Rosa in der Faust, Gelb im Kopf: Vingegaard fährt beim Giro in Tour-Form

Jonas Vingegaard nach der 14. Etappe beim Giro d'Italia
Jonas Vingegaard nach der 14. Etappe beim Giro d'ItaliaREUTERS/Jennifer Lorenzini

Eingepackt in eine Eisweste fuhr Jonas Vingegaard nach der Machtdemonstration in der Gluthitze des Aostatals seine Beine auf der Rolle locker und wirkte entsprechend cool. "Es war mein Traum. Dieser Sieg wird mir lange in Erinnerung bleiben", sagte der dänische Radsportstar, nachdem er nach über zwei Wochen dann doch die Giro-Gesamtführung übernommen hatte. Dabei klang Vingegaard mehr höflich als euphorisch - denn der Giro ist trotz aller Bedeutung nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum Gigantenduell mit Tadej Pogacar.

Der in Italien unantastbare Vingegaard wird, wenn ihn nicht der Blitzschlag ereilt, am kommenden Sonntag in Rom im berühmten Maglia Rosa den Gesamtsieg feiern. Am Berg steht er, wie sein dritter Etappensieg bei der dritten Gipfelankunft am Samstag belegte, mindestens eine Klasse über den Konkurrenten. 2:26 Minuten beträgt sein Vorsprung bereits vor den schweren Dolomiten-Exkursionen der Schlusswoche.

"Ich habe mich sehr stark gefühlt", sagte Vingegaard. Was eigentlich unnötig war, weil es jeder gesehen hatte. "Er hat Rosa nun fest in seiner Faust", titelte La Gazzetta dello Sport.

Historischer Meilenstein voraus

Mit dem wohl unabwendbaren Giro-Sieg wird Vingegaard seine Grand-Tour-Titelsammlung komplettieren - die Tour de France hatte er 2022 und 2023 gewonnen, die Vuelta 2025. Es wäre ein weiterer Schritt in Vingegaards wunderbarer Wandlung vom Fischfabrik-Arbeiter in Hanstholm zu einem der erfolgreichsten Radprofis der Welt.

Erst acht Fahrer haben alle drei großen Landesrundfahrten mindestens einmal gewonnen, vornehmlich Giganten wie Merckx, Hinault und Anquetil. Als bislang letztes Mitglied gehört seit 2018 Chris Froome zu diesem erlesenen Herrenklub.

Wer nicht dazu gehört: Pogacar. Der fünfmalige Toursieger und Giro-Champion von 2024 hat dieses Ziel aber schlichtweg noch nie ernsthaft verfolgt - seine einzige Vuelta bestritt er 2019 als erste große Rundfahrt überhaupt, wurde damals Dritter. Doch auch wenn Pogacar nach einem pickepackevollen Klassikerfrühjahr nun beim Giro fehlt - Vingegaard wird ihn nicht los.

Pogacar nämlich, so führen die Kritiker des Dänen nun wieder an, fehlten bei seinem Giro-Sieg zwar gleichermaßen ernstzunehmende Rivalen. Der Slowene aber bot damals unabhängig davon eine große Show, fuhr angriffslustig, gewann schließlich mit zehn Minuten Vorsprung und triumphierte wenig später auch bei der Tour. Weit vor Vingegaard, der beim damaligen Giro - noch verletzt - fehlte.

Vingegaard als "Best of the Rest"

Vingegaard fährt in diesen Tagen anders als Pogacar: Analytisch, vorausschauend - maximaler Erfolg mit Mindestaufwand, so lautet im Hinblick auf das Tour-Duell ab Anfang Juli mit Pogacar die Übereinkunft. "Das Wichtigste ist, dass wir den Giro gewinnen. Es ist nicht unser Ziel, zu dominieren", sagte Visma-Sportdirektor Marc Reef.

Es dürfte letztlich auf beides hinauslaufen: Vingegaard dominiert den Giro qua seiner Fähigkeiten fast zwangsläufig, sich noch mehr einzubremsen, wäre nicht zielführend. Denn auch das zeigt diese Rundfahrt überdeutlich: Vingegaard ist der mit großem Abstand beste aller Radprofis, die nicht Pogacar heißen. Und der Kampf um Rosa ist deswegen nicht ansatzweise so aufregend, wie es der Kampf um Gelb im Juli zu werden verspricht.