Die Toronto Maple Leafs zeigten sich unbeeindruckt und lagen neun Minuten vor dem Ende mit einem Tor in Führung. New York spürte das Ticken der Uhr und brauchte dringend einen Impuls, um im Spiel zu bleiben. Nach einem Puckgewinn in der eigenen Zone und einer schnellen Stafette landete die Scheibe schließlich an der roten Linie auf dem Schläger von Matthew Schaefer. Dann begann die Show.
Schaefer schaltete den Turbo ein, zog unwiderstehlich Richtung Tor und ließ drei Verteidiger wie Slalomkegel stehen. Er tanzte den Puck in der Luft an, verlud den Goalie und schweißte die Scheibe zum Ausgleich in die Maschen. Damit nicht genug: Schaefer legte nach und sicherte den Islanders mit seinem späten Siegtreffer den dramatischen 4:3-Erfolg.
Es entbehrt nicht gewisser Ironie, dass Schaefer vier Spiele vor dem Ende der regulären Saison – beim 5:3-Sieg gegen eben jene Maple Leafs – sein letztes Tor und seinen letzten Scorerpunkt der Spielzeit verbuchte. Die finalen drei Partien verloren die Maple Leafs daraufhin gegen Ottawa, Montreal und Carolina – wobei die beiden letztgenannten Teams derzeit das Finale der Eastern Conference bestreiten.
Nach dem Ende der Regular Season wählten die Islanders-Fans Schaefers Ausgleichstreffer gegen Toronto unumstritten zum Tor des Jahres. Während Experten und Fans landesweit ungläubig staunten, wirkte die Aktion für Schaefer selbst fast schon wie Routine. Es war einfach ein weiterer Moment auf dem Eis, wo er unbestreitbar hingehört.
Einstimmige Entscheidung zum Rookie des Jahres
Die spektakuläre Premierensaison des 18-jährigen Defensivspielers lieferte Highlight-Material in Dauerschleife. Am Ende brachte sie ihm völlig verdient die Calder Memorial Trophy für den besten NHL-Rookie des Jahres ein.
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Das kanadische Ausnahmetalent ist der erste Profi seit 33 Jahren, der diese Auszeichnung einstimmig erhielt – alle 198 Erststimmen entfielen auf ihn. Während eines Live-Interviews bei Good Morning America wurde er mit der Trophäe überrascht. Schaefer kürte sich damit zum jüngsten Rookie der NHL-Historie, der diesen Preis mit nach Hause nehmen durfte – nur einen Tag vor Superstar Nathan MacKinnon.
Die Islanders hatten das junge Phänomen beim NHL Entry Draft 2025 an Gesamtposition eins ausgewählt und warfen ihn sofort ins kalte Wasser. Niemand auf Long Island wollte Zeit verlieren, um den nächsten großen Defensivstar der Liga reifen zu sehen.
Mit 23 Toren und 36 Assists (59 Punkte) in seiner Debütsaison pulverisierte Schaefer den 43 Jahre alten Rekord von Phil Housley für die meisten Scorerpunkte eines 18-jährigen Verteidigers. Auch mit seinen Toren schrieb er die Geschichtsbücher neu: Mit Treffer Nummer 18 überholte er Denis Potvin für die meisten Rookie-Verteidiger-Tore der Franchise-Geschichte; sein 19. Tor übertraf Housleys NHL-Bestmarke für Teenager-Verteidiger.
Schaefer löst Crosby ab
Schaefer startete fulminant mit einer Punkteserie von sieben Spielen in seine NHL-Karriere, wobei ihm bereits in der zweiten Partie sein erstes Tor gelang. Seine vier Spiele mit mehreren Toren sowie seine vier Partien mit mehreren Assists bedeuten ebenfalls historische Bestwerte für einen Rookie-Verteidiger.
Zudem löste er mit seinem Overtime-Treffer gegen die Maple Leafs keinen Geringeren als Sidney Crosby als jüngsten NHL-Rookie ab, dem ein Siegtor in der Verlängerung gelang.
Schaefers enorme Produktivität brachte ihm sofort das Vertrauen des Trainerstabs und tonnenweise Eiszeit ein. Er bestritt alle 82 Saisonspiele und stand im Schnitt 24:41 Minuten pro Partie auf dem Eis – der höchste Wert für einen 18-jährigen Feldspieler in der NHL-Geschichte. Gleichzeitig führte er damit alle Rookies der Saison an.
In 54 aufeinanderfolgenden Spielen knackte er die Marke von 20 Minuten Eiszeit – ein Kunststück, das zuvor keinem Teenager in der Liga gelang.
Meilensteine über Meilensteine
Im März – rund drei Wochen vor dem Ende der regulären Saison – empfingen die Islanders die Chicago Blackhawks im Big Apple. Schaefer stand sage und schreibe 31:59 Minuten auf dem Eis. Das ist die längste Eiszeit, die je für einen Teenager-Verteidiger in einem einzelnen Spiel registriert wurde, seit die NHL diese Daten 1997 systematisch erfasst.
Trotz der enormen Belastung der langen Saison wirkte Schaefer physisch und mental frisch, steuerte einen Assist bei und beendete die Partie mit einem Plus-Minus-Wert von +2.
Und die Liste der Meilensteine reißt nicht ab. Das Wunderkind avancierte zum jüngsten Verteidiger der NHL-Geschichte mit einer 50-Punkte-Saison. Zudem war er durch einen Doppelpack innerhalb von nur 55 Sekunden gegen die Montreal Canadiens der jüngste Spieler der Franchise-Historie, dem zwei Tore in unter einer Minute gelangen.
Schaefers Leistungen brachten ihn sogar ins Blickfeld für den kanadischen Kader der Olympischen Winterspiele. Obwohl er den finalen Sprung in das hochkarätige Aufgbot knapp verpasste, reiste er als Ersatzspieler mit und kehrte nach einer Finalniederlage gegen das Team USA mit der Silbermedaille im Gepäck zurück.
Lob von Legenden
"Wenn ich an Wayne Gretzky, Mario Lemieux, Sidney Crosby, Alex Ovechkin oder Macklin Celebrini in diesem Jahr denke – also an diese Kategorie von Jahrhundertspielern –, dann bin ich überzeugt, dass er definitiv das Potenzial hat, einer von ihnen zu werden", schwärmte Hall-of-Famer Ray Bourque nach Schaefers Debütjahr.
Er war keineswegs der Einzige, der den Youngster mit Lob überschüttete. "Er ist extrem schnell und läuft mit erhobenem Kopf", analysierte Defensiv-Legende Nicklas Lidström. "Er führt den Puck, scannt dabei permanent das Eis und zögert keine Sekunde, Räume eiskalt zu nutzen."
Auf dem Eis ist er eine Urgewalt; abseits der Bande präsentiert sich Schaefer stets bodenständig, mit einem Lächeln im Gesicht und immer offen für die Fans. New York schloss ihn sofort ins Herz. Er avancierte im Handumdrehen zum Publikumsliebling und veränderte die gesamte Kultur rund um das Team.
Sein unermüdlicher Enthusiasmus sorgt für eine positive Dynamik innerhalb der Organisation, seine professionelle Einstellung reißt alle mit. Das spiegelt sich auch im Erfolg wider: Die Islanders holten in der regulären Saison acht Siege und neun Punkte mehr als im Vorjahr.
Schaefer liefert konstante Scorer
"Es gibt verdammt wenige Spieler in dieser Liga, denen so ein Einstand gelingt", brachte es Chris Pronger, ehemaliger Gewinner der Norris und Hart Trophy, auf den Punkt.
Die Islanders spielten lange Zeit eine starke Rolle im Playoff-Rennen, bevor ihnen im späten Frühjahr etwas die Puste ausging. Doch mit einem Eckpfeiler vom Kaliber Schaefers scheint der zukünftige Erfolg vorprogrammiert. In der teaminternen Scorerliste belegte er hinter Routinier Mathew Barzal (72 Punkte) auf Anhieb den zweiten Platz.
"Als 18-Jähriger in einem so medienintensiven Markt wie New York Profi-Eishockey zu spielen, erfordert enorme Reife. Matthew hat mir von Anfang an das Gefühl gegeben, dass er bereit ist", erklärte Islanders-General-Manager Mathieu Darche vor dem Saisonstart im Oktober. "Das hat mich beruhigt. Er hat sich den Platz in der Starting Five für das Auftaktspiel gegen Pittsburgh absolut verdient."
Sechs Monate später hat Schaefer nicht nur bewiesen, dass er in die NHL gehört, sondern dass er das Zeug zum Superstar hat. Er ist für die ganz große Bühne gemacht.
Heftige private Rückschläge
Während auf dem Eis bei ihm alles spielerisch leicht aussieht, musste Schaefer privat bereits extreme Härten überstehen. Im Februar 2024 – nur 16 Monate vor seinem Draft – verlor er seine Mutter Jennifer nach Kampf gegen den Brustkrebs. "Ich danke der Organisation für diese Chance", sagte Schaefer damals sichtlich bewegt in einem Videocall mit dem Management der Islanders. "Ich verspreche, dass ich alles geben werde. Aber vor allem möchte ich meiner Mutter, meiner Familie und meinen Freunden für die Unterstützung danken."
Als sein Name beim Draft aufgerufen wurde und er die Bühne betrat, küsste er einen Aufnäher mit einer rosa Schleife auf der Brust seines neuen Islanders-Trikots. Das Management hatte diesen Patch – ergänzt durch die Initialen seiner Mutter – speziell für diesen Moment anfertigen lassen.
"Als ich die Schleife auf dem Trikot sah, sah ich das Bild vor mir – und auch die Initialen 'J.S.' auf meinem Rücken", erinnerte sich Schaefer. "Das zeigt einfach, was für eine großartige Organisation die Islanders sind. Es bedeutet mir unendlich viel. Ich wünschte, meine Mutter hätte das miterleben können. Aber im Geiste war sie bei mir. Krebs ist schrecklich. Es ging ihr am Ende sehr schlecht, aber sie war trotzdem immer die positivste Person in unserer Familie und hat alles für uns getan."
Der Verlust wog für den Teenager doppelt schwer: Jennifer Schaefer verstarb nur knapp drei Monate nach seiner Schwester Emily, die durch einen tragischen Unfall aus dem Leben gerissen wurde.
Trotz dieser Schicksalsschläge verliert Schaefer nie seine positive Ausstrahlung. Er geht voran und teilt seine Lebensfreude mit anderen. Zu seinem Vater und seinem Bruder pflegt er ein enges Verhältnis; beide begleiteten ihn auch zur Award-Verleihung.
Schaefer gibt etwas zurück
"Wir haben als Familie so viel durchgestanden. Meine Mutter war unsere Stütze. Wir haben schwere Verluste erlitten, aber das hat uns nicht aufgehalten – es hat uns nur noch enger zusammengeschweißt", sagte ein von Tränen überwältigter Schaefer. "Dieses Jahr war emotional und sportlich unglaublich wichtig für mich."
Der Ausnahme-Verteidiger hält das Vermächtnis seiner Mutter lebendig, indem er sich abseits des Eises engagiert. Nur wenige Stunden nach dem Gewinn der Calder Trophy besuchte er mit dem Pokal das Cohen Children's Medical Center, um den Moment mit den schwerkranken Kindern vor Ort zu teilen.
Nach dem Treffen mit den jungen Patienten verkündete Schaefer, dass er gemeinsam mit der Islanders Children's Foundation ein neues Familienzimmer im Krankenhaus eröffnen wird: das Jennifer Child Support Center, benannt nach seiner Mutter.
Der Raum soll im Oktober eröffnet werden. Er wird mit Eishockey-Erinnerungsstücken gestaltet und soll von Krebs betroffenen Familien durch persönliche, Mut machende Botschaften von Schaefer Kraft in schweren Zeiten spenden.
"Es ist mir eine absolute Herzensangelegenheit, dieses Projekt im Namen meiner Mutter und für all die Familien, die gegen den Krebs kämpfen, umzusetzen. Ich kann es kaum erwarten, dass es losgeht", betonte Schaefer, der ankündigte, die Einrichtung mehrmals im Jahr persönlich zu besuchen.
"Ehrlich gesagt geht das weit über den Sport hinaus. Ich bin einfach dankbar, dass ich diesen Kindern ein wenig helfen kann", so Schaefer weiter. "Es ist unfassbar schwer, was sie durchmachen müssen. Aber zu sehen, dass sie trotz allem ihr Lächeln nicht verlieren, macht sie für mich zu echten Vorbildern."
Umgekehrt gilt das genauso: Durch seine Resilienz, sein tiefes Mitgefühl und seinen unbändigen Willen beweist Matthew Schaefer, dass auch nach den dunkelsten Stürmen des Lebens wieder Hoffnung keimen kann. Die NHL ist reich an jungen Ausnahmetalenten – und Schaefer schickt sich an, die Spitze dieser neuen Generation anzuführen.
