Über eine Stunde nach Spielende schlurfte Neymar mit seiner grün-weißen Baseballkappe zufrieden über den WM-Rasen in Houston und knipste ein paar Selfies mit heraneilenden Volunteers.
In einem ansonsten leer gefegten Stadion genossen Brasiliens Superstar und seine Mitspieler im Kreise der Familien auf der Tribüne den emotionalen Last-Minute-Sieg, der die Selecao nun bis zum ersehnten sechsten Stern tragen soll.

Die Erlösung von Gabriel Martinelli (90.+5) und die anschließende gelbgrüne Gefühlsexplosion beim 2:1 (0:1) gegen Japan hatte Neymar allerdings nur als jubelnder Gratulant erlebt.
Match-Center: Brasilien vs. Japan
Martinelli "fehlen die Worte"
Nach seiner langen Leidenszeit und dem Kurzzeit-Comeback gegen Schottland traute ihm Trainer Carlo Ancelotti die Distanz einer Verlängerung noch nicht zu – und bewies stattdessen mit Martinelli ein goldenes Händchen.

"Mir fehlen die Worte, um die Freude in meinem Herzen zu beschreiben", sagte der 25-Jährige vom FC Arsenal: "All diese Fans zu sehen, die aufgesprungen sind, meine Eltern, meine Freunde... Wahnsinn."
Ancelotti dagegen verzog beim Siegtreffer und Abpfiff keine Miene, er habe "nicht wirklich gelitten", sondern bis zuletzt "Vertrauen in die Mannschaft" gehabt, sagte der 67-Jährige cool.

Japan machte Brasilien das Leben schwer
Dabei hatte es zumindest eine Halbzeit lang nach einem neuerlichen Desaster für den Rekordweltmeister ausgesehen. Der Mainzer Kaishu Sano hatte die aufmüpfigen Japaner mit seinem ersten Länderspieltor in Führung gebracht (29.),
Brasilien wirkte ratlos, bis Ancelotti in der Halbzeit die richtigen Worte fand und "Anführer" Casemiro (56.) mit seinem wuchtigen Kopfball das Comeback einleitete.
Dass der Achtelfinal-Einzug letztlich nicht mit Hurra-Fußball, sondern vielmehr harter Arbeit und purem Siegeswillen gelang, war egal. Letztmals hatte die Selecao 2002 gegen England einen Rückstand in einem K.o.-Spiel noch gedreht – anschließend waren Ronaldo, Ronaldinho und Co. zum WM-Titel gestürmt.

Generalprobe fürs Finale?
Bis zum Endspiel am 19. Juli in East Rutherford ist es für die Südamerikaner aber noch ein weiter Weg. Im Achtelfinale am Sonntag (22.Uhr MESZ) gegen Norwegen oder die Elfenbeinküste können sich die Brasilianer immerhin ein zweites Mal nach dem Auftakt gegen Marokko (1:1) mit ihrem Sehnsuchtsort vor den Toren New Yorks vertraut machen.
"Ja ja, wir sind stark genug", antwortete Ancelotti auf die Frage, ob sein Team bereit sei, nach 24 Jahren endlich auf den WM-Thron zurückzukehren.
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