Wir werfen einen genauen Blick auf das Tableau der Herren und analysieren, wer von einer machbaren Auslosung profitiert – und wer den steinigsten Weg ins Finale vor sich hat.
Erstes Viertel
Gesetzt: Jannik Sinner (1), Ben Shelton (5), Alexander Bublik (9), Luciano Darderi (14), Frances Tiafoe (19), Arthur Rinderknech (22), Tallon Griekspoor (29), Corentin Moutet (30)
Für Sinner ist es ein Traumlos – auch wenn man ehrlicherweise sagen muss: Ganz egal, wer ihm zugelost worden wäre, das Fazit bliebe wohl dasselbe. Der Südtiroler agiert derzeit in eigenen Sphären, und es fällt schwer zu glauben, dass ihn in diesem Abschnitt jemand ernsthaft ins Schwitzen bringen kann.
An seinem Halbfinaleinzug gibt es kaum Zweifel, allerdings dürfte sein prognostizierter Achtelfinalgegner Ben Shelton vorzeitig die Segel streichen. Trotz seines Titels in München vor wenigen Wochen enttäuschte der an Nummer fünf gesetzte US-Amerikaner zuletzt auf Sand. Gut möglich, dass Alexander Bublik ihn aus dem Turnier nimmt – obwohl der Kasache selbst nicht in Bestform agiert.
Prognose: Sinner besiegt Bublik im Viertelfinale
In einer Neuauflage des letztjährigen Viertelfinals, als Bublik mit sensationellem Tennis überraschte, wird Sinner diesmal kurzen Prozess machen und in glatten Sätzen gewinnen. Der Kasache leidet gegen den Italiener unter einem mentalen Komplex und scheint sich meist schon vor dem ersten Ballwechsel mit der Niederlage abzufinden.
Zweites Viertel
Gesetzte: Felix Auger-Aliassime (4), Daniil Medvedev (6), Flavio Cobolli (10), Learner Tien (18), Valentin Vacherot (16), Cameron Norrie (20), Francisco Cerundolo (25), Brandon Nakashima (31)
Dieses Viertel präsentiert sich völlig offen. Felix Auger-Aliassime, der nominell am höchsten gesetzte Profi in diesem Abschnitt, steht sinnbildlich dafür: Der Kanadier ist zwar spielerisch stark, seine Sandplatzbilanz bleibt jedoch ausbaufähig, und in Paris kam er noch nie über das Achtelfinale hinaus.
Dahinter lauert Daniil Medvedev, dessen tiefe Abneigung gegen die rote Asche bekannt ist und dessen jüngste Grand-Slam-Ergebnisse zu wünschen übrig ließen. Öffnet das die Tür für ausgewiesene Sandplatzspezialisten wie Cobolli, Vacherot oder Cerundolo? Eine Prognose fällt hier extrem schwer.
Prognose: Vacherot schlägt Medvedev im Viertelfinale
Hier war langes Grübeln angesagt. Letztlich tippe ich darauf, dass Valentin Vacherot sein persönliches Märchen der letzten acht Monate fortschreibt und sensationell ins Halbfinale einzieht. Jeder Grand Slam braucht einen Überraschungs-Halbfinalisten, und der Monegasse bringt das Zeug dazu mit. Nach seinem starken Halbfinallauf beim Heimturnier in Monte Carlo fühlt er sich auf Sand pudelwohl. Es würde mich zwar nicht wundern, wenn sich am Ende Medvedevs Klasse durchsetzt, aber mein Mutmacher-Tipp geht an Vacherot.
Drittes Viertel
Setzliste: Novak Djokovic (3), Alex De Minaur (6), Andrey Rublev (11), Casper Ruud (15), Tomas Martin Etcheverry (23), Tommy Paul (24), Jakub Mensik (26), Joao Fonseca (28)
Erstmals setze ich bei einem Major nicht auf Novak Djokovic – ganz einfach, weil der Grand-Slam-Rekordsieger eine absolute Horror-Auslosung erwischt hat. Will er Major-Titel Nummer 25 holen, muss er ein echtes sportliches Wunder vollbringen.
Schon der Auftakt gegen den französischen Publikumsliebling Giovanni Mpetshi Perricard wird ungemütlich. Mit Toptalent Joao Fonseca in Runde drei und Casper Ruud im Achtelfinale wartet ein brutaler Parcours, der Djokovic physisch und mental alles abverlangen wird, noch ehe das Viertelfinale überhaupt in Sicht ist.
Prognose: Ruud besiegt Rublev im Viertelfinale
In dieser Sektion setze ich voll auf Casper Ruud. Bei seinem Finaleinzug in Rom präsentierte sich der zweimalige Roland-Garros-Finalist in absoluter Topform. Auf seinem absoluten Lieblingsbelag strotzt der Norweger wieder vor Selbstvertrauen. Zwar überzeugte auch Andrey Rublev zuletzt mit starken Auftritten in Barcelona und Rom, doch der Russe wird wohl zum elften Mal in seiner Karriere an der Viertelfinal-Hürde eines Grand Slams scheitern.
Viertes Viertel
Gesetzt: Alexander Zverev (2), Taylor Fritz (7), Jiri Lehecka (12), Karen Khachanov (13), Arthur Fils (17), Alejandro Davidovich Fokina (21), Rafa Jodar (27), Ugo Humbert (32)
Auf Alexander Zverev wartet eine knifflige Aufgabe. Dass ausgerechnet Taylor Fritz in seinem Viertel lauert, dürfte dem Deutschen nicht gefallen. Zwar bestritt der US-Amerikaner in dieser Saison verletzungsbedingt nur ein Match auf Sand (eine Niederlage gegen Alexei Popyrin) und gilt nicht als Sandplatz-Liebhaber, doch er ist ein echter Angstgegner für die deutsche Nummer eins: Fritz führt im direkten Vergleich deutlich mit 9:5 und entschied die letzten sechs Duelle für sich.

Zudem präsentiert sich der französische Youngster Arthur Fils nach seiner Verletzungspause rechtzeitig zum Heim-Grand-Slam in blendender Verfassung. Und dann ist da noch Teenager Rafa Jodar, dessen raketenhafter Aufstieg in den letzten Wochen die Tenniswelt verzückte.
Prognose: Zverev schlägt Lehecka im Viertelfinale
Trotz der Stolpersteine sehe ich Zverev vorn. Über die Best-of-Five-Distanz ist er eine absolute Macht, er stand in Paris bereits im Finale und scheut die physische Schinderei nicht. Fritz traue ich den Einzug in die Runde der letzten Acht nicht zu, und für Jodar ist es erst der zweite Grand-Slam-Auftritt seiner Karriere. Der konstant spielende Jiri Lehecka hat daher gute Chancen auf das Viertelfinale. Zverevs größte Hürde wird vermutlich das Achtelfinale gegen Fils – dank seiner enormen Major-Erfahrung wird er sich dort jedoch durchsetzen und am Ende des Turniers seinen ersehnten ersten Grand-Slam-Titel feiern.
Halbfinal- und Finalprognosen
Halbfinale 1: Sinner gewinnt gegen Vacherot
Halbfinale 2: Ruud besiegt Zverev
Endspiel: Sinner besiegt Ruud
Ein unspektakulärer Tipp, zugegeben. Doch in einer Neuauflage des Masters-Finals von Rom wird sich Jannik Sinner seinen sechsten Titel in Serie sichern. Damit würde er seine historische Siegesserie auf 36 Matches ausbauen – der drittlängste Lauf in der ATP-Geschichte seit 1990. Alles andere als sein fünfter Major-Titel und die Komplettierung des Karriere-Grand-Slams wäre eine Sensation epischen Ausmaßes.
Ein spannender statistischer Nebenaspekt: Sollte Sinner bis Wimbledon pausieren, könnte er mit dem Titel in Paris und einer erfolgreichen Titelverteidigung in London die historische Bestmarke von Novak Djokovic einstellen, der saisonübergreifend 2010/2011 saisonübergreifend 43 Siege in Serie feierte. Der Allzeit-Rekord in der Open Era liegt übrigens bei 49 Siegen, aufgestellt von Björn Borg im Jahr 1978.

Es würde mich nicht einmal wundern, wenn Sinner im gesamten Turnierverlauf ohne Satzverlust bleibt. Nach dem verletzungsbedingten Verzicht von Carlos Alcaraz demonstriert der Italiener eindrucksvoll, warum er der Konkurrenz meilenweit voraus ist. Casper Ruud wird zwar erneut ein herausragendes Turnier spielen und Zverevs Träume im Halbfinale beenden, muss sich jedoch auch in seinem vierten Grand-Slam-Finale – dem dritten in Paris – mit der Rolle des ewigen Zweiten abfinden.
