"Gianni Infantino muss weg", lautete die unmissverständliche Schlagzeile des renommierten Telegraph. Und auf einmal kursierte tatsächlich die Frage, ob einer der womöglich größten WM-Skandale den Mann zu Fall bringen kann, der Kritik stets an sich abperlen ließ, seine Macht über Jahre zementierte und sich nicht erst seit der brisanten Balogun-Begnadigung dem Vorwurf der klebrigen Nähe zu US-Präsident Donald Trump gegenübersieht.
Infantino konnte Reformen umkehren, mit einer dubiosen Doppelvergabe die Endrunden 2030 und 2034 vergeben, die WM nach seinem Gusto verändern, einen Friedenspreis im Namen des Fußballs erfinden, um seinem Kumpel im Weißen Haus zu schmeicheln. Dass US-Stürmer Folarin Balogun nach einem Trump-Anruf beim FIFA-Chef plötzlich doch im Achtelfinale gegen Belgien spielen durfte, kam für viele Politiker, Experten und Funktionäre aus Europa aber einem Tabubruch gleich.
Infantino und Trump – ein teuflischer Pakt
Die Mitteilung, in der die UEFA der FIFA die Überschreitung einer "roten Linie" vorwarf, wertete der Guardian als "Kriegserklärung". Spannungen prägen das Verhältnis zwischen Infantino und UEFA-Boss Aleksander Ceferin seit Jahren. Bislang wagten es die Europäer aber nicht, Infantinos Macht infrage zu stellen. Und nun?
Der Mann aus dem kleinen Örtchen Brig im Kanton Wallis regiert den Weltverband als Alleinherrscher. Infantino entwickelte über die Jahre ein System aus Geld, Gier und Größenwahn, das ihm Einfluss und Zugang zur Weltpolitik verschaffte - insbesondere ins Weiße Haus. Als Ermittlungen in den USA zum FIFA-Skandal von 2015 liefen, fanden Trump und Infantino zusammen.
Trump betrachte die FIFA als "Propagandamaschine", als "perfektes Sprachrohr" für sein "nationalistisches Projekt", wie die Initiative Play the Game analysierte. Im Gegenzug darf sich der Weltverband bei der WM auf die höchsten Einnahmen seiner Geschichte freuen - und Infantino über etliche Milliarden, die er an die Verbände verteilen kann, um seine Position zu sichern.
Kaum Hoffnung auf Veränderung
Der FIFA-Boss gehörte als Anhängsel zuletzt zu Trumps Entourage und handelte sich vor allem aufgrund der Vergabe des Friedenspreises eine Beschwerde der Organisation FairSquare bei der hauseigenen Ethikkommission ein. Laut FIFA-Ethikcode müsste sich der Chef des Weltverbandes eigentlich "politisch neutral" verhalten.
Infantino, der schon im Fokus der Schweizer Behörden gestanden hatte, will im kommenden Jahr im Amt bestätigt werden und könnte aufgrund einer Statutenänderung länger als bislang angenommen bis 2031 an der FIFA-Spitze regieren. Die Konföderationen aus Südamerika, Afrika und Asien sprachen ihm bereits ihre Unterstützung aus. Das allein reicht.
Auf eine Abkehr von Infantino durch die Verbände abseits Europas deutet ohne Beweise für eine politische Einflussnahme auf die Entscheidung der FIFA-Disziplinarkommission im "Fall Balogun" derzeit nichts hin. Selbst wenn die UEFA sich dazu entscheiden würde, einen Gegenkandidaten ins Rennen zu schicken, wäre der Ausgang - Stand jetzt - schon entschieden.
Infantino hätte auf der Tribüne in Seattle also durchaus freundlicher schauen können.
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