Seit Sonntag, 16.35 Uhr, weiß Lewis Hamilton ziemlich genau, wie sich ein Sieg im Ferrari anfühlt. Mit anderthalb Jahren und 31 Rennen Anlauf gewann er erstmals in Rot, ließ die schwerste Phase seiner Karriere hinter sich, "die lange Zeit im Fegefeuer ist zu Ende", schrieb die Gazzetta dello Sport am Montag. Und La Stampa vermutete, dass "das Schicksal" es so wollte: Ausgerechnet in Barcelona, wo Schumacher, der andere Rekordweltmeister, "begann, seine Legende mit Ferrari zu schreiben", gewann nun auch Hamilton erstmals.
Wird also auch der Engländer die Scuderia nun mit der Weltmeisterschaft erlösen? Schumacher brachte den Titel nach 21 Jahren zurück nach Maranello, heute wartet Ferrari bereits 19 Jahre - das wirkt alles beinahe zu kitschig. Es gibt aber tatsächlich gute Gründe, Hamilton in den Kreis der Anwärter aufzunehmen.
Hamilton "bettelte" um Veränderungen – mit Erfolg
Da ist zum einen der Ferrari, der sich in den vergangenen Wochen dank offensichtlich wirkungsvoller Updates zu einem Siegerauto entwickelt hat. Der Erfolg in Barcelona war kein Ausrutscher, schon unmittelbar zuvor war Hamilton in Kanada und Monaco auf Rang zwei hinter WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli gefahren, auf zwei sehr unterschiedlichen Strecken also. Dass der Ferrari-Motor gegenüber dem Mercedes ein Leistungsdefizit hat, ist bekannt. Das gute Auto kann diese Nachteile aber immer häufiger ausgleichen, die einen Kilometer lange Gerade in Barcelona tat dem SF-26 nicht weh.
Zudem kommt Hamilton mit dem neuen Ferrari wieder an sein Leistungslimit heran, das ist ein krasser Gegensatz zum vergangenen Jahr, als er Rennen für Rennen deutlich schwächer war als Teamkollege Charles Leclerc. Er habe um bestimmte Veränderungen "gebettelt", sagte er, "jetzt habe ich das richtige Team und das richtige Auto um mich herum. Jetzt kann ich das tun, was ich am besten kann."
Sogar der Blick auf Mercedes, das zuvor sämtliche sechs Saisonrennen gewonnen hatte, darf den Ferrari-Fans Mut machen. Die Silberpfeile von Antonelli und George Russell fielen in den vergangenen Wochen zweimal mit technischen Problemen aus, das bereitet Mercedes Sorgen. Und das interne Duell zwischen beiden Piloten kann das Team ebenfalls Zeit und Punkte kosten.
Der gefährlichste Faktor für Mercedes ist allerdings Hamilton selbst, obwohl er noch 41 Punkte Rückstand auf Antonelli hat. So sieht es sein einstiger Vorgesetzter. "Wenn er Blut riecht, dann legt er los", sagt Mercedes-Teamchef Toto Wolff, "ich habe selbst viele Jahre gesehen, wie der Lewis-Zug loslegt. Er ist dann schwer zu stoppen." Unter Wolff gewann Hamilton sechs seiner sieben WM-Titel. Mit einem achten wäre er alleiniger Rekordweltmeister - vor Michael Schumacher.
