Die Bundesliga bewunderte Miron Muslic aus der Ferne. "Ich kann mich an viele Tore und an Ereignisse erinnern, die schon 30 Jahre zurückliegen", sagt der Trainer von Schalke 04 im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) vor dem Saisonstart am Sonntag (17.30 Uhr/DAZN) beim FC Augsburg, "an 'ran' mit Jörg Wontorra und Johannes B. Kerner. An das ZDF-Sportstudio, den Doppelpass im DSF. Das waren Fixpunkte am Wochenende."
Damals in den Neunzigern, als der gebürtige Bosnier nach der Flucht mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat in Österreich aufwuchs und kickte, begeisterte er sich für Spieler wie Oliver Kahn, Stefan Effenberg oder Mario Basler. "Freunde der Sonne bei der Pressekonferenz. Die haben schon mal auf den Tisch gehauen", erzählt er lachend.
Nach der Jahrtausendwende sei die Bundesliga "immer ein Traum von mir als Spieler" gewesen, obwohl er "nicht mal ansatzweise" die Qualität dafür hatte. "Aber träumen darf man ja." Jetzt, mehr als 20 Jahre später erfüllt er ihn sich - auf dem zweiten Bildungsweg als Trainer, der als Nobody kam und zum Aufstiegshelden beim Traditionsklub aus Gelsenkirchen wurde.
Als Motivator und Menschenfänger, aber auch als Verfechter klarer Prinzipien hat der 43-Jährige die tief gestürzten Königsblauen zurück in die Bundesliga geführt - und lebt jetzt seinen lang gehegten Traum in einer besonderen Konstellation. Denn Muslic trainiert sein eigenes Vorbild. Als Edin Dzeko 2009 mit dem VfL Wolfsburg sensationell deutscher Meister wurde, wollte er auch Dzeko sein - als Mittelstürmer beim Viertligisten SV Gmunden in der Öberösterreich-Liga.
"Edin ist für uns, was Gary Lineker, Franz Beckenbauer, Rudi Völler, Johann Cruyff für England, Deutschland und Holland sind - eine absolute Legende, ein Held auf und neben dem Platz", sagt Muslic über den bosnischen Rekordnationalspieler und Rekordtorschützen, der nur drei Jahre jünger ist als er. Aus dem Fan ist inzwischen "sein Chef" geworden, das einstige Vorbild soll "ein echter Bessermacher" sein, der Schalke zum Klassenerhalt trägt.
Nicht allein, aber doch in exponierter Rolle. "Er hat eine unglaubliche Vorbildfunktion", betont Muslic, "für sehr viele junge Spieler, aber auch für andere, die schon ein bisschen was gesehen haben, die sich nochmal etwas abgucken." Und auf dem Feld hat der zweimalige englische Meister, Torschützenkönig und zweimalige Pokalsieger in Italien "noch immer seine Präsenz. Jeder Spieler neben ihm ist einen Tick besser."
Struktur und Organisation
Seine Tore braucht Schalke ebenso wie die Spielweise, die Muslic implementiert hat: "Wir werden weiterhin aggressiv, intensiv und mutig spielen. Wir können nicht anders. Das ist die Schalke-DNA." In der Aufstiegssaison bewies der Trainer, der vom englischen Zweitligisten Plymouth Argyle gekommen war, viel Mut, als er in der Winterpause sein System von der besten Defensive der deutschen Profiligen auf mehr Offensive umstellte.
"Ich habe meine Familie nicht vor fünf Jahren verlassen, um ein Feigling zu sein, sondern um klare und konsequente Entscheidungen als Cheftrainer zu treffen", sagt Muslic: "Ich hätte Bauchweh, schlechten Schlaf und Appetitlosigkeit, würde ich meine Prinzipien nicht vertreten - ohne dabei mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen."
Dass er Spieler wie Kapitän Kenan Karaman, der zum Gesicht des Schalker Absturzes geworden war, stark redete, gehörte zu seinem Erfolgsrezept. "Aber Rhetorik und Motivation sind nur ein kleiner Bestandteil der tagtäglichen Arbeit. Nach ein paar Wochen hätte dich die Mannschaft durchschaut, dann hilft dir auch die tollste Eloquenz nicht." Dann müssen Struktur und Organisation auf dem Feld funktionieren.
Wenn nicht, kann Muslic durchaus laut werden, wie die Aufstiegsdoku "Mythos Schalke", die am Mittwoch Kinopremiere hatte, offenbart: Nach einer Last-Minute-Niederlage stauchte er seine Spieler zusammen, drohte, mit der U19 zu spielen, und vermisste die "fucking Widerstandsfähigkeit". Die Schalke in der Bundesliga erst recht brauchen wird.
