konsequenzen. Sowohl vom Bundestrainer selbst aus als auch vom Verband." Zumindest Gespräche darüber müsse es geben.

Tabula rasa also? Die ersten Stellschrauben, betonte Klopp, seien fußballpsychologisch zu justieren. Woher um Himmels Willen nehme der DFB den Anspruch, nach den niederschmetternden Turnier-Blamagen von 2018 und 2022 vom Titel in Amerika zu reden? "Wir kommen hierhin und wollen Weltmeister werden", sagte Klopp, er schüttelte den Kopf. "Wer sind wir?"

Galgenfrist oder Reißleine für Nagelsmann?

Ja, wer sind wir? Das dürfte die entscheidende Frage sein. Das Mindset eines selbsternannten Favoriten jedenfalls kann auch eine Blockade bilden, das ist nun mehrfach schmerzlich nachgewiesen. "Schaut auf Paraguay", rief Klopp: "Die weinen alle, so viel bedeutet ihnen das Achtelfinale." Die goldene Vergangenheit in der Vitrine zu lassen und selbst "wieder Herausforderer" zu sein, das rät die Trainer-Ikone. "Um dann Spaß zu finden" an einem Turnier.

Die Trainerposition ist der wichtigste kurzfristige Baustein. Ihm fehle "die Fantasie", wie es mit Nagelsmann weitergehen könne, sagte Lothar Matthäus der Bild-Zeitung, er senkte den Daumen wie einst im Kolosseum. Es müsse "nach dieser Weltmeisterschaft mit einem neuen Trainer weitergehen. Das war einfach zu viel."

Doch Nagelsmann geht nicht freiwillig. "Ich möchte das weitermachen", sagte er, "wenn man das nicht will, muss man mir das sagen." Man - das sind DFB-Präsident Bernd Neuendorf, Geschäftsführer Andreas Rettig und Sportdirektor Rudi Völler, der als Gute-Laune-Onkel und Beschützer durch Amerika zog. Auch jetzt sieht er in Nagelsmann "immer noch einen Top-Trainer", den "wahrscheinlich" besten für den Job. Das wäre das Gegenteil eines Neuanfangs auf rauchenden Ruinen. Alleine entscheiden, räumte Völler ein, könne er selbstverständlich nicht.

Kimmich: "Werde nicht aufgeben"

Eine durchaus überraschende Tendenz zum Weiter so, die beim letzten Pfiff in Foxborough undenkbar erschien. Nach Turnierblamagen weiterzumachen, war schon mit Joachim Löw und Hansi Flick falsch. "Ein Jahrzehnt!", sagte Klopp. Ein verschenktes.

Manuel Neuer holte Deutschland ins Elfmeterschießen zurück, musst dann aber den entscheidenden Elfmetergegentreffer hinnehmen
Manuel Neuer holte Deutschland ins Elfmeterschießen zurück, musst dann aber den entscheidenden Elfmetergegentreffer hinnehmenFoto von TOM WELLER / DPA / DPA PICTURE-ALLIANCE VIA AFP

Auf Spielerseite sieht es ähnlich aus. Die "Generation nix" um Kimmich/Goretzka/Sané hat ihre x-te Chance verspielt. "Wer jetzt Anfang 30 ist und vier, fünf, sechs Turniere gespielt hat ohne Erfolg", der solle nun halt den Weg freimachen, forderte Hummels. Manuel Neuer, allerdings schon 40, ist raus. Antonio Rüdiger ließ seine Zukunft offen.

Den Weg freimachen? Joshua Kimmich, bei der WM Kapitän, steht auf der Straße: Er bleibe Nationalspieler, sagte er. "Ich werde nicht aufgeben." Was Jürgen Klopp davon hält, ist noch nicht bekannt.

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